Streichelchaos. Spontangedichte

Andreas Okopenko


Andreas Okopenko wird 75. Eine Würdigung eines ebenso sanften wie genauen Dichters.

Fünfzehnter März 1930, KosÇice (Slowakei): Der Familie Okopenko wird ein Sohn geboren. Der Vater ist Ukrainer und spricht zu Hause ein akzentfreies, aber irgendwie fremdartiges Deutsch. Die sehr junge Mutter ist Wienerin und zeichnet sich durch die sprachlichen Gewohnheiten ihrer deutschböhmischen Vorfahren aus. Circa vier Jahre später ist der kleine Andreas auf einem Foto zu sehen, das ihn auf dem Schoß seines machtvollen Vaters am Fahrersitz der Familienlimousine zeigt. Die Haare fast zu Locken gedreht, sieht er wie ein Mädchen aus: "Alles was du sagst das stimmt, nicht umsonst heißt Schiele Klimt", notiert Okopenko Jahrzehnte später in einem Lockergedicht.

Kindernazi 1939 übersiedelt die Familie nach Wien, wo der Vater in der Anstalt "Am Steinhof" als Psychiater arbeitet. In der Schule in Ottakring wird der Bub mit Sprüchen konfrontiert, die allesamt ein bisschen so klingen wie "Hupf ma am Beidl"; verzweifelt versucht er den Duktus ("l-logisch") zu kopieren. Auf Kinderlandverschickungen hört und spricht er Sätze wie "Icke dette kieke mal, oogen fleesch und beene". Ein Foto aus dem Jahr 1941 zeigt den Elfjährigen in einer Uniform der HJ. Später wird das Bild in Okopenkos Roman "Kindernazi" (1984) zu sehen sein; ein Buch, in dem der Autor sich schonungslos seiner kindlichen Nazibegeisterung stellt und seine Geschichte in umgekehrter Chronologie von 1945 bis 1939 erzählt.

Nachhersoklug Die Zustimmung der Literaturkritik zum "Kindernazi" war nicht ungetrübt. Hält man sich an Egon Matzners treffendes Verdikt, dass weite Teile der österreichischen Gegenwartsliteratur von einem "historischen Moralismus" geprägt seien, ist dies relativ leicht zu erklären. Im "Kindernazi" schert Okopenko sich keinen Deut um das etablierte Paradigma: Die nachträgliche moralische Beurteilung des Gewesenen lässt er sein, stattdessen knüpft seine Darstellung unmittelbar an das ursprünglich Erlebte an. In einem Brief an seinen langjährigen Verleger Jochen Jung spricht er das große Wort gelassen aus: "Allzustreichelnd" gebe man oft seiner "Nachhersoklugheit" nach.

Lexikon-Roman (einer sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen in Druden): Ein langer Titel für ein wichtiges Buch. Okopenko setzt sich mit dem 1970 erstmals veröffentlichten Text zwischen die Stühle von Avantgarde und Engagement. Beschrieben wird eine höchst amüsante Donaufahrt von Wien in die Wachau. Jeder Leser kann sich seinen eigenen Roman basteln, weil das Buch wie ein Lexikon aufgebaut und eine Art Hauptroute nur durch schlichte Verweispfeile gekennzeichnet ist. So verirrt sich der Blick gerne und oft in die ein oder andere Uferlandschaft, und auch auf dem Schiff selbst macht man manch zufällige Bekanntschaft. Zu essen gibt es genug an Bord, und auch Weibliches findet sich en masse, vom Lexikon - wohl nicht zuletzt aufgrund des unterschiedlichen Gewichts - in zwei Gruppen geteilt: "Mastmädchen" und frühreife Kinder.

