Peter Stein. Ein Porträt

Roswitha Schieb


Glanz und Elend eines Hochbegabten: die erste Monografie zu Leben und Werk des deutschen Regie-Solitärs Peter Stein.

Es war Liebe auf den ersten Blick. "Ich habe ihn getroffen in einem Restaurant an einem kleinen Tischlein mit einer Decke, weiß und rot kariert, ein sehr einfaches Restaurant, und nach fünf Minuten habe ich gedacht, das ist mein Mann." So erinnert sich die italienische Schauspielerin Maddalena Crippa an ihre erste Begegnung mit ihrem späteren Mann, 1986 in Palermo.

"Seine Ruppigkeit hatte eine unheimliche erotische Anziehung - ich war dem Mann verfallen, ich sah den gern, ich guckte ihm gern zu, ich mochte, wie er sich bewegte, ich mochte seine Gestalt, seinen Mantel, seine Art zu reden, ich mochte seine Unverschämtheiten, ich mochte am Anfang alles." So erinnert sich der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz an seine ersten Eindrücke von dem Mann, mit dem ihn eine mehr als dreißig Jahre lange Arbeitsbeziehung verbindet. Nachsatz: "Später mochte ich dann nicht mehr alles, manchmal auch gar nichts mehr."

Die Rede ist von Peter Stein, einem der wichtigsten deutschen Theaterregisseure der Nachkriegszeit. Die Zitate stammen aus der soeben erschienenen Monografie zu Leben und Werk des 67-jährigen Künstlers, erstaunlicherweise der ersten ihrer Art. Dass das Buch den für einen 550-Seiten-Ziegel etwas bescheidenen Untertitel "Ein Portrait" trägt, geht vermutlich auf Steins Kappe. Als ihn Autorin Roswitha Schieb - als Theaterpublizistin ein bisher unbeschriebenes Blatt - mit dem Buchprojekt konfrontierte, hatte Stein zunächst ablehnend reagiert: "Eine Biografie? Aber mein Leben ist doch gar nicht interessant!"

Von Steins Leben erfährt man in dem Buch dann auch nicht viel. 1937 in Berlin geboren, wurde der kleine Peter während des Krieges aufs Land ausgesiedelt und gelangte auf der Flucht vor den Russen bis nach Salzburg, wo er fünfzig Jahre später Schauspieldirektor der Festspiele werden sollte. Am Gymnasium in Frankfurt thematisierte er schon als Fünfzehnjähriger die Verantwortung der Lehrergeneration für die Judenvernichtung; umgekehrt diskutierte er während eines Sprachstudiums in England mit seiner Gastfamilie die Bombardierung Dresdens. 1958 ging Stein zum Studium (Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte) nach München, wo er 1959 am Studententheater erstmals Regie führte (Musils "Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer").

Der Rest ist die Chronik einer ziemlich beispiellose Karriere. Stein arbeitet als Regie- und Dramaturgieassistent an den Münchner Kammerspielen und schreibt dort 1967 gleich mit seiner ersten eigenen Inszenierung Theatergeschichte: Die deutschsprachige Erstaufführung von Edward Bonds "Gerettet" (das Stück ist durch jene Szene berühmt, in der ein Baby gesteinigt wird) wird im Fachblatt Theater heute umgehend zur Aufführung des Jahres gewählt.

Nach nur sieben weiteren Inszenierungen in Bremen, München und Zürich geht Stein 1970 mit dem Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann und einer Gruppe von Schauspielern (darunter Edith Clever, Bruno Ganz und Jutta Lampe) nach Berlin, um die Schaubühne zu übernehmen und das Theater neu zu erfinden. Gemeint sind damit zunächst die Produktionsbedingungen: Spielplan und Besetzungen werden an der Schaubühne im Kollektiv entschieden, den Inszenierungen gehen zum Teil monatelange Recherchen voran. Die Dramaturgie, der auch der junge Botho Strauß angehört, arbeitet wissenschaftlich genau wie ein Uni-Institut, und für ein großes "Antikenprojekt" kreuzt das gesamte Ensemble zuerst einmal wochenlang durch die Ägäis.

Abgesehen von aus heutiger Sicht etwas befremdlichen Aspekten - anfangs unterrichteten DKP-Funktionäre "politische Weiterbildung" - hat sich das Modell Schaubühne bewährt: Das relativ kleine Theater am Halleschen Ufer war zehn Jahre lang state of the art; zu Steins Inszenierungen von "Peer Gynt" (1971), den "Sommergästen" (1974) oder der "Orestie" (1980) pilgerten Theaterfans aus ganz Europa. Doch spätestens mit der Übersiedlung der Schaubühne 1981 an den Lehniner Platz (am Kurfürstendamm) mehrten sich kritische Stimmen, die eine "Musealisierung" von Steins Theater konstatierten. Als sich dann auch intern Widerstand regte, legte Stein 1985 zunächst die Leitung der Schaubühne zurück, ehe er dem deutschen Theater ganz den Rücken kehrte: Seit 1990 hat Stein nur noch in Italien, Russland und Österreich inszeniert; einzige Ausnahme war das Megaprojekt einer ungekürzten "Faust"-Aufführung (2000/01), für das Stein ein eigenes Ensemble gegründet hatte.

Ein gefeierter Künstler, der sich in einsame Höhen seiner Kunst emporgearbeitet hat, entwickelt sich zum mürrischen Einzelgänger, der tief gekränkt über monomanen Projekten brütet; aus einem hochbegabten Regisseur, der detailbesessen an jeder Geste tüftelte, ist ein biederer Spielleiter geworden, der sich damit begnügt, den ganzen "Faust" Vers für Vers aufsagen zu lassen: Die Karriere des Peter Stein ist eine der spannendsten Geschichten, die die jüngere deutsche Geschichte zu bieten hat.

Leider wird sie in Roswitha Schiebs "Portrait" nicht erzählt. Die Biografie ist auf Knien geschrieben: Mit einer einzigen Ausnahme ("Antonius und Kleopatra", Salzburg 1994) werden sämtliche Inszenierungen auf noch dazu ziemlich umständliche Weise abgefeiert und gegen die "stereotype" Kritik in Schutz genommen; seitenweise darf der mit Stein seit Jugendzeiten befreundete Literaturwissenschaftler Norbert Miller über "Jahrhundert-" und "Allerlieblingsinszenierungen" schwärmen und gegen eine "Horde von wild gewordenen Narren" wettern, die das zeitgenössische Theater derzeit bevölkerten.

Heikle Punkte wie Steins Abgang von der Schaubühne werden nur vorsichtig gestreift. Dafür erfährt man, dass der Student Stein zur Untermiete in einer Wohnung logierte, in der es verpönt war, beim Waschen den Linoleumboden nass zu machen. "Deshalb kann Stein sich bis heute in kleinsten Gefäßen waschen, ohne etwas zu verspritzen." Peter Stein hat sich eine intelligenteres, widersprüchlicheres, besseres Buch verdient.

Wolfgang Kralicek in FALTER 11/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×