Das Märchen vom letzten Gedanken

Edgar Hilsenrath


Edgar Hilsenrath hat den Horror des 20. Jahrhunderts selbst erlebt und auf unsentimentale Weise dargestellt. Nun wird sein Werk neu aufgelegt.

Edgar Hilsenraths Eintritt in die Literaturszene glich einer Bruchlandung: 1964 erschien sein Romanerstling "Nacht", der das Leben und Sterben in einem Ghetto in Transnistrien schilderte - dem an das mit Nazideutschland kollaborierenden Rumänien gefallenen Teil der Ukraine. Hilsenrath kannte die Umstände aus erster Hand: Er selbst hatte zweieinhalb Jahre im Ghetto von Moghilev-Podolsk überlebt. Er schilderte einen "Warteraum des Todes" (Jean Améry), in dem die Grenzen zwischen Opfern und Tätern zum Verschwimmen gebracht wurden und aus dem sich die Hoffnung gänzlich zurückgezogen hatte. In dieser Gegenwelt waren heroische Tugenden für den Überlebenskampf nicht nur gleichgültig, sondern geradezu gefährlich.

Angesichts von Hilsenraths ungeschminkten Beschreibungen wurde verlagsintern und vonseiten mancher Kritiker der Vorbehalt laut, der Text könnte in Deutschland missverstanden werden; was schließlich dazu führte, dass das Buch vom Markt genommen wurde. Nicht Wahrhaftigkeit, sondern Didaktik, nicht Kunst, sondern Erbauung wurden erwartet. Kaum in die deutsche Literatur eingetreten, war Hilsenrath auch schon wieder aus ihr verschwunden.

Nach diesem Rückschlag gelang es dem damals in New York lebenden Autor, den Roman in einer Übersetzung am angloamerikanischen Markt zu platzieren: Allein in den USA wurden davon eine halbe Million Exemplare verkauft. Sein nächstes Buch "Der Nazi & der Friseur" - wie alle seiner Texte auf Deutsch verfasst - erschien vorsorglich gleich einmal in englischer Fassung, ehe es von mehr als einem Dutzend deutscher Verlagshäuser abgelehnt wurde. Der Roman erzählt die Geschichte eines "durchschnittlichen" Nazitäters, der die Rolle eines ihm von Kindertagen an vertrauten Opfers annimmt. Mit diesem identifiziert er sich so vollkommen, dass er am Aufbau des Staates Israel teilnimmt und sich seine jüdische Identität so konsequent zurechtlegt, dass es ihm als Wahnsinn ausgelegt wird, als er schließlich seine Schuld eingesteht: eine gelungene "Assimilation" der grotesken Art, vorgeführt als satirisches Furioso.

"Der Nazi & der Friseur", dessen beträchtlicher Publikumserfolg durch einen Verlagskonkurs geschmälert wurde, und die wieder aufgelegte "Nacht" wurden zu Prüfsteinen dafür, wie groß die Bereitschaft der Öffentlichkeit war, den Überlebenden zuzuhören, anstatt sich in selbstgerechtem Philosemitismus zu gefallen. Überwältigend war sie kaum: Nicht bloß einmal musste sich der Jude Hilsenrath von den Deutschen sagen lassen, wie man über die Massenvernichtung und ihre Folgen angemessen zu schreiben habe.

Mit den Romanen "Moskauer Orgasmus" (1979) und "Bronskys Geständnis" (1980) fand Hilsenrath dann zunehmend zu einer höchst eigenwilligen Erzählform, in der Dialoge als Frage- und-Antwort-Spiele die Handlung vorantreiben. In den folgenden beiden Arbeiten verzichtete er auf erzählerische Linearität und begann Vor- und Rückblenden kunstvoll zu verschachteln. Faktisches und Fantasiertes werden dabei beständig in Schwebe gehalten.

"Das Märchen vom letzten Gedanken" (1989) ist ein Buch, wenn nicht sogar das Buch über den Armeniermord von 1916. In ihm zieht Hilsenrath alle Register seines Könnens, am Einzelnen die Gewalttätigkeit einer Epoche sichtbar zu machen. Legenden und historische Fakten verschmelzen zum Gesamtbild einer historischen Katastrophe. Aus welchem Zusammentreffen von Banalem und Folgenschwerem, Durchdachtem und Spontanem ein Pogrom entsteht - kein Historiker, kein Journalist, aber auch kein Schriftsteller hat es je so zu zeigen vermocht wie Hilsenrath mit seinem poetischen, von keiner Phrase entstellten Text.

