N.. Eine kleine Utopie

Clarissa Stadler


Eva Menasse, Clarissa Stadler und Linda Stift haben sich für ihre literarischen Erstveröffentlichungen Wien zum Schauplatz auserkoren - und ganz verschiedene Bücher geschrieben.

Mit Büchern ist es wie mit Menschen: Sie kommen unter sehr verschiedenen Umständen zur Welt. Und wie bei den Menschen entscheiden die Umstände auch im Falle von Büchern nicht unwesentlich darüber, wie es ihnen auf dieser Welt ergehen wird. Manche kommen mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund auf die Welt. In der Regel ist das kein Nachteil.

Eva Menasses Debüt "Vienna" ist ein Buch mit einem goldenen Löffel: ein klingender Name, der Ruf einer renommierten Feuilletonistin, ein Vorabdruck in der FAZ (für die Menasse auch als Journalistin arbeitete) und die PR-Maschinerie des Verlages, die "Vienna" mit der mehr als beachtlichen Startauflage von 50.000 Stück auf den Markt bringt - all das hat schon im Vorhinein darüber entschieden, dass dieser Roman aus österreichischer Sicht das Buch der Saison ist; und nicht nur aus österreichischer: Im deutschen Feuilleton, in dem "Vienna" schon kurz nach Erscheinen einigermaßen flächendeckend abrezensiert war, wurde "Vienna" fast durchgehend als "Chefsache" behandelt.

Gut gelaufen. Es wäre bigott und dumm, das der Autorin vorzuhalten. Sie hätte nicht nur wenig Grund, sich gegen die günstigen Startbedingungen zu wehren, sie könnte es vermutlich gar nicht. Dennoch muss man sich nach der Lektüre des über 400 Seiten starken Romans über die aufmerksamkeitsökonomische Fortune von "Vienna" wundern. Zugegeben, das Buch ist ambitioniert. Allerdings nur vom Konzept her, dem es darum geht, Familiengeschichte und Historie ineinander zu spiegeln, den tektonischen Beben des 20. Jahrhunderts bis ins Zittern scheinbar privater Regungen nachzuspüren. In der konkreten Umsetzung jedoch scheitert der Roman - und zwar nicht daran, dass er sich die Latte zu hoch gelegt hätte, sondern daran, dass er freiwillig unter dieser durch läuft.

Über weite Strecken liest sich "Vienna" wie der Versuch, die "Tante Jolesch" über den Holocaust zu retten. Beschworen wird die Generationen übergreifende Kraft von Wiener Schmäh und jüdischem Witz, jenes "manische Mythologisieren", das hier zum Familiensport der Protagonisten geworden ist: einer namenlos bleibenden Familie, die gerne als "im Chor" lachendes oder "aus einem Munde" rufendes Megasubjekt dargestellt wird und der Pointe "immer den Vorrang vor der Geschmackssicherheit" geben wird.

Das ist freilich, wie so vieles in "Vienna", eine ungedeckte Behauptung. Statt mit furioser Fabulierkunst bedient zu werden, muss man sich nämlich mit einem Wust von Anekdoten bescheiden, die in nicht ganz durchschaubarer zeitlicher Abfolge serviert werden und die so glaubwürdig und lustig sind wie diejenige von der Sturzgeburt des Vaters, der während einer Bridgepartie aus dem Leib der Mutter rutscht und dieser den Persianer versaut - also nicht sehr. Ein wenig erinnert die Lektüre von "Vienna" an einen Besuch bei einer Familie, über deren unglaubliche Witzigkeit und Schlagfertigkeit man schon viel gehört hat: Man sitzt bei Tisch, registriert, dass sich die Angehörigen in der Tat ganz prächtig miteinander unterhalten - kann aber beim besten Willen nicht nachvollziehen, worüber und warum.

Auch wenn der familiäre Zusammenhalt am Ende des Romans unter den verbitterten und -biesterten Identitätsgeplänkel der Nachgeborenen zerbricht (was von der Erzählerin auch klug begründet wird), nimmt sich diese Verfallsgeschichte doch recht harmlos aus. Das hängt vor allem mit der paradoxen Erzählhaltung zusammen, die einerseits klar personalisiert ist, andererseits immer wieder Züge eines allwissenden Erzählers aufweist. Wie die Autorin, hat die Ich-Erzählerin einen halbjüdischen Vater, der mit dem Kindertransport nach England verschickt und später ein bekannter Fußballer wurde; wie die Autorin, hat die Ich-Erzählerin einen bekannten Wiener Intellektuellen zum Bruder, der hier allerdings nicht Germanist und Schriftsteller, sondern Historiker ist.

