Kochen mit Sarah Wiener


Der nächste Trend am deutschsprachigen Kochbuchmarkt: die Wiederkehr der Fernsehköche und anderer medienkompatibler Kochpersönlichkeiten. Johann Lafer, Tim Mälzer & Co im Vergleichstest.

Als ich vor Jahren die erste Sendung von "Kochduell" auf Vox sah, war ich begeistert. Da war Schwung drin, schien mir: Die Idee, zwei Leute für wenig Geld im Supermarkt einkaufen zu lassen und dann zwei Profiköche mit den bizarren Zutaten gegeneinander ins Duell zu hetzen, hatte was. Leider erlitt "Kochduell" das Schicksal aller TV-Formate. Nach kurzer Zeit ging es mir unglaublich auf die Nerven, ich konnte nicht mehr hinsehen.

Dabei wäre, wie englische Sendungen zeigen - und damit meine ich nicht Jamie Oliver -, die Küche durchaus fürs Fernsehen geeignet. Besser als Kochen geht im Fernsehen eigentlich nur noch Fischen. Meine Art von Fernsehen ist der Anglerkanal. So sähe auch mein Kochfernsehen aus. Was gäbe es Schöneres, als in Echtzeit einem Ochsenschwanz zuzusehen, wie er stundenlang schmort und schmort Das scheitert an der verlogenen Zeitökonomie des Fernsehens. Vielleicht lernen sie's ja noch.

Anzunehmen ist es nicht. Sie lassen sich hetzen von den Produkten, die sie platzieren müssen, von der Aufmerksamkeit der Seherinnenundseher, die ihnen nicht entgleiten darf, und das Ergebnis sind dann vor Hysterie graue und verkrampfte Fernsehköche und Präsentatorinnen, denen der Gedanke, eine Ich-Aktie sein zu sollen, den letzten Rest Lebensfreude geraubt hat. Wie auch immer, die Fernsehköche sind im Vormarsch, und wenn nicht Fernsehköche, müssen es Medienpersönlichkeiten sein, die kochen. Unser saisonaler Kochbuchschwerpunkt ergab sich also ganz von selbst aus dem aktuellen Angebot.

Johann Lafer ist ein erfolgreicher Auslandsösterreicher. War Witzigmanns Patissier im legendären Tantris. Besitzt die Stromburg in der Eifel, in die er ein Luxushotel und ein Dreisternrestaurant eingebaut hat, samt Fernsehküche. Tritt in Volksmusikshows und bei Kerner auf. Kochte für George Bush bei dessen Besuch (Bush mochte es). Trägt einen schwarzen Schnurrbart und darunter makellose weiße Zähne, die er ständig zu freundlichstem Lächeln entblößt. Hat in Deutschland eine populäre Kochschau, verkauft Lebensmittel, Bücher und Kochkurse sonder Zahl unter der Marke Lafer. Ist so bekannt, dass sich in seinem neuesten Buch keine Angaben zur Person mehr finden. Lafer kennt man eben.

All das könnte misstrauisch stimmen; in der Tat gibt es Kochbücher von Lafer, die man nicht wirklich brauchen kann. Dieses aber kann man brauchen, denn Lafer hat diesmal die Bodenhaftung nicht verloren. Das deutet er nicht nur mit dem Titel "Gut kochen. Preiswert & schnell" an, das zeigt die ganze Sammlung. Einfache und praktikable Rezepte, die auf vernünftige Weise präsentiert werden. Ohne Schnickschnack fotografiert, mit machbaren Zubereitungszeiten. Dass die Karotten Möhren heißen und die Semmeln Brötchen, und das bei einem Steirer, muss man hinnehmen. Alle Rezepte sind machbar. Von welchem Kochbuch kann man das behaupten? Da verzichtet man gern auf dick aufgetragene Inspiration, flashige Fotos und großzügige Beigaben von Koriander und Sternanis. Gedämpfte Fischröllchen mit Zitronengrasschaum müssen reichen, und die sind brav abgelichtet. Aber das macht nichts: so viel Brauchbarkeit muss einfach bieder sein. Kaufempfehlung.

