Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert

Benjamin Libet


Der freie Wille ist eine Illusion! Mit dieser Ansage sorgen Hirnforscher seit einiger Zeit für Unruhe im deutschen Feuilleton. Zwei Bücher beleuchten die Hintergründe.

Neurowissenschaft gegen Philosophie, des is Brutalität, hätte Helmut Qualtinger vermutlich nach der Lektüre eines kleines grünen Buches ausgerufen, das Ende letzten Jahres erschienen ist: Das Buch heißt "Hirnforschung und Willensfreiheit", wurde von Christian Geyer herausgegeben und dokumentiert eine Debatte, die sich in den Jahren 2003 und 2004 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bei der Geyer als Redakteur arbeitet, sowie der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zugetragen hat.

Die Kontrahenten: Auf der einen Seite Naturwissenschaftler, die uns erklären, dass der freie Wille auf der Bühne des abendländischen Denkens zu lange eine Hauptrolle gespielt habe. Nun sei er aber abtrittsreif, er könne gehen, denn er ist nichts anderes als ein Mythos, eine Erfindung, und wir mögen das doch bitte zur Kenntnis nehmen. Auf der anderen Seite die vehementen Verteidiger der Willensfreiheit, zumeist Philosophen oder Juristen, die darob ganz und gar nicht amüsiert sind - und überhaupt: Wer behauptet eigentlich, dass bei diesem Bühnenstück jetzt plötzlich die Naturwissenschaften Regie führen?

Aber der Reihe nach. Begonnen hat das Ganze völlig harmlos, und zwar bereits im Jahr 1965. Damals entdeckten die beiden deutschen Forscher Hans Kornhuber und Lüder Deecke anhand von Hirnstrommessungen, dass zwischen der neuronalen Vorbereitung und der tatsächlichen Ausführung einer willkürlichen Bewegung rund eine Sekunde verstreicht. Zunächst nichts Ungewöhnliches, denn damit Muskeln aktiv werden können, müssen sie zunächst einmal vom Gehirn dazu instruiert werden.

Kornhuber und Deecke nannten diese Vorbereitungen im Gehirn "Bereitschaftspotenzial", dann wurde es für einige Zeit still um diese unscheinbaren neuronalen Signale. Bis zum Jahr 1979, als der US-amerikanische Neurowissenschaftler Benjamin Libet ein folgenreiches Experiment startete. Entscheidend dabei: Willkürbewegungen, wie sie etwa Kornhuber und Deecke untersucht hatten, heißen deswegen so, weil sie nicht automatisiert, sondern eben willkürlich ablaufen. Sie sind uns bewusst, und wir haben den Eindruck, dass wir sie mit einer bewussten Entscheidung auslösen können.

Libet war der Erste, der genau das im Experiment überprüfte. Er ließ Testpersonen willkürlich eine Hand oder einen Finger bewegen, wies sie jedoch an, sich durch Blick auf einen rotierenden Zeiger den Zeitpunkt ihrer Entscheidung in Erinnerung zu behalten. Gleichzeitig wurden auch EEG-Aufzeichnungen gemacht, aus denen das Bereitschaftspotenzial gefiltert wurde. Das Ergebnis der Versuche war eindeutig: Zuerst tritt das Bereitschaftspotenzial in den sogenannten motorischen bzw. prämotorischen Arealen der Großhirnrinde auf, dann folgt die bewusste Entscheidung und dann die Bewegung. Wie man es auch drehte und wendete, die Reihenfolge blieb so und wurde auch durch neuere Versuche bestätigt.

Aus diesem Ergebnis folgt, darüber sind sich alle Diskutanten einig, dass der freie Wille nicht der Auslöser des Bereitschaftspotenzials sein kann - es sei denn, er wäre zu Zeitreisen in die Vergangenheit fähig, und das wollen nicht einmal die fantasievollsten Metaphysiker annehmen. Was man aber weiterhin daraus folgert, darüber scheiden sich die Geister. Da gibt es zunächst die Fraktion der Deterministen, die den freien Willen sofort ins Ausgedinge schicken will: "Um festzustellen, dass wir determiniert sind, bräuchten wir die Libet-Experimente nicht. Die Idee eines freien menschlichen Willens ist mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren", meint etwa Wolfgang Prinz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften im aktuellen Band von Christian Geyer.

Andere halten diese Versuche aus ganz anderen Gründen für verzichtbar: Sie seien irrelevante Fingerhebeübungen, die gar nicht das berührten, was man eigentlich unter Handlungsfreiheit versteht, nämlich das Handeln aus (vernünftigen) Gründen. Und wieder andere konzentrieren sich auf territoriale Fragen. Der Literaturwissenschaftler Gerhard Kaiser von der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg etwa empfindet die gesamte Determinismusdebatte als "Diskurskiller" und wirft der Hirnforschung vor, sich nicht ernsthaft auf die Geisteswissenschaften einzulassen, "denn sie greift in deren traditionelle Felder ein, wo sie ein entscheidendes Wort zu sprechen haben, und sie tut das nicht ohne Arroganz."

Eine gemäßigte Position nimmt der eigentliche Auslöser der ganzen Kontroverse ein. Wie Benjamin Libet in seinem kürzlich erschienenen Buch "Mind Time" beschreibt, ist der Wille zwar nicht fähig, willkürliche Bewegungen auszulösen. Aber er kann sie zumindest blockieren. Durch diese Vetofunktion des Bewusstseins sieht er das Konzept der Willensfreiheit gerettet. Einige seiner Fachkollegen lassen indes nicht locker und betonen, dass auch diesem Veto unbewusste Signale im Gehirn vorausgehen würden. Diese Frage wurde noch nicht experimentell überprüft. Es bleibt also noch genug Raum für weitere Gefechte.Er ist nicht nur Professor für klinische Neurophysiologie und neurochirurgische Rehabilitation an der Universität Bonn, Detlef B. Linke unterrichtet auch Philosophie der Naturwissenschaften an der Privaten Hochschule Weilheim-Bierbronnen. Er ist also ein gebildeter Mann und lässt daran die Leser in seinem neuen Buch "Die Freiheit und das Gehirn" auch ausgiebig teilhaben. Sein Hauptargument gegen die Totengräber der Willensfreiheit: Das in den Libet'schen Versuchen gewählte Zeitfenster ist zu eng, letztlich ein Artefakt. Die wirkliche Freiheit des Menschen äußert sich vielmehr in Prozessen viel größerer Zeitdimension. So weit durchaus einleuchtend.

Leider ist die Tour de Force durch die abendländische Geistesgeschichte ein wenig sprunghaft ausgefallen. Sobald ein Argument beginnt, ist das Unterkapitel auch schon wieder zu Ende, man stößt auf eine neue Überschrift - und das gelehrige Name-Dropping beginnt von neuem. Rekordverdächtig neben der Menge an Überschriften auch die Zahl der Sätze, die mit dem Wörtchen "Ich" beginnen. Weniger wäre in diesem Fall mehr gewesen.

Robert Czepel in FALTER 11/2005



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