Das brauchte einen alles nicht zu interessieren - schließlich ist das Buch als "Roman" ausgewiesen und bleibt es der Autorin vorbehalten, wo sie sich ihre Inspiration holt -, würde die Erzählerin ihren Figuren Freiräume gönnen und sie nicht von Anfang an exemplifizierend auf den Punkt, auf die Pointe bringen. Der Vater: sich freundlich und charmant durchs Leben dribbelnd, so wie er einst reibungslos dem Mutterschoß entglitt; der Bruder: ein Leben lang über seine Unsportlichkeit gekränkt und in ewiger Rebellion gegen die väterliche Verbindlichkeit; der Onkel: verschwiegen und reserviert.

Am schlimmsten hat es die weiblichen Angehörigen erwischt: Die Mutter spielt im Vergleich mit dem charismatischen Vater kaum eine Rolle und wird mit herablassenden Erzählkommentaren bedacht ("Sie hielt es für Liebe, das dumme kleine Mädchen, das sie damals war, dabei war es die Machtfrage"), die Schwester als etwas unterbelichtete Tussi dargestellt, die sich entweder die Zehennägel lackiert, die Ohrringe putzt, pinkfarbene Taschen oder blaue Kontaktlinsen trägt. Alles wird im gleich verplauschten Tonfall und so geschildert, als wäre die Erzählerin überall dabei gewesen und könnte wissen, dass der Vater seine erste englische Freundin "schon zwei Jahre später so gut wie vergessen" hatte.

Hinzu kommt, dass der Roman einigermaßen unterlektoriert ist. Zum einen gibt es ein Glossar für die zahlreich eingesetzten Austriazismen wie "Guglhupf" oder "Mistkübel", zum anderen trinken die Leute "Saftschorle", werden "gepiesackt" und ist beständig von den "Vettern" die Rede. Fragwürdige Sprachbilder ("das Herz ein gefrorener Vulkan"; "Blicke wie Pfeile, die ihnen aus den undichten Köchern fallen") und schlichte Unsinnigkeiten ("als hätten sich die Ereignisse überstürzt, schwammen sie doch nur wie drei, vier Sandkörner in einem zähen Meer aus Regen"; "lachte sie dann so makellos, wie es der teuerste Dentist Wiens schaffte") stehen neben Sätzen, die sich in bedenklicher Schludrigkeit der Sprache der Täter annähern - etwa, wenn davon die Rede ist, dass "die letzten Kontingente von sechzehnjährigen Hitlerjungen verheizt" worden seien oder dass die Urgroßmutter "in Theresienstadt dann keine große Mühe mehr gemacht" habe.

So wie "Vienna", das angesichts des Titels erstaunlich wenig neue Blickwinkel auf die Titelheldin eröffnet (sieht man von der literarischen Erstnutzung eines Pratertennisplatzes ab), ist auch Clarissa Stadlers Debüt "N." ein Wienbuch. Auch sie nutzt die fringe benefits medialer Bekanntheit - möglicherweise auch der Grund, dass ihre "kleine Utopie" (so der Untertitel) beim renommierten Literaturverlag Droschl erscheint, in dessen Programm es eigentlich nicht besonders gut passt.

"N." ist wohl so etwas wie ein Zeit- und Generationenporträt. Der Protagonist, wie die Autorin Jahrgang 1966, gehört jenen Thirtysomethings an, die sich alert in einer Hedonismus mit ein bisschen Diskurs abmischenden Szene bewegen und angesichts der eigenen schicksalslosen Wohlstandsbiografie leicht melancholisch werden. Kein Wunder, dass N.s Freund Paul ein diffuses Action- und Umwälzungsbedürfnis verspürt und sich gerne "APO" und "RAF" auf seine Oberarme tätowieren lassen würde. Vorerst legt er allerdings goldene Lurexsocken in die Vitrinen von Off-Galerien und "lebt in perfektem Einklang mit dem Geschmackssystem seiner Szene. Die Band, die er gut findet, ist auch auf dem neuen Spex-Cover. Die Partys, auf denen er war, sind immer die, von denen alle reden. Paul hat ein Radarsystem, mit dem er aus einem Angebot von zehn Vernissagen diejenige herausfindet, auf der man, rückblickend, gewesen sein muss. Paul anrufen heißt, in ein Partyuniversum einchecken."