Tim Mälzer kennt man, oder auch nicht, von seiner Kochshow bei Vox. Er ist die deutsche Variante von Jamie Oliver, also etwas später dran und etwas weniger stilsicher bei seinen Versuchen, die Welt der guten Küche rocken zu lassen. Auch fehlt ihm eine Pop-Öffentlichkeit, die bei seinen Versuchen, Olivenöl möglichst sexy über den Salat zu schütten, schockweise in Ohnmacht fällt. Jamie Oliver muss natürlich auf dem Cover des Mälzer-Buchs versichern, er finde dessen Rezepte wunderbar, und Tim sei ein Typ, der "merkwürdig" aussehe.

Ja, wenn die Typen anfangen, selber drüber zu reden, dürfen wir auch: Ich würde sagen, er sieht ein bisschen aus wie der bei Real Madrid tätige brasilianische Fußballer Ronaldo, wobei ich nicht sicher bin, ob Ronaldo nicht doch weltmeisterlicher agiert als Tim Mälzer. Zumindest verwechselt er einen erfolgreichen Auftritt nicht mit dem Hinterlassen einer Sauerei am Arbeitsplatz. Wir wollen nicht hochnäsig sein: Das eine oder andere kann man durchaus brauchen, ja, man kann von dem Kraftkerl da und dort was lernen: Einmal habe ich im Fernsehen gesehen, wie er tiefgefrorene Milky Ways klein hackte und über ein Dessert streute - kann man ja probieren. Trotz des abschreckenden Slogans "Schmeckt nicht, gibt's nicht - cool kochen mit Tim Mälzer": für Menschen, denen junge Anmutung über alles geht, durchaus einen Versuch wert.

Kitzbühel bzw. Kitzbüdl, wie Robert Seeger sagt, der Oberkitzbüdler schlechthin. Marecek als Spitzenkoch. Sofort ist man froh, dass es sich nur um ein Fernsehspiel handelt, erinnert sich aber dennoch an die unvergessliche Kochsendung "Prominente Kochen" oder "Prominentenkochen", so genau weiß ich das nicht mehr. Aber ich erinnere mich an unglaubliche Szenen des die Wohnungstür öffnenden Mareceks, der von einem ihm entgegengrinsenden halbprominenten Haberer begrüßt wurde, worauf die beiden miteinander gut gelaunt eine Inzersdorfer-Konserve in ein Reindl schütteten, um sie auf einer trostlosen E-Herdplatte zu wärmen.

Jetzt mimt Marecek in der Krimiserie "Soko Kitzbühel" einen Haubenkoch. Deswegen gibt es jetzt ein Buch. Die Rezepte sind zwar im Schnitt machbar, lappen aber doch ins Haubenlokalmäßige (im richtigen Leben stammen sie vom Koch Franz Grössing). Rinderfilet mit Gänseleber, Madeirasauce und einem dreieckigen Kartoffelauflauf mit Schachbrettmuster am Rand übersteigt die Möglichkeiten des durchschnittlichen Hobbykochs bei weitem. Lästig: Promigetue und Inserate mitten im Text. Muss man nur haben, wenn man sehr gern SOKO Kitzbühel schaut.

Sarah Wiener, eine Tochter des Schriftstellers und Theoretikers Oswald Wiener, die sich auf das Catering von Filmunternehmungen spezialisiert hat; Spezialfall einer Medienköchin. Mittlerweile hat sie in Hamburg ihr eigenes Restaurant. Sie ist sympathisch, sieht gut aus, und sympathisch kommt auch ihr Kochbuch daher: Einfache, machbare Rezepte, die Anekdoten über Promis sind erträglich, sogar deren Rezepte (Tobias Morettis Nudeln al limone) klingen appetitlich. Irgendwie hat Frau Wiener einen ulkigen Charme beim Erzählen, der sich wahrscheinlich daraus ergibt, dass wir Österreicher uns abbären, wenn wir uns vorstellen, wie unsere deutschen Brüder "Obazda" aussprechen. Manchmal wirkt die Naivität freilich ein bisschen aufgesetzt.

