Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik

Erwin Einzinger


Mit seinem virtuos arrangierten Roman "Aus der
Geschichte der Unterhaltungsmusik" gelingt Erwin Einzinger ein
fulminantes Comeback.

Geht es nach den Gesetzen des Buchmarktes, sollte ein Autor am
besten jährlich mit einem neuen Titel vertreten sein. Literatur aber
hat ihre eigene Zeit. Für den Schreiber stellt sich also die Frage,
ob er sich eher der Logik des Marktes unterwerfen oder nach seinem
eigenen Rhythmus produzieren will - und damit riskiert, von der
Landkarte des Literaturbetriebs zu verschwinden.

Erwin Einzinger hat sich für die Langsamkeit entschieden. Zehn
Jahre sind seit seiner letzten Publikation, dem Band "Das wilde Brot", vergangen. Eine unverschämt lange Veröffentlichungspause, wie
sie allenfalls einem Star wie Thomas Pynchon zugestanden wird, nicht
aber einem Außenseiter aus dem oberösterreichischen Micheldorf. "Erst
in der Abgeschiedenheit und Ruhe daheim kann sich die eigentliche
Arbeit am Material entfalten", erklärt der 52-Jährige im Gespräch
seine langsame Arbeitsweise.

Das klingt ein wenig altmodisch, doch Einzinger ist alles andere
als ein biederer, behäbiger Autor. Sein voluminöser neuer Roman "Aus
der Geschichte der Unterhaltungsmusik" erweist ihn viel mehr als
einen mit allen Wassern der Moderne, Post- und Popmoderne gewaschenen
Erzähler. Wobei Erzählen hier nicht das lineare Aneinanderreihen von
Kausalitäten zu einem Märchen für Erwachsene meint, sondern das
virtuose Arrangieren des in liebevoller Kleinarbeit
zusammengetragenenen Materials. "Einen Roman, der mit
Sachbuchelementen spielt, sie manchmal auch ad absurdum führt", nennt
es der Autor.

Erwin Einzinger ist ein Kind der späten Sechziger- und frühen
Siebzigerjahre. Seine erste intensive musikalische Prägung verdankt
er The Troggs ("die erste Garagenband der Rockgeschichte"), großen
literarischen Einfluss auf ihn übten US-Beatautoren wie William S.
Burroughs sowie der deutsche Popinnovator Rolf Dieter Brinkmann aus:
"Er hat wunderschöne Gedichte geschrieben, die oft so unmittelbar und
direkt auf die Sinneszentren losgehen wie ein guter
Rock-'n'-Roll-Song."

In seinem jüngsten Roman folgt Einzinger den verschlungenen Pfaden
der Popkultur, die er seit seiner Jugend nicht mehr verlassen hat.
Wobei Popkultur für ihn nicht erst mit der Popmusik, sondern bereits
viel früher, mit der massenhaften Erzeugung und Vervielfältigung von
Produkten beginnt. "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik" setzt
also mit der Erfindung der Fertigsuppe Ende des 19. Jahrhunderts ein
und endet 534 Seiten später mit Warhol und den berühmten
Campbell-Konservendosen.

Dazwischen brennt Einzinger in einem sachlich-nüchternen,
nichtsdestotrotz von enormer Kunstfertigkeit zeugenden Ton ein wahres
Feuerwerk an nützlichen und nutzlosen Informationen ab, denen man
sich als Leser überlassen kann, ohne dabei den Faden zu verlieren. In
wenigen Sätzen gelingt es dem Autor, erstaunliche Szenarien zu
entwerfen und dabei immer wieder überraschende Perspektiven zu öffnen
und unerwartete Zusammenhänge zu erhellen.

Um das zu schaffen, woran man bei der Lektüre seine helle Freude
hat, bedurfte es für den Verfasser jahrelanger Kleinarbeit. "Ich war
bisweilen am Verzweifeln, allein schon wegen der Menge an Material",
ächzt er. "Und obwohl auf den ersten Blick das Chaos und der pure
Wahnwitz zu regieren scheinen, musste ich in Wahrheit wie ein
Buchhalter vorgehen. Ich habe oft vergeblich nach winzigen Details
gesucht, die ich irgendwo eingebaut hatte, um sie in abgewandelter
Form wieder aufzugreifen, die ich aber nicht mehr finden konnte." Der
enzyklopädische Charakter des Projektes verführte Einzinger dazu,
"immer weiter daran zu basteln, das Netz der Bezüge auszubauen und zu
verdichten, was einerseits ein lustvolles Spiel, zugleich aber eben
auch ein sehr langwieriges Unternehmen war. Ich hatte das Gefühl,
kein Mensch sei beim Schreiben je so seltsam und umständlich ans Werk
gegangen."

Ganz stimmt das nicht. Einzinger bewegt sich nämlich durchaus in
einem ähnlichen Kosmos wie Thomas Meinecke ("Musik") oder Rainald
Goetz ("Rave") und damit in bester literarischer Gesellschaft. Zwar
ist er kein DJ und war vermutlich noch nie auf einem Rave, doch auch
er wirkt in seinem Denken möglicherweise deswegen so jung, weil er
lange Zeit engen Kontakt mit jungem Menschen pflegte - als Lehrer.
"Ich habe gerne unterrichtet und mich mit den jungen Leuten, auch mit
den Kollegen und Kolleginnen, gut verstanden", erinnert sich der
kürzlich Pensionierte. "Dennoch habe ich Schriftsteller, die statt
zwei Berufen nur den einen, das Schreiben, hatten, immer beneidet.
Insofern weiß ich die Zeit, die ich jetzt habe, sehr zu schätzen."

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2005



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