Dieses Universum wird uns allerdings nicht phänomenologisch beschrieben oder gar analysiert, es wird aufgerufen und mit einem zart zwischen Selbstkritik und Larmoyanz oszillierenden Kommentar versehen. Die Figuren wirken, als hätte man ein paar der somnambulen späten Bürger Maxim Gorkis in das Wien der Jetztzeit, irgendwo zwischen Schleifmühlviertel, Naschmarkt und Flex gebeamt. Mit seiner kurzfristigen Geliebten Xenia ergeht sich der Protagonist in Diskussionen über den Unterschied zwischen Gelassenheit und Gefühllosigkeit, privat leidet er darunter, über keine tadellos designte Hollywoodbiografie zu verfügen, sondern über etwas, das ihn wahlweise an "ein nervöses EKG", an "die Tausenden Lichtpunkte" eines Fernsehers oder einen "Burda-Schnittbogen" denken lässt.

Aber während andere Figuren des Buches die Lunte aus kruden Motiven und überdeutlichen Verweisen schließlich in Brand setzen, suhlt sich N. vorerst noch in wohligem Selbstekel: "Er möchte sich in diesem Moment wenigstens schlecht fühlen. Und später das Nagetier in seinem Herzen erwürgen und herauskotzen. Die Menschen sind so nett hier. Alle. Sogar die Arschlöcher sind heute nett. Die Musik zerfließt zu einer warmen pulsierenden Suppe und legt sich wie Honig über die Welt." In dieser pulsierenden honiggleichen Suppe dürfte auch das Lektorat des Droschl Verlags abgetaucht sein.

Linda Stift kommt in ihrem Debütroman "Kingpeng" ebenfalls mit einem leicht zu überschauendem Personal und Areal aus: Im Wesentlichen sind es das junge Geschwisterpaar Kinga und Nick sowie das ihnen benachbarte, in einem schicken Innenstadtappartement wohnende, vom feschen Butler Pavel bediente Ehepaar Ziervogel nebst dem befreundeten Ehepaar Rufina und Karl. Die Geschwister leben nach dem Unfalltod von Kingas Freund Henrik in ungeplanter Wohngemeinschaft bereits acht Jahre lang zusammen. Die Emanzipationsversuche der beiden, die in wechselnder Perspektive zu Wort kommen (wobei die Nick vorbehaltenen Kapitel wesentlich knapper gehalten sind), müssen als halbherzig gelten. Man leidet ein bisschen unter dem Terror der Intimität, aber nicht genug, um einen Ausbruch zu versuchen.

All das weiß Stift weitgehend stilsicher zu einer stimmigen und atmosphärisch packenden Konstellation zu verdichten, wobei sie vor allem auf dem Gebiet leicht widerlicher Substanzen (eingetrocknete Pastareste!) und des Körperekels merkbaren Ehrgeiz entwickelt: Nick pflegt bei seinen ausgedehnten Darmentleerungen die ganze Wohnung mit hartnäckigem Kotgestank zu imprägnieren, Kinga verwahrlost gegen Ende des Romans zusehends und hat "Schuppen wie ein alter Mann"; Karl, mit dem die an sich auf Pavel fixierte Kinga aus nicht ganz zu durchschauenden Gründen ins Stundenhotel geht, verfügt über einen desaströsen Körpergeruch; dessen Gattin, mit der Nick aus nicht ganz zu durchschauenden Gründen ein Verhältnis beginnt, hat ein faciales Sekretionsproblem: "Rufina schwitzt. Stirn, Nase und Wangen sind mit einem dünnen weißlichen Film überzogen, wahrscheinlich ihre Gesichtscreme, die durch die Poren nach außen quillt, weil die Haut schon übersättigt ist. Es sieht aus, als ob sie eine Gesichtsmaske aus Sperma aufgetragen hätte."

Handlungstechnisch relevanter sind freilich die mentalen Gebrechen: Kinga, die ihrem Bruder zumindest in imaginiertem inzestuösen Begehren zugetan ist, leidet unter spontanen Ausfällen des Gedächtnisses, und als Pavel dann relativ bald mit zertrümmertem Schädel auf der Terrasse der Ziervogels gefunden wird, liegt es für den Leser nahe, einen Verdacht zu fassen. Dieser wird, so viel darf verraten werden, weder bestätigt noch widerlegt. Denn der Roman setzt letztendlich lieber auf jenen Leerstellenfetischismus, der irgendwann einmal irrtümlich und folgenschwer mit "Moderne", "Komplexität", "narrativer Selbstreflexion" und "mündigen Lesern" gleichgesetzt wurde. Dabei ist dergleichen forcierter Obskurantismus nicht selten einfach imaginative Bequemlichkeit, die den Autor davor, entlastet, seine Handlungsfäden auch wieder plausibel zu verknüpfen.

Das ist schade, denn Linda Stift hat für ihren Dachterrassenthriller eine stimmige Exposition gefunden, die sich eine sorgfältigere und informationsdichtere Verarbeitung verdient hätte. Mehr wäre hier in der Tat mehr gewesen.

Klaus Nüchtern in FALTER 11/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×