"Fräulein Wiener hat als besondere Ehre, so hat sie es empfunden, von den drei Stieren, die dort geschlachtet wurden, immer den Stierhodensack (inklusive Hoden) überreicht bekommen - die noch warmen Hoden. Ganz stolz hat man mir den überreicht, und dann habe ich gesagt: Oh, danke! Und dann habe ich die Stierhoden angebraten und zurückgeschickt, als Hommage." Das war bei Nitsch in Prinzendorf, natürlich, man kennt einander, und gewiss hat sie die schönen Hoden vor dem Anbraten in feine Scheiben geschnitten. Auch wenn man hodenlos kocht, kann man Sarah Wieners Buch gut brauchen.

Gérard Depardieu, die beliebte Knollennase des französischen Films, ist - hätten Sie's geahnt? - ein leidenschaftlicher Koch. Er produziert Weine an der Loire und besitzt ein Restaurant in Paris. Wenn Sie jetzt verächtlich "Merchandising" murmeln, mögen Sie ja Recht haben, aber das Kochbuch des Machos verdient einen zweiten Blick. Gleich vorn posiert der blonde Bulle mit einem Lämmchen auf dem Arm. Das wirkt tatsächlich glaubwürdig. Man kann Lämmer streicheln und sie essen mögen zugleich. Depardieu ist einer, dem man beides glaubt. Und siehe, ein paar Seiten weiter erklärt er, dass ein gewaltsamer aber überraschender Tod das beste für ein Lamm ist, und: "Es ist wahr, dass ein Lamm, das ein Spanier getötet hat, anders schmeckt als ein Lamm, das ein Italiener oder Marokkaner getötet hat, einfach weil sich die Art des Schlachtens unterscheidet."

Wir erfahren, mit welcher Art von Armenküche Depardieu aufgewachsen ist (Kind ärmster Eltern, eh klar) und warum er für die Vielfalt und ökologische Korrektheit von Lebensmitteln plädiert. Das tun wir auch, und erfreut sehen wir, dass der fleischige Star des französischen Kinos auch beim Kochen nicht schwächelt und durchaus kräftige Rezepte anbietet, die einen sofort zum Nachkochen reizen. Nichts Gekünsteltes an seinem Kaninchen in Aspik, an seiner Ochsenmaulsülze in Vinaigrette, an seinen Fischen, Suppen, Fleischspeisen; sogar eine französische Abart der Cremeschnitte hat er zu bieten (jetzt müsste man den Franzosen nur noch erklären, dass obendrauf Zuckerfondant mit Zitronensaft gehört, nicht bloß Staubzucker; Onkel Lafer wüsste das). Kräftige französische Küche, nachkochbar. Kaufempfehlung.

Toni Mörwald ist ein niederösterreichisches Medienereignis, das längst auch auf Wiener Füßen steht. Was ein wenig begann wie ein Dogudan vom flachen Land, ist mittlerweile zu einer gastronomischen Force de Frappe angeschwollen. Nun legt er "Mein Kochbuch" vor; es sind viele brauchbare Rezepte darin, aber auch viele Fotos aus dem Leben Mörwalds als glücklicher Vater/Jäger/Koch und Lehrer am Herd. Wie der Toni Palatschinken mit der Pfanne wirft, wäre halbwegs interessant; wie er kleine Kinder in die Luft wirft, hätte man vielleicht nicht so genau wissen müssen. Das Buch gibt zugleich auch Auskunft über die Firma Mörwald mit all ihren Verzweigungen; das bräuchte man in einem Kochbuch ebenfalls nicht unbedingt. Wichtiger wäre es gewesen, den Namen der Fotografin (Uli Kohl) nicht in 7-Punkt-Schrift auf der letzten Seite zu verstecken; die Fotos sind in Ordnung, wie auch die Rezepte. Gäbe es etwas weniger "Schaut's her, i bin's, euer Mörwald-Toni"-Gehabe im Buch, die Kaufempfehlung wäre uneingeschränkt.

Armin Thurnher in FALTER 11/2005



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