Die entführte Prinzessin. Von Drachen, Liebe und anderen Ungeheuern

Karen Duve


Karen Duve hat einen Ritterroman geschrieben. Doppelter Boden ist allerdings keiner auszumachen.

Karen Duve erzählt in ihrem neuen Buch eine alte Geschichte: eine Frau zwischen zwei Männern. Die Frau ist eine Prinzessin, die im trostlosen, ewig vereisten Nordreich Snögglingduralthorma lebt, und die beiden Männer sind Prinz Diego, der exzessiv Schwarz trägt und Vegetarier ist, weil er so viele Pflanzen wie möglich vernichten möchte, und der arme nordländische Ritter Bredur.

"Die entführte Prinzessin" ist in einer pseudomittelalterlichen Welt angesiedelt, und wie es dort so üblich ist, ziehen die Ausflüge in die weite Welt zahlreiche Abenteuer nach sich, die bestanden werden müssen, um Gekidnappte wiederzufinden. Duve schlägt einen ironischen Ton an, die durchaus zickige Prinzessin Lisvana hat nur eine "popelige Mitgift" aufzuweisen, ihr Vater erzählt tagaus, tagein langweilige Rentierwitze, und die Zauberglocke, die Ritter Bredur zuteil wird, ist leider verbeult, sodass alle Wünsche etwas verzerrt in Erfüllung gehen.

"Die entführte Prinzessin" ist ein Kinder-, maximal ein Jugendbuch, obwohl der Verlag das seltsamerweise mit keinem Wort erwähnt. Stattdessen preist die Presseaussendung die 400 Seiten starke, aber leicht lesbare Story als "phantastischen wie realistischen Roman, voll mit historischen und weltliterarischen Verweisen" an. Sagen wir so: "Die entführte Prinzessin" ist ein nettes Buch, aber abendfüllend ist es nicht. Wahrscheinlich weil es zu nett ist, weil die dunklen, bedrohlichen Kanten mit so viel liebevoller Ironie abgerundet sind. Richtige Märchen sind viel böser, als Duve es je sein könnte.

Das literarische Parkett hat Karen Duve, Jahrgang 1961, betreten, als jeder neue Roman unter "Popliteratur" firmierte. 1999 landete sie mit ihrem temporeichen Debüt "Regenroman" über einen Schriftsteller, der aufs Land zieht und dort skurrile Gestalten kennen lernt, auf Anhieb einen Beststeller. Drei Jahre später dann erschien "Dies ist kein Liebeslied" - ein Buch, das in kritischer Nabelschau die Jugend einer übergewichtigen Frau Revue passieren lässt, Psycho-Workshops parodiert, eine SM-Party kommentiert und Duves Ruf als "Chronistin jugendlicher Debakel" (Kölnmagazin) festigte, den sie sich schon mit ihrem früheren Erzählband "Keine Ahnung" (1999) erworben hatte.

Gut möglich, dass Duve wegwollte von realistischen Geschichten über pubertäre Nöte. Duve, die heute mit ihrer Bulldogge in Brunsbüttel in der Nähe von Hamburg lebt, hat in letzter Zeit ein Kinderbuch über einen Teddybären geschrieben ("Weihnachten mit Thomas Müller") und jetzt also ein Märchen. Zumindest fürs nächste Buch ist die Zeit reif, sowohl das Kinder- als auch das Jugendzimmer endgültig zu verlassen.

Karin Cerny in FALTER 11/2005



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