Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern

Erik Möller


Durch Weblogs, Wikipedia und Co sieht Erik Möller eine Medienrevolution heraufdämmern.

Zwischen den beiden Weltkriegen machte Bert Brecht einen Vorschlag zur Verbesserung des Radios: "Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, wenn er es verstände, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur zu hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen." Verwirklicht wurde diese Utopie des Radios nie.

Laut Brecht waren die gesellschaftlichen Verhältnisse dazu einfach noch nicht reif. Zumindest technologisch hat sich das rund siebzig Jahre später aber geändert. Durch das Internet spielt sich eine "heimliche Medienrevolution" vor unseren Augen ab. Und genau diesen Titel trägt auch das neue Buch von Erik Möller. Die These des Journalisten und Informatikers: Weblogs, Wikis und freie Software verändern unsere Welt - eine Veränderung ganz im Sinne von Bert Brecht.

Das Internet sei das Medium der Kommunikation und der Zusammenarbeit von Menschen, meint Möller. Nirgendwo sehe man das besser als bei der Entwicklung von Open-Source-Programmen. Entsprechend widmet Möller ein ganzes Kapitel diesen frei verfügbaren, mit offenem Quellcode geschriebenen Anwendungen. Das verliert sich zwar oft in technischen Details. Doch auch der durchschnittliche Windows-Anwender kommt auf seine Kosten. Die Faustregel lautet: Es gibt für so gut wie jede hochpreisliche Software eine freie Alternative - vom Office-Paket über Datenbanken bis zur Bild- oder Videobearbeitung. Außer den Produzenten kommerzieller Software können sich darüber alle mit dem Autor freuen.

Woher sein Optimismus kommt, dass durch diese Entwicklungen auch mehr demokratische Beteiligung möglich ist, wird aber weniger klar. Zumindest einen konkreten Ansatz liefert Möller aber doch: Direkte Demokratie sei erst möglich, wenn freie Medien eine gewisse Dominanz erreicht haben. Zwar ist es "noch schwer, im Internet hochwertige alternative Informationen wie etwa Nachrichtenquellen zu finden. Doch die technischen Grundlagen für diese Veränderungen sind längst geschaffen."

Weblogs als eine Möglichkeit dazu sind Möller ein ganzes Kapitel wert. Er nennt unter anderem das kollaborative Weblog Slashdot, das es bereits seit 1997 gibt und das vor allem bei Nerds beliebt ist. Auch Politblogs werden zunehmend zu einer Alternative zum klassischen Journalismus. Das zeigen einige "Erfolgsgeschichten" aus den USA: Konservative Blogger trugen dort zum Sturz von Vertretern klassischer Medien bei. Im Vorjahr traf es den langjährigen CBS-Reporter Dan Rather, erst Mitte Februar den CNN-Nachrichtenchef Eason Jordan. Beide hatten Kritik an der US-Regierung geübt und wurden auch durch massive Blogger-Kampagnen aus ihren Ämtern gejagt.

Reaktionäre Weblogs verstehen sich als "Sprachrohr des Volkes" gegen sogenannte linksliberale Massenmedien. Das beweist, dass mehr Demokratie nicht immer zu den erwünschten Folgen führt. Möller hält an seiner Utopie dennoch fest. Sein konkreter Tipp für eine bessere Zukunft: "Schaffen Sie Ihren Fernseher ab und informieren Sie sich aus dem Internet. Am wichtigsten aber ist, dass Sie Ihr Wissen mit anderen teilen."

Lukas Wieselberg in FALTER 11/2005



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