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Ludwig Laher


Christoph Hein und Ludwig Laher erzählen von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens - aus Sicht der Kinder und der Eltern.

Spätestens seit Proust ist die Kindheit die prime time jedes Erzählers. Und zwar im doppelten Sinn: als Zeit, in der meist die Basis für das Lesen und mit ihm für das Schreiben gelegt wird, und als Zeit, die jedem Erzähler irgendwann - und meist zuallererst - aus der Feder rinnt. Christoph Heins Roman "In seiner frühen Kindheit ein Garten" spielt im Titel auf diesen Urtopos des Erzählens an und weckt dadurch Erwartungen, die er nicht einlöst. Denn weder Kindheit noch Garten spielen in dem Roman eine derart große Rolle. Heins Buch ist vielmehr ein Buch über zwei alte Eheleute, die am Ende ihres Lebens feststellen müssen, dass Eltern auf das (Erwachsenen-)Leben ihrer Kinder letztlich keinen Einfluss haben; und dass die Elternschaft dort endet, wo Kinder die Werte ihrer Eltern zu hinterfragen beginnen und möglicherweise für immer verwerfen - in der Pubertät.

Dem Buch ist ein Motto aus Iris Murdochs "The Black Prince" vorangestellt, das den Akzent noch einmal auf die Koppelung von Kindheit und Garten legt: "Es gibt glückliche Kinder, die in ihrer frühen Kindheit einen Garten, eine Landschaft ihr Reich nennen können." Ein solches glückliches Kind war wohl auch Oliver Zurek, Sohn von Richard und Friederike Zurek, pensionierter Gymnasialdirektor und in Rente befindliche Hebamme. Oliver hatte zwei Geschwister, Christin, zwei Jahre älter, und Heiner, zwei Jahre jünger. In seiner Kindheit spielte er gerne im Garten hinter dem Haus seiner Eltern, in dem er alle möglichen Dinge vergrub, weil er glaubte, dass daraus ein Baum wachsen, an dem das, was er vergraben hatte, hundertfach hängen würde. Eine typische Kinderillusion, in der wohl noch keine Deviationen des Erwachsenenalters angelegt sind.

Oliver war in den Augen seiner Eltern und Geschwister ein normales, glückliches Kind, zu dessen Glück vielleicht auch der Garten inklusive Schaukel und Sandkasten ihren Teil beitrugen. Als Jugendlicher jedoch geriet er auf die sogenannte schiefe Bahn, das heißt in diesem Fall in anarchistische Kreise, wurde als junger Erwachsener wegen illegalen Waffenbesitzes vorübergehend in Haft genommen und lebte dann als gesuchter Terrorist im Untergrund - bis er bei einem Schusswechsel mit Grenzpolizisten der DDR auf ungeklärte Weise getötet wurde (wie übrigens auch einer der Polizisten).

Das Buch handelt vom Umgang der Hinterbliebenen mit der kruden Tatsache, dass ihr Sohn bzw. Bruder vielleicht ein Mörder war, in jedem Falle aber das Leben anderer für bedenkliche politische Ziele aufs Spiel setzte. Der als streng, bieder und autoritätshörig bekannte Gymnasialdirektor Zurek sieht sich in seiner Integrität bedroht, ebenso die als Lehrerin tätige Schwester. Einzig der jüngere Bruder Heiner scheint Kopf und Integrität zu bewahren und vermag sich vom Leben und den Ansichten seines älteren Bruders zu distanzieren.

Heins Stärke liegt darin, die Wechselbäder der Gefühle aller an diesem Fall Beteiligten zu schildern, ihr Schwanken zwischen verwandtschaftlicher Verbundenheit und moralischer Entrüstung. Vater Zurek kämpft zunächst - wie einst Antigone - um das Recht, seinen Angehörigen anständig beerdigen zu dürfen, dann jedoch - wie einst Michael Kohlhaas - gegen alle Instanzen von Justiz und Staat, die den Fall einzustellen versuchen, um schließlich einen Sieg mehr über sich selbst als über irgendjemand anderen davonzutragen.

Hein erweist sich in der Darstellung dieser auf Spannung angelegten Handlung als gewiefter Erzähler, der geschickt mit Voraus- und Rückgriffen, Informationsdefiziten und -überschüssen arbeitet.

