Der Glanz der Fremde

Beqë Cufaj, Joachim Röhm


Der aus dem Kosovo stammende Beqë Cufaj schildert in seinem Roman "Der Glanz der Fremde" die Geschichte eines ungleichen Paares von Kosovo-Albanern. Beide, Arben und Refik, der sich Ricky nennen lässt, stammen aus demselben kleinen Ort, der nur den unbestimmten Namen Reka, Fluss, trägt und der niemandem, der dort lebt, Heimat werden will. Der Glanz der Fremde, das ist für die Bewohner von Reka das neue Auto des Emigrantensohns, das sind die Besuche der Auswanderer mit Taschen voller Geschenke, das sind die dick aufgetragenen Geschichten derer, die im Westen Reichtümer anhäufen. Dieser Glanz enzündet auch die Fantasie von Arben und Refik.

Refik träumt von Amerika. Das ist das Ziel, an das ihn die Flucht über das Mittelmeer Richtung Italien am Ende führen soll. Stranden wird er allerdings in Deutschland, irgendwo an der Peripherie von Stuttgart, an der Haustüre seines Vaters, der selbst vor Jahren fortging und als Hilfsarbeiter hängen blieb. Was als Zwischenstopp gedacht war, wird für Refik zur Endstation. Weil er Amerika nie erreichen wird, gibt er sich in gebrochenem Englisch als reicher Amerikaner Ricky aus. Er erzählt Geschichten von seinen Unternehmen und dem dort erwirtschafteten Vermögen - hauptsächlich, um eine Frau nach der anderen ins Bett zu kriegen und sich von ihnen aushalten zu lassen. Seine Kinder und seine Frau, mit der ihn noch sein Vater verheiratet hatte, dienen nur noch als Motiv für sein vages Lebensziel: Sein Sohn solle es einmal besser haben.

Arben lebt ein Leben ohne Träume und wäre nicht Rickys Netzwerk aus Kleinganoven, er hätte wohl nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Abend um Abend zieht er mit seinem Kumpel durch die Cafes der Griechen, Serben und Albaner, lässt sich volllaufen, wandert ziellos durch Stuttgart, ohne Erwartungen an sein Leben. Ricky seinerseits brüstet sich mit Arben, seinem "Künstlerfreund", der als "berühmter Schriftsteller" ein Buch über ihn, Ricky, schreiben würde. Erst langsam beginnt sich Arben von Ricky zu distanzieren, früh genug, um dessen Abstieg nicht hautnah mitzuerleben. Aus der Zeitung wird Arben erfahren, dass Ricky nach einer Schießerei in einer seiner Bars auf der Flucht ist.

Cufaj verweigert seinen Emigranten das Sentiment der sehnsüchtigen Heimkehrer. Daheim - das ist der Krieg. Das versteht selbst Ricky, der sich jedoch in seiner Prahlerei als zukünftiger Milizionär und Anführer des bewaffneten Widerstandes gegen Serbien sieht. Arbens Albträume, aus denen er schweißgebadet erwacht, sind die Erinnerungen an Reka, an Vater und Mutter. In nüchternem Ton erzählt Cufaj die unspektakuläre Geschichte zweier Auswanderer. Was bleibt, ist die Einsamkeit der Protagonisten.

Patrik Volf in FALTER 11/2005



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