Wien - Metropolis

Peter Rosei


Peter Roseis neuer Roman "Wien - Metropolis" wird den eigenen Ambitionen nicht gerecht.

Selten stößt man gleich auf den ersten Seiten eines Romans auf eine Stelle, bei der einen die dunkle Ahnung beschleicht, dass es sich dabei um einen Schlüsselsatz handeln könnte, der das ganze Buch charakterisiert, und zwar nicht aufs Schmeichelhafteste. In "Wien - Metropolis" ist es auf Seite 22 so weit: "Pandura blieb mitten auf der Straße stehen und überlegte: Es ist immer so schwer, dass einem das Zutreffende einfällt." Das ist allerdings richtig.

Peter Roseis neuer Roman ist weder als genuin konventionelles Monumentalgemälde angelegt noch als Folge loser Skizzen oder gar literarisch experimenteller Stimmungsbilder. Als was dann? Beim Verlag Klett-Cotta hat man dafür zur tapferen Formulierung gefunden, Rosei lasse ein "Patchwork aus Geschichte und Geschichten aufleuchten, mit sinnlichen und historischen Details förmlich aufgeladen". Das klingt besser, als es dann tatsächlich ist.

Es geht um Wiener Schicksale, ein Bogen wird gespannt, wie es in wohlwollenden Waschzettelrezensionen dann immer gern heißt, in diesem Fall vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die späten Siebzigerjahre.

Es gibt drei Hauptcharaktere - Georg, Alfred und den Juden Leitomeritzky - und ein ganzes Schüppel holzschnittartiger Nebenfiguren. Das literarische Niveau ist mit folgender Stelle gut beschrieben: "Der Leitomeritzky, schon halb ausgezogen, wird von seinen Damen weiter entkleidet, und bei Schampus und bereitgehaltenen kalten Platten vögelt er eine nach der anderen, wie es eben kommt. (...) Er gibt sich diesen Freuden bis zur totalen Erschöpfung hin, bis zum Wahnsinn - mit Ingrimm und Verbissenheit, und zuletzt, wenn schon die Hände zittern und ihr Griff ist nicht mehr ganz fest, wenn er, schweißnass Rücken und Brust, hineinstößt und hineinstößt, dann rinnen ihm öfter heiße und brennende Tränen über die Wangen, und sein Herz zerspringt fast."

Leitomeritzky, der einst dem Konzentrationslager knapp entronnen ist, scheint also das Überleben zwar angestrengt, aber nicht uneingeschränkt zu genießen; er hat doch nicht alles hinter sich gelassen, etwas nagt an ihm, und der Leser soll sich, platt instruiert, wohl seinen Teil dazu denken.

Rosei bringt es in seinem angeblichen Opus magnum zur Meisterschaft darin, Dinge auszusprechen, die besser ungesagt blieben, und anderes, das wert gewesen wäre, beleuchtet zu werden, im Nebel der Worte verschwinden zu lassen. Uninteressante Details werden aneinandergereiht, langatmige Natur- und Stadtbeschreibungen ausgewalzt. Sätze, die es nicht verdienen, enden mit einem Ausrufezeichen, Worte, derer es nicht bedarf, werden verdoppelt.

"Wien - Metropolis" ist voller unerklärlich schlecht geschriebener Passagen und verwackelter Bilder: "Der Pandura wurde dann klein und gedrungen vor Kraft, alles an ihm spannte sich und wurde hart; zugleich war der Mann leicht und beweglich, wie die Nadel einer Bussole, wie der Flaum einer Schneeflocke". Ein sonderlich enthusiastisches Lektorat hat der Text offenbar nicht genossen, sonst würde darin nicht "Personal herumlaufen wie Sommerfliegen" oder "eine Plastikmappe auf den Gehsteig kollern". Und die "tolpatschigen Kastanien", die als "wirre Notate, als flüchtige Linien einer Partitur" herumstehen, wären wohl auch besser unterblieben.

Was aus den handelnden Personen wird, ist relativ uninteressant. "Bei ihren Berichten und Erzählungen kommt das ganze Leben vor, sie überbieten einander an Ehrlichkeit, jeder will offensichtlich dem anderen tatsächlich die Wahrheit über sein Leben, seinen Charakter und seine Absichten offenbaren - aber zu welchem Zweck? Nur und gerade das bleibt im Dunkeln."

So ist es.

Christina Dany in FALTER 11/2005



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