Freilich kommt eine solche Story nicht ohne ein gerüttelt Maß an Sentimentalitäten aus, wie man sie aus dem wirklichen Leben kennt. Dazu gehört etwa die Kontaktaufnahme der Eltern, vor allem der Mutter Olivers, zu seiner Lebensgefährtin, der inhaftierten und am Ende zu lebenslanger Haft verurteilten Terroristin Katharina Blumschläger, welche wohl dazu dient, den Terroristensohn - zumindest in den Augen der Eltern - als verirrten Menschen zu rehabilitieren, der ohnehin nur von einem Reich der Liebe geträumt hatte.

Der Erzähler selbst bleibt trotz aller Emotionen geschickt im Hintergrund, ein unparteiischer Chronist, der nur berichtet, was vorgefallen ist (und damit seiner Fiktion zunehmend mehr Realität einhaucht.). Manchmal wirken die Dialoge etwas spröd, manchmal banal, um nicht zu sagen: trivial, und manchmal glaubt man sich gar in Fontanes 19. Jahrhundert zurückversetzt. Aber vielleicht hat der Autor (Jahrgang 1944) damit mehr über die Achtzigerjahre gesagt als viele noch so zeitgeistig und poppig daherkommende Bücher.

Alles andere als poppig ist auch Ludwig Lahers bei Haymon erschienener Roman "Folgen", der die Geschichte eines schwierigen Erwachsenwerdens aus der Sicht des Sohnes schildert. Als dieser sechs ist, stirbt der Vater und überträgt ihm die Verantwortung für die Mutter und die jüngere Schwester. Mit diesem Ballast beladen, führt der Bub ein seltsames Leben - als Ersatzpartner seiner Mutter. Eine Mumpsinfektion - mit Bauchspeicheldrüsen- und Hodenentzündung! - reißt ihn dann mit 14 von seiner Mutter weg in Freiheit und Selbstbestimmung.

Auch diesem Buch gehen zwei Motti voran. Eines davon stammt vom irischen Lyriker Paul Durcan: "Bring me back to the dark school - to the dark school of childhood", heißt es da, und damit ist zweifellos der Stimmgabelton von Lahers Roman angeschlagen: Keine glückliche Kindheit wird hier bilderreich und sprachverliebt ausgemalt, sondern ein wunschloses Unglück faktisch und karg aberzählt - wie ein Abzählreim aus Kindertagen.

Erzählt wird aus der Perspektive des Sohnes, der inzwischen 47 ist - so alt wie sein Vater, als dieser starb. Dabei bedient sich Laher immer wieder der Form der direkten Anrede des Vaters, dem zwar nicht gerade der Prozess gemacht wird, der aber doch einiges zu hören bekommt: "Und die Verantwortung, Vater? Du hast Frau und Kind, du hast woanders noch ein Kind und eben hast du, unabsichtlich zwar, sogar ein drittes gemacht. Was soll das blöde Gequatsche von der Gefälligkeit, was bist du diesem Menschen schuldig? Sei bitte vernünftig. Die Mutter rutscht auf den Knien, ich bringe meinen blechernen Brummkreisel zum Rotieren und soll nichts mitkriegen." Diese Form der direkten Anrede hat etwas von der literarisierten Form des in der Realität nicht mehr möglichen Vater-Sohn-Gesprächs von "Mann zu Mann".

Lahers Roman liefert, wie es sich nach Handke gehört, die Reflexion über sein Schreiben und dessen Poetik gleich mit.

"Irgendwann flutscht man in diese Welt, irgendwann nimmt man sie bewusst war, irgendwann setzt die Erinnerung ein." Mit diesen Worten beginnt eines der interessantesten Kapitel aus "Folgen", in dem in Proust'scher Manier - anhand anekdotischer Erzählungen - über Identität, Bewusstsein und Erinnerung nachgedacht wird. Mit der Erinnerung ist bei Laher (Jahrgang 1955) natürlich auch das Erinnern angesprochen, das aus dem "Niemals vergessen!" gefolgt ist. Dass die Vaterfiguren in seinem Text diesbezüglich alle unter partieller bis totaler Amnesie leiden, ist mittlerweile allerdings ein allzu strapazierter Topos der österreichischen Literatur nach '45. Könnte nicht einer einmal Zeugnis ablegen von einem, der sich erinnert?

Nicole Streitler-Kastberger in FALTER 11/2005



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