Der Eisvogel

Uwe Tellkamp


Uwe Tellkamp lässt in "Der Eisvogel" seltsame Revolutionäre sehr viel Unfug reden.

So langweilig war Aufgeregtes noch nie. Und das lässt sich erklären: Wiggo Ritter erschießt im ersten Satz Mauritz Kaltmeister. Wie es dazu kommen musste, davon handelt der ganze Roman. Wiggo Ritter ist ein gescheiterter Philosoph; sein Chef, ein Professor und Naziopfer, hat ihn gefeuert, weil Ritter reaktionär-romantisierenden Unsinn von sich gegeben hat. Dadurch kommt der widerspenstige Denker auf die schiefe Bahn und in den Bannkreis der Geschwister Mauritz und Manuela Kaltmeister. Mauritz ist Patentanwalt, in der Tat aber Mitglied einer getarnten Terrororganisation ("Organisation Wiedergeburt", das W-förmige Sternzeichen Cassiopeia ist der mythologische Deckname), die eine neue Elite an die Macht bringen will.

Wiggo ist zunächst von den so charismatisch wirkenden Geschwistern fasziniert: Hat er doch nichts mehr zu verlieren, nachdem er seine akademische Karriere aufgeben musste und eine dubiose philosophische Praxis betreibt oder Hilfsdienste in einem naturwissenschaftlichen Labor versieht. Natürlich lebt er im Zwist mit seinem Vater, einem Westberliner Banktycoon, der seinen erfolglosen Sprössling verachtet und dem es gegen Ende auch nicht gut zu gehen scheint. Es kommt, wie es kommen musste: Wiggo verliebt sich in die schöne Manuela, Mauritz' Organisation droht aufzufliegen, er bedroht die Schwester, alle haben Waffen, Wiggo handelt aus purer Notwehr und tötet Mauritz. In einem Brand wird er selbst lebensgefährlich verletzt, und aus seiner Sicht sowie der seiner Freunde und Verwandten wird die ganze Geschichte rekonstruiert. Zeit der Handlung: nach 2000, man rechnet noch in Mark.

Warum das Buch "Der Eisvogel" heißen muss, ist eine berechtigte Frage, aber naturgemäß liegt irgendwo im Text auch der mythologische Zaunpfahl herum: Die trauernde Alkyone, die erfahren musste, dass ihr geliebter Keyx ertrunken ist, wird in einen Eisvogel verwandelt. Das lesen wir, ergänze ich, bei Ovid. Aber einen tieferen Sinn auszumachen gelang mir allerdings nicht, und so habe ich es aufgegeben, in der Überzeugung, dass der Aufwand nicht das Ergebnis lohnt.

Überhaupt bemächtigte sich meiner bei fortschreitender Lektüre zunehmend Ratlosigkeit. Alle Figuren haben eine Überdosis Nietzsche zu sich genommen und sind darauf aus, die Welt in aus der Geistesgeschichte geborgten Phrasen so zu verpacken, als wären sie Christo persönlich. Dauernd wird diskutiert, und im Vergleich zu Mauritz und seinen germanophilen Kontrahenten sind die stets erregten russophilen Missionare eines Dostojewski geradezu maulfaul. Dabei geben sie auch noch schrecklichen Unsinn von sich. Mag sein, dass diese Banalitäten wirklich ausgesprochen werden, muss man sie aber deswegen in der Literatur - so oft - wiederholen? Und was soll man Sätzen vom Typus "Die Liebe ist das Transportmittel des scheinbar Guten, in der Folge aber oft Bösen" anfangen? Die Debatten sind von pseudotheologischen Kraftmeiereien durchsetzt: "Gott und seine olympischen Mitarbeiter (...) haben die Schnauze voll von der Müllkippe, als die sich ihre Schöpfung entpuppt hat." Man fragt sich, ob dieses Buch in der Tat eine Diagnose der intellektuellen und mentalen Befindlichkeit heutiger Revolutionäre darstellen soll. Sollte dem so sein, dann ist der Abstieg von den Höhen des 68er-Bewusstseins schlichtweg katastrophal - Kapitalismus und Neoliberalismus können getrost weitermachen.

Erzähltechnisch ist das Ganze höchst ungeschickt angelegt, denn der ständige Perspektivenwechsel, der offenkundig Objektivität und Zeitgemäßheit garantieren soll, verursacht Mühen, die ästhetisch keinesfalls kompensiert werden. Nur dort, wo über die Zustände im Spital gesprochen wird, merkt man, dass in dem Arzt und Bachmannpreisgewinner von 2004 auch ein Autor mit einiger Kapazität steckt. Ansonsten versinkt alles in exaltierten Phrasen, und als Resultat kommt dabei nur eine Warnung an die Gesellschaft heraus: Hütet euch vor smarten Geschwisterpaaren und gebt arbeitslosen Philosophen einen respektablen Job und keine Waffen in die Hand.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 11/2005



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