Tausendundein Krieg. Begegnungen am Persischen Golf

Ulrich Ladurner


Der Journalist Ulrich Ladurner exerziert am Beispiel Irak eine andere Art der Kriegsberichterstattung vor.

Es ist nicht leicht, fundierte und umfassende Informationen aus dem Brennpunkt internationaler Politik zu erhalten. Die Medienmaschine berichtet nach ihren eigenen Regeln. Wenn die Realität nicht ins Bild oder in den Artikel passt, wird sie dem Quotenbedürfnis entsprechend zurechtgezimmert, eine umfassende Berichterstattung bleibt dabei häufig auf der Strecke. Diesem Phänomen widmet Ulrich Ladurner zu Beginn des Buches "Tausendundein Krieg" ein gleich einmal zehnseitiges Erklärstück - aus Sicht eines langgedienten Rädchens.

Über die Arbeiterzeitung, News und profil kam der gebürtige Südtiroler zur deutschen Wochenzeitung Die Zeit, für die er als Auslandsredakteur tätig ist. "Islamabadblues" (2001) war der Titel seines ersten Buchs. Für sein neues Werk "Tausendundein Krieg" bereiste Ladurner den Iran und den Nachkriegsirak, um einen Blick hinter die Medienkulissen zu werfen und sich Fragen wie die folgenden zu stellen: Warum wurde gerade der Ferdaus-Platz in Bagdad zum symbolträchtigen Ort der "Befreiung"? Wie vereint der "Schurkenstaat" Iran Menschen, Religion und Staat? Und was haben Stalin, Saddam und Chuck Norris eigentlich gemeinsam?

Mit den fein gestimmten Instrumenten der Reportage gibt Ladurner vielzitierten Orten wie Jahrom, Sadr-City, Basra oder Falludschah ungeschminkte Gesichter. Das Buch sucht dabei denjenigen eine Stimme zu verleihen, die exemplarisch für Vergangenheit, Probleme und Zukunft der beiden traditionell bedeutendsten Nahoststaaten erscheinen. Und so lässt Ladurner einen gewissen Ali erzählen, dessen Sohn durch seinen Opfertod ins "Paradies der Toten" gelangte; oder Bashir, ein langjähriges Mitglied der Baath-Partei; oder Angehörige eines irakischen Polizisten, der versehentlich dem Kugelhagel US-amerikanischer GIs zum Opfer fiel.

Empathisch führt Ladurner seine Gesprächspartner durch ihre eigenen Geschichten und sammelt dabei Zerrbilder einer bangen Zukunft. Vorstellungen und Wünsche könnten unter den verschiedenen Ethnien und Religionen kaum unterschiedlicher sein, und gerade deshalb ist die minutiöse Auseinandersetzung mit volkseigenen, einander unbekannten Wahrheiten so wertvoll: "Tausendundein Krieg" leiht der Vielstimmigkeit ein Ohr, das Rattern der Medienmaschine ist dabei nicht zu hören.

Stefan Apfl in FALTER 11/2005



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