Zwei Jahre aus meinem Leben mit Gertrude...

Frieda Grafe


Früher - und teilweise auch noch heute - hat in der Feuilletonredaktion immer der Redaktionstrottel die Filmkritiken schreiben dürfen", behauptet Rainer Werner Fassbinder (RWF) während eines der Gespräche einmal ganz lapidar. Leicht machte es der 1982 verstorbene Regisseur seinen Interviewpartnern gewiss nicht, den Journalisten ebenso wenig wie den Mitgliedern seiner "antitheater-Familie": Peer Raaben oder Ingrid Caven, die während mancher Gespräche zugegen waren und das eine oder andere Wort einflechten durften - Caven in der Regel den empörten Ausruf: "Aber Rainer!"

Nach Thomas Elsaessers Monografie "Rainer Werner Fassbinder" liegt mit "Fassbinder über Fassbinder" nun die zweite wichtige Neuveröffentlichung über Leben und Werk des Münchner Autorenfilmers vor. Die hier enthaltenen Interviews sind sämtlich ungekürzt; die für Erstveröffentlichungen geglätteten, dramaturgisch ummontierten Gespräche wurden aufs Neue transkribiert, um den Fassbinder-eigenen Sprachduktus wieder herzustellen.

In chronologischer Anordnung liest man so von Proben und Aufführungen des Münchner Action- und antitheaters, von den ersten, in Schwabinger Mäzenatenkreisen zusammengeschnorrten Low-low-Budget-Arbeiten "Liebe ist kälter als der Tod" und "Katzelmacher" (beide 1969), von an- und abschwellenden Streitereien innerhalb der Gruppe, und schließlich, in RWFs letztem Interview, das er nur wenige Stunden vor seinem Tod einem Bekannten gab, wie er über ein neues, anderes Leben in New York und eine Kinokarriere in den USA nachdenkt.

Der vom deutschen Filmhistoriker Robert Fischer herausgegebene Band ist ein Sammelsurium von Fakten aus dem Produktionskontext, naturgemäß aber auch von Anekdoten: Denn während sich Fassbinder gegen die intellektuelle Deutung seines Werks durch die Fragensteller mit großem Unwillen sträubt, gibt er - da mag die Caven noch so sehr quengeln - bedenkenlos intime Details aus dem Leben seiner Filmkommune preis.Sie war Vorbild für viele, die über Film schreiben: Jetzt erscheinen Frieda Grafes gesammelte Werke.

"Manche decken dauernd Verbrechen auf - andere Schönheit. Das war die Arbeit von Frieda Grafe." Klaus Theweleit

Ob eine Farbe als warm empfunden wird oder als kalt, dass Blau distanziert und Rot einlädt, hat mehr mit Relation und Kontext zu tun, als dass es darauf hinwiese, es gäbeFarben mit Charakter. Was war Orange für eine strahlende Farbe, ehe sie von den Marktforschern zur Erfolgsfarbe abgestumpft wurde", schreibt Frieda Grafe. Und: "Für mich ist Farbe nicht etwas, das äußerlich an den Objekten haftet. Farbe, intensive Farbe ist eine Spur, die ins Innere der Filme führt und von der Erzähllinie ablenkt." Oder, in aller Kürze: "Ich sehe was, was du nicht fühlst."

Wenn die Münchner Filmkritikerin Frieda Grafe seit den frühen Sechzigerjahren in der Zeitschrift Filmkritik, in der Zeit oder in der Süddeutschen Zeitung über das Kino schrieb, schrieb sie immer über ihr Kino. Anerkannte Kategorien ließ sie gern links liegen und stellte stattdessen Überlegungen zu bisher marginalisierten Phänomenen an, zur Mode als Ausdrucksmittel oder zum Topos des Grandhotels im Spielfilm, oder eben zur Bedeutung der Farbe auf der Leinwand. Auf diesen ganz eigenen Fährten gelangen ihr off-stream die schönsten Beobachtungen und einige wesentliche Aussagen über das Kino, die Wahrnehmung und die Welt an sich.

Nach ihrem Tod im Juli 2002 begann Grafes Ehemann, der Filmwissenschaftler und frühere Leiter des Münchner Filmmuseums, Enno Patalas, im Berliner Brinkmann & Bose Verlag mit der Herausgabe ihrer Schriften. Seitdem erscheinen zwei Bände pro Jahr - zwölf soll die Werkausgabe umfassen, sechs sind es bisher - alle gebunden in handgeschöpftes Bütten, jeder in einer anderen Farbe, die man während der Lektüre schon bald mit den Inhalten zu assoziieren beginnt: Wasserblau ist die Nouvelle Vague (Band 3), signalrot sind die Texte zu "Film / Geschichte" (Band 5) oder rosé die "Filmfarben" (Band 1).