Mit derselben erzählerischen Intensität errichtet "Jossel Wassermanns Heimkehr" (1993) dem Schtetl, das Hilsenrath noch selbst erlebt hat, ein unvergleichbares Denkmal. Dem modischen Gerede von einer "versunkenen Welt" des Ostjudentums, die doch in Wahrheit eine gewaltsam vernichtete war, setzt er ein literarisches Verfahren entgegen, das billiges Sentiment ausschließt: Das Leben im Schtetl, geschildert anhand mehrerer Generationen einer Familie, wird von seinem Ende her beschrieben. Die Titelfigur, ein aus Galizien stammender und in der Schweiz zu Reichtum gekommener Matzefabrikant, bedenkt auf dem Sterbebett einen noch im Osten lebenden Neffen reichlich. Doch das große Morden hat gerade begonnen, und aus der Rahmengeschichte weiß der Leser bereits, wo sich der Adressat von Jossels Zuneigung befindet: in einem Viehwaggon auf dem Weg ins Vernichtungslager.

Eine im Vergleich zum Armenier- und zum Schtetl-Roman schlichtere Erzählhaltung tritt bei Hilsenrath immer dort auf, wo das selbst Erlebte im Zentrum steht. Bezeichnete Hilsenrath "Nacht" noch als eine "erfundene Wahrheit", so tragen "Die Abenteuer des Ruben Jablonski" (1997) den unzweideutigen Untertitel "Ein autobiografischer Roman". Jablonski, Hilsenraths Alter Ego, ist wie beinahe alle Figuren des Autors eine Schelmennatur, die im Kontrast zu den brutalen Ereignissen steht, die über sie hereinbrechen; eine Displaced Person im wahrsten Sinne des Wortes: die Deutschen haben ihn vertrieben, die Rumänen ins Lager gesteckt; von Palästina verschlägt ihn die Familienzusammenführung schließlich nach Frankreich. Getrieben von (zumeist unerfüllten) sexuellen Wünschen, stolpert Jablonski durch die Kulissen, die sein Jahrhundert für ihn errichtet hat. Satire und Grauen kommen so knapp nebeneinander zu liegen, dass dem Leser das gerade noch herzhafte Lachen auch schon wieder im Halse stecken bleibt.

Eine Schande ist es, dass der Piper-Verlag, zu dessen Autoren Hilsenrath zählte, dessen Werk als lästige und unrentable Bürde einfach abgestoßen hat, eine Freude hingegen, mit welcher Sorgfalt und Zuwendung der Dittrich-Verlag und der Herausgeber der Hilsenrath-Edition, Helmut Braun, sich dieses Schatzes annehmen. Nun hat der im letzten Jahr mit dem Lion-Feuchtwanger-Preis ausgezeichnete Autor hoffentlich einen Publikationsort gefunden, mit dem das ewige Auftauchen und Verschwinden vom Buchmarkt beendet sein wird.

Edgar Hilsenrath ist bei allem Spielen mit der Form ein Traditionalist geblieben, der das hergebrachte Inventar souverän beherrscht und mancher totgeglaubten Gattung, wie dem Märchen, der Legende oder der jiddischen Schelmengeschichte, wieder Leben einzuhauchen vermochte. Damit ist ihm nicht weniger gelungen als eine Urkraft des Erzählens wiederzugewinnen: den Vor-Schein einer Überwindung des individuellen Todes durch die kollektive Überlieferung der Schrift.

Edgar Hilsenraths gesammelte Werke in 11 Bänden erscheinen im Kölner Dittrich-Verlag und werden von Helmut Braun herausgegeben. Als Band 6 der Werkausgabe erscheint Anfang April "Das Märchen vom letzten Gedanken". Helmut Brauns Hilsenrath-Biografie "Ich bin nicht Ranek" soll ebenfalls noch im Frühjahr erscheinen.

Stephan Steiner in FALTER 11/2005



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