Kinderjause In Okopenkos Textwelten fällt der Schrecken oft ansatzlos in die Idylle ein. Das wundersame Dramolett "Kinderjause" bietet dafür ein anschauliches Beispiel. In seinem Verlauf stellt sich heraus, dass die Mutter letztlich doch die Oberhoheit über die sich immer wilder gebärdende Kinderschar behält. Sie hat den verabreichten Milchtee mit Gift versetzt: "Tidirallala Tidirallala."

Lockergedichte "agar agar zauzarim" nannte Peter Rühmkorf seine empfehlenswerte Geschichte des Reimes und der menschlichen Anklangsnerven. Die Lust, von der Rühmkorf sprach, wird in Okopenkos Locker- und Spontangedichten in einer geradezu anarchistischen Weise freigesetzt - die Worte lassen einfach nicht mehr voneinander ab. So reimt das Adjektiv "kinderlos" auf "Calvados", "Heuschrecken" fügen sich an "Neuschrecken", der "Engpass" macht einen "Henkspaß", "Oldtimer" sind bedroht von "Alzheimer" und "Mädl" tragen schon einmal einen "Totenschädl". Aber auch noch andere sprachliche Rückzugsrouten hält der Autor parat: "In den Hohen Tauern / Bauern überdauern."

Meinungsausbrüche aus fünf Jahrzehnten, das heißt Aufsätze, Notizen und Glossen, brachte der Ritter-Verlag vor vier Jahren in zwei Bänden auf den Markt. In ihnen erweist sich Okopenko als ein genauer Beobachter und scharfsinniger Kommentator all dessen, was draußen passiert. Gut könnte man sich vorstellen, dass sich manch gut bezahlter Meinungsprofi an diesen kleinen, gemeinen Konkurrenten noch nachträglich eine Verschnupfung holt. Beispielsweise dann, wenn der Autor ein Statement zum Thema "Lauschangriff und Rasterfahndung" mit dem genialen Titel versieht: "Rauschangriff und Lasterfahndung".

Sterbebett mit Pappendeckeln nennt sich ein Stück, das Okopenko im Jahre 1973 im Auftrag des steirischen herbstes geschrieben und 1996 überarbeitet hat. Bislang unaufgeführt.

Streichelchaos ist der Titel eines Sammelbandes mit Spontangedichten, der vor kurzem erschienen ist. Okopenko selbst erklärt den Begriff im Vorwort, indem er uns in das nördlich von Wien gelegene Gänserndorf entführt. Im dortigen Safaripark wendet er sich von Löwen und Affen ab und richtet sein Hauptaugenmerk auf die zahmen Jungtiere im Streichelzoo, die auf die Hände sanfterer Abenteurer warten. Bald bleibt dem Autor kein Platz mehr zum Stehen zwischen den von allen Seiten andrängenden Fellen. Hilflos daliegend und quasi alles streichelnd, was ihm unter die Finger kam, musste er von seiner Frau in die Menschenwelt zurückgezerrt werden.

Ende gut Auch wenn man nicht unbedingt davon sprechen kann, dass Okopenkos Gedichte auf eine durchgängige Stimmungslage verweisen, ist auch in diesem neuen Band thematisch sehr viel auf ein apokalyptisches Szenario bezogen, das aber dann doch irgendwie gebremst erscheint. Einer "Letztzeitdame" widmet der Autor einen seiner besten Texte, und auch ansonsten sucht er im "Streichelchaos" gerne und oft die Hölle auf. Eine der Erfahrungen, die das schreibende Unbewusste dort unten macht, ist die Erkenntnis, dass eine laue Temperatur von sechzig Grad oftmals die bei weitem größere Qual ist.

Ein Gleiches "Das sanfteste Gefängnis der Welt / hab ich für mich gebaut. / Man wird darin nur auf Wunsch gequält / und hat sogar eine Braut. / Der Quäler bin ich und die Braut bin ich / und das Bett bin ich und das Brot. / Und wenn ich als Bäcker mich mal verspät, / so fress ich den eigenen Kot."

Klaus Kastberger in FALTER 11/2005



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