Letztere seien hier übrigens zum Einstieg empfohlen, der vielen, ebenso emotionalen wie gescheiten Detailbeobachtungen wegen, die Grafe quer durch die Filmgeschichte anstellt. Und weil gerade in der Vielfalt der Textsorten - von der umfangreichen, essayistischen Analyse über 1-Satz-Aphorismen bis zum Interview - die Haltung der Autorin plastisch spürbar wird. Aber natürlich auch wegen der wunderbaren farbigen Filmstills.

Mit dem vorerst letzten, diesen Monat erschienenen Band "Zwei Jahre aus meinem Leben mit Gertrude Stein" nimmt die studierte Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Grafe übrigens ein wenig Abstand vom angestammten Metier und verleiht ihrer schwesterlichen Bewunderung für die Autorin Gertrude Stein Ausdruck: Deren Texte, im englischen Original zur Rechten abgedruckt, begleitet sie auf der linken Seite, weniger kommentierend als vielmehr in freier Assoziation. Dabei charakterisiert Grafe, wenn sie über Steins Schreiben spricht, oft auch die eigene Arbeit: "Man braucht die Fantasie nicht, man braucht nichts zu erfinden, das Vorhandene, richtig zusammengebracht, spricht von alleine."Sie war Vorbild für viele, die über Film schreiben: Jetzt erscheinen Frieda Grafes gesammelte Werke.

"Manche decken dauernd Verbrechen auf - andere Schönheit. Das war die Arbeit von Frieda Grafe." Klaus Theweleit

Ob eine Farbe als warm empfunden wird oder als kalt, dass Blau distanziert und Rot einlädt, hat mehr mit Relation und Kontext zu tun, als dass es darauf hinwiese, es gäbeFarben mit Charakter. Was war Orange für eine strahlende Farbe, ehe sie von den Marktforschern zur Erfolgsfarbe abgestumpft wurde", schreibt Frieda Grafe. Und: "Für mich ist Farbe nicht etwas, das äußerlich an den Objekten haftet. Farbe, intensive Farbe ist eine Spur, die ins Innere der Filme führt und von der Erzähllinie ablenkt." Oder, in aller Kürze: "Ich sehe was, was du nicht fühlst."

Wenn die Münchner Filmkritikerin Frieda Grafe seit den frühen Sechzigerjahren in der Zeitschrift Filmkritik, in der Zeit oder in der Süddeutschen Zeitung über das Kino schrieb, schrieb sie immer über ihr Kino. Anerkannte Kategorien ließ sie gern links liegen und stellte stattdessen Überlegungen zu bisher marginalisierten Phänomenen an, zur Mode als Ausdrucksmittel oder zum Topos des Grandhotels im Spielfilm, oder eben zur Bedeutung der Farbe auf der Leinwand. Auf diesen ganz eigenen Fährten gelangen ihr off-stream die schönsten Beobachtungen und einige wesentliche Aussagen über das Kino, die Wahrnehmung und die Welt an sich.

Nach ihrem Tod im Juli 2002 begann Grafes Ehemann, der Filmwissenschaftler und frühere Leiter des Münchner Filmmuseums, Enno Patalas, im Berliner Brinkmann & Bose Verlag mit der Herausgabe ihrer Schriften. Seitdem erscheinen zwei Bände pro Jahr - zwölf soll die Werkausgabe umfassen, sechs sind es bisher - alle gebunden in handgeschöpftes Bütten, jeder in einer anderen Farbe, die man während der Lektüre schon bald mit den Inhalten zu assoziieren beginnt: Wasserblau ist die Nouvelle Vague (Band 3), signalrot sind die Texte zu "Film / Geschichte" (Band 5) oder rosé die "Filmfarben" (Band 1).

Letztere seien hier übrigens zum Einstieg empfohlen, der vielen, ebenso emotionalen wie gescheiten Detailbeobachtungen wegen, die Grafe quer durch die Filmgeschichte anstellt. Und weil gerade in der Vielfalt der Textsorten - von der umfangreichen, essayistischen Analyse über 1-Satz-Aphorismen bis zum Interview - die Haltung der Autorin plastisch spürbar wird. Aber natürlich auch wegen der wunderbaren farbigen Filmstills.

Mit dem vorerst letzten, diesen Monat erschienenen Band "Zwei Jahre aus meinem Leben mit Gertrude Stein" nimmt die studierte Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Grafe übrigens ein wenig Abstand vom angestammten Metier und verleiht ihrer schwesterlichen Bewunderung für die Autorin Gertrude Stein Ausdruck: Deren Texte, im englischen Original zur Rechten abgedruckt, begleitet sie auf der linken Seite, weniger kommentierend als vielmehr in freier Assoziation. Dabei charakterisiert Grafe, wenn sie über Steins Schreiben spricht, oft auch die eigene Arbeit: "Man braucht die Fantasie nicht, man braucht nichts zu erfinden, das Vorhandene, richtig zusammengebracht, spricht von alleine."

Maya McKechneay in FALTER 11/2005



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