Wahnsinn. Eine kleine Kulturgeschichte

Roy Porter, Christian Detoux


Der britische Historiker Roy Porter hat eine Kulturgeschichte des Wahnsinns und seiner Behandlung geschrieben.

Einer Gesellschaft durch die Therapie ihrer aus der Normalität gefallenen Mitglieder geistige Volksgesundheit zu verleihen, scheint ein wenig Erfolg versprechendes Unterfangen. Denn der Bevölkerungsanteil, der nicht in der Lage ist, sich der Norm anzupassen, ist und war in allen Kulturen derselbe. Auch hundert Jahre nach Sigmund Freud gibt es für die meisten Erkrankungen, die sich unter dem vulgären Begriff "Wahnsinn" tummeln, keine wirklich wirksamen Gegenmittel. Dieser Hintergrund erklärt, weshalb der 2002 verstorbene britische Medizinhistoriker Roy Porter in seiner Kulturgeschichte des Wahnsinns Fingerzeige auf schwarze Kapitel der psychologischen Praxis wie therapeutische Folter, Zwangssterilisation und Euthanasie weitgehend unterlässt.

Porter interpretiert die Entwicklung seit der Antike, dennoch als eine Erfolgsgeschichte - mit einem indes noch äußerst unbefriedigenden Ende. Und weil er mit der ersten nachgewiesenen Heilungsmethode beginnt, dem in der Jungsteinzeit praktizierten Bohren von Löchern in die Schädeldecke, durch die böse Geister entweichen sollten, und mit der Antipsychiatrie, der Befreiung der Kranken aus den Irrenanstalten in den 1960er- und 1970er-Jahren, endet, kann sein euphemistischer Blick auch überzeugen.

Die chronologische Rekapitulation des jeweils vorhandenen Wissenshorizonts belegt, dass erst im letzten Jahrhundert, in das zugleich der Versuch fällt, das Gesellschaftsphänomen Wahnsinn durch industriellen Mord zu eliminieren, der Kenntnisstand eine neue Qualität erreicht hat. Theorien, die aus der Perspektive und im Interesse des Patienten gedacht waren und die Fachwelt allmählich lehrten, einzelne Erscheinungsformen wie Epilepsie, Neurose und Debilität voneinander zu trennen, wurden bis Mitte des 19. Jahrhunderts wieder und wieder von Geniekults zurückgedrängt.

Als großes Hemmnis der Psychologie und ihrer Vorreiterdisziplinen gilt Porter die willkürliche Einteilung verhaltensauffälliger Menschen in Genies, die als Bindeglied zwischen dem "Göttlichen" und dem "Normalen" verehrt werden, und in Asoziale, die man als Bedrohung interpretiert und möglichst effektiv neutralisiert. Epocheübergreifende Schlüsse wie diesen muss sich der Leser allerdings selbst aus Porters wertneutral gehaltener Exkursion in das Kabinett medizinischer, theologischer, philosophischer und evolutionsbiologischer Modelle heraussuchen.

Was Porter selbst von der Anstrengung hält, "sozial randständige, auffällige oder schwierige Menschen psychiatrischen Kategorien" zuzuordnen, lässt er einzig im Vorwort durchblicken. "Geisteskrankheit", heißt es dort, ist "nicht eine Erkrankung, deren Natur erhellt werden kann, sondern vielmehr ein von Psychiatern zum eigenen beruflichen Vorteil ersonnener Mythos, der von der Gesellschaft mitgetragen wird, weil er einfache Lösungen für schwierige Menschen rechtfertigt."

Martin Droschke in FALTER 11/2005



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