Russian Criminal Tattoo Encyclopaedia

Danzig Baldaev, Miles Murray Sorrell Fuel, Friedhelm Rathjen


Danzig Baldaev entschlüsselt seit über dreißig Jahren die Bedeutungen der Tätowierungen, die in die Haut russischer Häftlinge eingeschrieben sind.

Biografien wie die des 1930 geborenen Russen Danzig Baldaev sind typisch für die dauerhafteste Diktatur des 20. Jahrhunderts. Bestrafen, erniedrigen - und anschließend integrieren. Dies waren drei Prinzipien der sowjetischen staatlichen Volkserziehung. Wie eigentlich alle, die zu Stalins Zeiten von Berufs wegen Einfluss besaßen, war auch Baldaevs Vater, einer der führenden Ethnologen des Landes, in die Mühlen des Terrors geraten. Es folgte die Zwangseinweisung des Sohns in ein Heim, das ausschließlich für Kinder vermeintlicher Staatsfeinde reserviert war - entsprechende Sonderbehandlung inklusive.

Im Gegensatz zu vielen Jugendlichen gleichen Schicksals, die später wie automatisch in den Lagern verschwanden, ließ sich Baldaev zu einem funktionierenden Bürger formen. Er wurde Gefängniswärter, später ein wichtiger Mitarbeiter der kriminalistischen Abteilung des Innenministeriums. Baldaev hatte sich die Fertigkeit angeeignet, ein Kommunikationsmittel zu entschlüsseln, mit dem die Häftlingsmassen in den Strafanstalten und Gulags lautlos kommunizierten.

33 Jahre lang, von den 1960ern bis in die nahe Gegenwart, untersuchte und dokumentierte er die Tätowierungen von Gefangenen. Er schuf eine Sammlung von 3600 Abzeichnungen und Fotografien und lernte die Bedeutung der einzelnen Motive, ihrer Platzierung am Körper und ihr Zusammenspiel zu entschlüsseln. Baldaev eignete sich die komplexe Grammatik einer Geheimsprache an, mit deren Hilfe die politischen Inhaftierten der Sowjetunion gleichermaßen wie die gewöhnlichen Kriminellen eine Parallelgesellschaft organisiert hatten.

Anhand von 256 Bildern gewährt die "Russian Criminal Tattoo Encyclopaedia" einen einzigartigen Blick in eine Schattenwelt, die schätzungsweise jeder fünfte Sowjetbürger durchlaufen hat und aus der nach dem Zusammenbruch des realsozialistischen Systems die wohl einflussreichste Macht im Riesenreich entstanden ist, der mafiöse Untergrund. Welche Härten die Inhaftierten von ihresgleichen zu ertragen hatten, lässt sich an der Brutalität messen, mit der den Körpern Zeichen eingeschrieben wurden. Das Alphabet des Untergrunds kennt im Übrigen auch abgeschnittene Ohren, gevierteilte Penisse und das Skalpieren.

In Baldaevs Enzyklopädie ist jedes der 256 abgebildeten Tattoos detailliert erläutert. Einmal erzählt es einen kompletten Lebenslauf, einmal besteht es aus einer Nachricht, die in Form einer menschlichen Post von Lager zu Lager geschickt wurde. Andere Motive kennzeichnen die Stellung in der strengen Häftlingshierarchie und die Funktion des Einzelnen innerhalb des kriminellen Geflechts. Der Informationswert, den die "Russian Criminal Tattoo Encyclopaedia" über den Alltag in dreißig Jahren Diktatur und Postdiktatur bietet, erscheint trotz der Kürze der Texte höher, als ihn ein konventionelles Sachbuch liefern könnte. Man sieht sich mitten hineinversetzt in ein schmerzhaftes Kapitel der jüngsten Geschichte. Und man liest fast schon körperlich.

Martin Droschke in FALTER 11/2005



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