Geschichte eines Lebens

Aharon Appelfeld


"Die andauernde Befürchtung, dass mir ein falsches Wort herausrutschen könnte, charakterisierte mein Sprechen noch Jahre nach dem Krieg", schreibt der 1932 in Czernowitz geborene Aharon Appelfeld in seiner Autobiografie. In seiner Heimat Israel gilt der Schriftsteller vielen als Nestbeschmutzer, denn seine rund zwanzig Bücher verweigern den Opfern des Holocaust die pauschale Ehrerbietung. Die als Teil des israelischen Gründungsmythos beschworene Solidarität der Verfolgten bleibt eine Ausnahme. Appelfelds Fokus liegt auf der Ohnmacht, die die Juden in den Ghettos und KZs zu Wölfen hatte werden lassen, denn nicht wenige fielen über ihre Brüder her, um selber zu überleben.

Die "Geschichte eines Lebens" ist Aharon Appelfelds Begründung, weshalb es ihm nicht möglich war, anders über den Holocaust zu erzählen. Er war neun Jahre alt, als ihm während einer Deportation die Flucht gelang. Zwei Jahre nach der Mutter hatte er damit auch den Vater verloren. Er versteckte sich in den Wäldern der Ukraine, bot sich Bauern als Arbeitssklave und Prügelknabe an, um überleben zu können. Als traumatisch jedoch hat er die Monate nach der Befreiung erlebt, als er in einem Lager für Displaced Persons auf die Ausreise nach Palästina wartete. Waisenkinder wie er wurden dort als Freiwild behandelt, verkauft und nicht selten vergewaltigt. Es herrschte die uneingeschränkte Macht des Stärkeren. Als Wrack kam er 1946 im heutigen Israel an, wo die folgenden zwanzig Jahre kaum Interesse bestand, einem Überlebenden Gehör zu schenken, der sich an die Orte und Daten seiner Odyssee nicht erinnern konnte, weil er damals zu klein gewesen war.

Es ist die formale und sprachliche Ambition, die Appelfelds Autobiografie aus dem Gros der Holocaustliteratur heraushebt. Nur wenige Überlebende waren bereit, Einblick in derartige psychohistorische Tiefen zu gewähren. Mit der Trennung vom Vater 1941 zerfällt der bis dato konventionell erzählte Band in ein Chaos aus Fragmenten, ein Gestammel ohne jede Ordnung. Mehr kann das zum Verleugnen seiner deutschen Muttersprache und seiner jüdischen Herkunft gezwungene Kind nicht leisten. Erst als der Jugendliche das Hebräische erlernt, ist er in der Lage, dafür zu streiten, dass die kollektive Erinnerung auch den Preis berücksichtigt, den viele für das Überleben bezahlen mussten: den Verlust der eigenen Menschlichkeit.

Martin Droschke in FALTER 11/2005



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