Kirillow

Andreas Maier


Andreas Maier lässt in "Kirillow" sehr viel reden. Und er hat sehr gute Gründe dafür.

Jetzt ist der Russe da. Ganz leise und gar nicht uncharmant hat er sich in Deutschland breitgemacht: Vladimir Kaminer mit seiner Russendisco, namenlose Russlanddeutsche, die immer mehr Lebensmittelläden nach ihrem Geschmack eröffnen, und sogar Edgar Reitz hat ihnen im dritten Teil seiner monumentalen "Heimat" eine eigene Folge gewidmet. Wenn das nichts ist.

Andreas Maiers neuer Roman kündigt schon mit seinem Titel die Ankunft des Russen in der Literatur an: "Kirillow". So heißt eine Figur in Dostojewskis "Dämonen", und so heißt eine Figur in Maiers Roman, die allerdings nie wirklich in Erscheinung tritt, denn Kirillow sitzt im fernen Chabarowsk, während der Roman in Frankfurt am Main spielt. Die Fernwirkung Kirillows sollte man allerdings nicht unterschätzen. Und damit endlich zur Geschichte, soweit sie sich überhaupt einfach nacherzählen lässt.

Frank Kober (diesen Namen kennt man wiederum von Thomas Bernhard) und Julian Nagel sind enge Freunde, studieren - was auch immer - an der Universität. In Wirklichkeit verbringen sie den größten Teil ihrer Zeit mit Diskussionen in einem eher unübersichtlichen Freundeskreis, die sich um alles drehen oder um nichts, die aber auf jeden Fall mit großer Ernsthaftigkeit und dem Mut zu bedingungsloser Radikalität geführt werden. Und an diesen Diskussionen nehmen immer auch Russen teil: Russlanddeutsche, die gerade in Deutschland angekommen sind, Russen, die hier zu Besuch sind. Nur manchmal unterbricht die Realität diese Diskussionen: wenn Julian, Sohn eines Landtagsabgeordneten, auf einem Fest seines Vaters randaliert. Oder wenn die beiden die alte Frau Gerber besuchen, Franks Nachbarin, die im Krankenhaus liegt. Oder wenn sie zusammen nach Gorleben fahren, um den Castor-Transport zu blockieren. In solchen Situationen gewinnt dieser Roman unvermittelt einen direkten Weltbezug, der im unendlichen Gerede ziemlich fremd wirkt.

Die vielen gegensätzlichen, dicht ineinander verwobenen Stimmen tragen die Erzählung, und das unendliche Gerede ist hier poetisches Prinzip. Man darf es nicht mit artifizieller Spielerei aus Selbstzweck verwechseln, sondern als Konsequenz aus der Überzeugung, dass die Welt ohnehin aus nichts anderem bestehe als aus dem Reden über die Welt.

Und was haben die Russen damit zu tun? Der dialogische Roman, das ist die literaturhistorische Pointe, gehört zu den russischen Spezialitäten - so wie der Wodka. Auch in diesen Romanen wird bevorzugt über die letzten Dinge diskutiert, und es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der rätselhafte Russe Kirillow aus Chabarowsk den Frankfurtern die Stichworte liefert. Über Mittelspersonen gelangt ein von ihm verfasster Traktat nach Deutschland, in dem - verkürzt gesagt - behauptet wird, das alles Unglück dieser Welt vom menschlichen Streben nach Glück ausgehe.

Das klingt sympathisch, ist aber nicht besonders originell. Eine solche theoretisch nicht besonders elaborierte Haltung beschreibt aber vielleicht ganz gut den letzten Rest radikaler sozialer und politischer Opposition, die von Figuren wie Frank Kober und Julian Nagel verkörpert wird. Dieser ursprünglich russische Radikalismus ist weit mehr als modisches Accessoire, er illustriert ein Lebensgefühl - das sich freilich gegen die Erfahrung der Wirklichkeit abschirmen muss, damit es nicht in Gefahr läuft, als Pose entlarvt zu werden.

Denn spätestens in Gorleben, auf der Feier von Papa Nadler oder auch am Krankenbett von Frau Gerber wird Kirillow widerlegt. Es gibt - so legt es zumindest der Roman nahe - Momente, da jemand ganz zu sich kommt, protestierend, randalierend, aber auch in Sorge um die Nachbarin. Und in diesen Momenten wird nicht geredet, sondern gehandelt. Und in diesen Momenten sind die Unterscheidungen von richtig und falsch, Glück oder Unglück, außer Kraft gesetzt.

Damit soll erst einmal Schluss sein mit Frankfurter Kneipenphilosophie. Maiers Roman führt literarisch zwingend vor, in welch gut getarnten Figuren das Politische auch in solchen Gesellschaften überlebt, die von sich glauben, ihre grundlegenden Konflikte gelöst zu haben. Er liefert gleichzeitig das präzise, tragische aber immer wieder hochkomische Porträt einer Generation, die im allgemeinen Gerede keinen Ort mehr findet, an dem sie Widerspruch festmachen könnte. Er schreibt darüber hinaus eine Prosa, die so intensiv ist, dass einem am Ende der Lektüre die Ohren dröhnen. Kurz, prägnant und ohne langes Gerede: Dies ist ein selten großartiger und kluger Roman.

Tobias Heyl in FALTER 11/2005



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