Wörterbuch

Jenny Erpenbeck


Mit ihrem schmalen "Wörterbuch" ist Jenny Erpenbeck ein überaus dichtes Buch über die Mechanismen von Diktaturen gelungen.

Diktatur, die: auf unbeschränkte Vollmacht einer Person oder Gruppe gegründete Herrschaft in einem Staat" - so steht es im Wörterbuch. Jenny Erpenbecks neuer schmaler Band heißt "Wörterbuch", der Begriff "Diktatur" findet sich darin aber nicht, jedenfalls nicht so. Erzählt wird stattdessen die Geschichte eines Kindes, dessen erste "heile" Wörter "Vater und Mutter", "Ball" und "Auto" sind. Erzählt wird, wie dieses Kind größer wird und wie zwischen Wörtern und Wirklichkeit ein Abgrund entsteht, in den "Vater und Mutter" schließlich hineinstürzen. Denn der Vater war nicht nur Funktionär des Unrechtsstaates, dieser Funktionär war am Ende nicht einmal der richtige Vater: Das Mädchen ist durch Zwangsadoption an seine Eltern geraten, wie man sie in Argentinien unter der Militärdiktatur ausübte an Kindern von Gefangenen und Verschwundenen (übrigens kannte auch die DDR den Entzug des Sorgerechts etwa bei Republikflüchtigen; ihn verantwortete, Anfang der Siebzigerjahre, die damalige Ministerin für Volksbildung Margot Honecker).

Das Land, um das es hier geht, wird nicht namentlich genannt. Es ist ein mysteriöses, sonniges und katholisches Riesenreich, das den Schnee nicht kennt. Die Diktatur, die hier herrscht, ist keine bürokratische, sondern eine blutig-archaische. Schüsse fallen auf der Straße, Engel stürzen vom Himmel: Für eine kleine Weile darf man das noch für Kinderfantasien halten. Aber es ist die krasse Realität eines Regimes. Die Schergen der argentinischen Junta pflegten ihre betäubten Opfer über dem Atlantik aus Flugzeugen zu stoßen. Der Vater der Ich-Erzählerin ist Strömungsspezialist, wird sie erfahren, und: dass er sein Wissen einsetzt, damit die Leichen nicht ans Ufer gespült werden.

Die Kindersicht des kleinen Mädchens und der Märchenton ihrer Lieder und Verse nehmen den Ereignissen nichts von ihrem Schrecken, im Gegenteil. Wie das Debüt "Geschichte vom alten Kind" und die Erzählungen "Tand" bewiesen haben, ist die 1967 in Ostberlin geborene Jenny Erpenbeck eine ungemein sprachbewusste, stilsichere Autorin. Denn "Wörterbuch" ist nicht nur eine Parabel über die Diktatur, sondern auch ein subtiler Versuch über die kompromittierten Wörter.

Der Spracherwerb des Kleinkinds, so hat man lange geglaubt, wiederhole einen ursprünglichen paradiesischen Zustand, in dem die Worte auch das Wesen des Dings bezeichnen. "Mutter und Vater", "Ball" und "Auto", die "heilen" Worte, wären im Lexikon der Ich-Erzählerin also der verlässliche Grundbestand. Aber nach und nach wird vom Verlust des Vertrauensverlust in die Sprache erzählt: "Da kann jetzt jeder kommen und irgendein Wort von dem Ding, zu dem es gehört, forttragen, frage ich, oder es einem anderen Ding überwerfen wie eine Decke, jeder, der spricht, kann ein Dieb sein."

Als kleine enttäuschte Sprachtheoretikerin entdeckt das Mädchen, dass die Wörter den Sachen "davonlaufen". Und daher bekommt dann jedes Wort auch noch eine bösartige Bedeutung, gerade im kindlichen Repertoire: Im Gute-Nacht-Lied stecken die "Näglein", im "Hoppe-Reiter" lauern die Raben und der Sumpf, jeder Abzählreim wird bedrohlich. Unmerklich zuerst, dann auf immer eindringlichere Weise, verwandelt sich das Vokabular des kleinen Mädchens in das Wörterbuch eines Unmenschen. Einmal geht das Erzählen in quälendes Staccato über: als der Vater der Herangewachsenen berichtet, wie die Gefangenen durch Tortur zum Sprechen gebracht wurden - damit hat er das Kinderparadies, das behütete Sprechenlernen des kleinen Mädchens endgültig durch die erpressten Worte der Folteropfer ersetzt.

So konsequent und bedrängend dieser Prozess erzählt wird, so souverän ist er komponiert, als Motivgeflecht von zunehmender Dichte. Beispielsweise taucht immer wieder die Legende von der Volksheiligen Difunta Correa auf, die jeder Argentinientourist kennt: Um ihren gefangenen Mann zu besuchen, heißt es, ging die Difunta - irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts - mit ihrem Neugeborenen durch die Wüste. Sie selbst verdurstete, das Kleine trank an der Brust der Toten und überlebte. Eine bizzare Pilgerstätte in der Provinz San Juan erinnert bis heute an dieses Wunder. Von dieser Geschichte, die irgendwie auch mit ihrer eigenen Amme zusammenhängt, ist das Mädchen fasziniert, und allmählich wird auch klar, wieso: Als Baby brauchte sie eine Amme, weil die Adoptivmutter natürlich keine Milch hatte; die eigene Tochter der Amme wiederum ist ein Opfer des Regimes. Die erzählerische Sicherheit, mit der dieses Bedeutungsnetz geknüpft wird, macht die große Stärke des "Wörterbuchs" aus.

Vor zwei Jahren hat der Schweizer Autor Erwin Koch in "Sara tanzt" von einem Schreckensregime erzählt, in dem Bespitzelung und Kontrolle mit erbarmungsloser Logik in Folter und Vergewaltigung übergehen - und dabei gleichsam alle totalitären Staaten fusioniert, ein internationales Szenario geschaffen, in der man das Ceauçescu-Rumänien ebenso gut wiedererkennen kann wie die UdSSR oder irgendeinen Juntastaat der Welt. Solche Stellvertretungen müssen sich davor hüten, ungenau zu werden; Koch ist das gelungen. Jenny Erpenbeck wiederum kann die gestürzte argentinische Diktatur beschreiben, weil ihr deutsches Lexikon so präzise ist. Ihr "Wörterbuch" ist nicht nur eine Erinnerung an die "verschwundene Generation" Argentiniens und eine Reverenz vor den Müttern und Großmüttern der Plaza de Mayo, sondern eine beklemmende Studie zum Verhältnis von Wörtern und heilloser Welt.

Konstanze Fliedl in FALTER 11/2005



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