Diskursguerilla: Wortergreifung und Widersinn. Die Zapatistas im Spiegel der mexikanischen und...

Anne Huffschmid


Die Guerilla und ihre Resonanzen: Jon Lee Anderson hat sich bei Aufständischen in aller Welt - von El Salvador bis Nordafrika - umgesehen.

Der Guerillero oder, wie er früher hieß, der Partisan ist seit jeher eine faszinierende Figur. Einer, der die Regeln des Krieges bricht und die klassischen Formeln von Armee, legitimer Kriegserklärung, Schlachtordnung und Konflikthegung unterläuft. Aber der Mythos des Guerilleros geht weit über das hinaus. Denn mit der Selbstermächtigung zu legitimer Gewalt geht fast immer auch Weltveränderungspathos einher - in seiner schwächsten Form: nationale Befreiung; in seiner stärksten Form: soziale Befreiung, Schaffung einer neuen Welt für - und mit - neuen Menschen. Zerstören, damit eine neue Welt entstehen kann; töten für das Gute.

Der linke Guerillero, der von Asien bis Lateinamerika die Fantasie rebellisch gestimmter Europäer beflügelte, griff zu den Waffen, damit eine friedliche Welt entstünde, und er tötete, damit niemand mehr getötet würde. So jedenfalls hat man sich das in etwa vorgestellt. Und ihn umwehte etwas Märtyrerhaftes: Wer sich für den Dschungelkrieg entschied, durfte mit keinem langen Leben rechnen. Deswegen ist eine Guerillageschichte auch immer eine Passionsgeschichte - für alle Zeiten versinnbildlicht im abgerissenen, von Kugeln durchsiebten Leichnam des Che.

Der US-amerikanische Reporter Jon Lee Anderson hat mit "Guerillas - töten für eine bessere Welt" nun Innenansichten diverser Guerillagruppen vorgelegt. Anderson ist als Reporter des New Yorker eine große Nummer, Mitte der Neunzigerjahre sorgte er mit einer grandiosen Che-Biografie für Aufsehen. In seinem neuen Buch untersucht er nun, "warum ganz gewöhnliche Leute sich entschließen, in den Krieg zu ziehen", was sie dazu bringt, die unsichtbare Linie "zu einer Art Parallelwelt" zu überschreiten, "in der die Wahrscheinlichkeit zu überleben geringer ist als die zu sterben".

Um das herauszufinden, hat Anderson sich ziemlich großräumig umgetan: Viel Zeit verbrachte er mit den Guerilleros der salvadorianischen FMLN, mit den Polisario-Kämpfern in Nordafrika, bei den aufständischen Karen im Südosten Burmas, bei afghanischen Mudschahedin und bei Intifada-Kämpfern im Gazastreifen. Die Schwäche des Buchs besteht eindeutig darin, dass Anderson die Schauplätze durchwegs in den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren bereiste.

An den prinzipiellen Einsichten ändert das natürlich nichts: An der Selbstmythologisierung, daran, wie schnell Heldengeschichten in Umlauf geraten, welche Bedeutung Leidensgeschichten erlangen und wie groß die Versuchung zur permanenten Selbstviktimisierung ist; wie die Kriege aber auch Modernisierungsprozesse beschleunigen, weil sie traditionelle Autoritäten zersetzen. Im Aufstandsgebiet wächst die Guerilla, weil die meisten gar keine andere Wahl haben, als sich ihr anzuschließen - einfache Bauern werden oft von Regierungstruppen hingemetzelt.

Der Tod ist alltäglich. Brutalisierung auch: Gefangene werden meist einfach umgebracht, man kann sie ja schwer mit sich führen im Dschungelkrieg. Dabei wird kaum ein Guerillakrieg militärisch gewonnen. Die Waffe zu erheben ist Teil eines kämpferischen Textes und Teil einer Bildsprache. Findet dieser Diskurs keinen Resonanzraum - sei es national, sei es international - wird die Guerilla schnell militärisch aufgerieben, wie Anderson am Beispiel der Karen zeigt.

In positiver Hinsicht wurde das an jener Partisanenbewegung deutlich, die in den Neunzigerjahren für die meiste Furore im Westen sorgte: die zapatistische EZLN in der mexikanischen Provinz Chiapas mit ihrer globalen Idolfigur, dem Subcomandante Marcos. Und die EZLN ist eine Guerilla, die schon nicht mehr Krieg führte: den Kämpfen um die Silvestertage 1994 folgte ja ein jahrelanger Waffenstillstand, während dem die Guerilla ihren Gegner mit Texten beschoss und mit paradoxen Interventionen voller Witz und Aberwitz.Der Titel ist bezeichnend: "Diskursguerilla" nennt Anne Huffschmid ihre hervorragende Studie über die mexikanischen Zapatisten. Die deutsche Journalistin und Lateinamerikanistin hat einen Großteil der Neunzigerjahre in Mexiko verbracht. In ihrem Buch versucht sie die "Lektüre einer Rebellion" und behandelt sie den "ersten postkommunistischen Aufstand des 21. Jahrhunderts" als Text und gibt seinen Resonanzen viel Raum. Die Innenansicht dieses indigenen Aufstandes der "bewaffneten Gewaltlosigkeit", dieser "literarisch ambitionierten Kulturguerilla" ist vor allem auch deshalb brillant, weil Huffschmid, zwar hart am Exempel argumentiert und dennoch allgemein verdeutlicht, wie heute hierarchisch Niedriggestellte gegenüber Höhergestellten reüssieren können, wenn sie nur den Krieg als Sprechakt verstehen und den Konflikt als Diskurs. Im Fall der Zapatistas: Ihre Waffe ist ihr Stil, ihr Führer der "Caudillo wider Willen" mit der Wollmütze, der die "Senora Zivilgesellschaft" zum Tanz bittet.

Robert Misik in FALTER 11/2005



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