Abschied von Chautauqua

Thomas Gunkel


Wie geht es der amerikanischen Familie denn so? Der seit einiger Zeit wieder sehr beliebte Familienroman weiß es. Detailauskünfte kommen diese Saison von Adam Langer, Matthew Sharpe und Stewart O'Nan.

Es passiert nichts Besonderes in Adam Langers Debütroman, und das über immerhin 579 Seiten. In leicht plapprigem, leicht konsumierbarem Ton plätschern die miteinander verwobenen Geschichten dreier Chicagoer Familien so dahin, getragen von einer wohltuenden "Das Leben ist scheiße aber was soll's"-Nonchalance.

Man liest und liest und meint spätestens nach dem ersten Drittel des Buches, sich jetzt eigentlich langweilen zu müssen, tut es aber nicht, sondern ächzt höchstens ein wenig ob des Autors Hang zu rokokoartiger Detailüberfrachtung in seiner Beschreibung des US-amerikanischen jüdischen Mittelstandes.

Wovon aber nährt sich das Lesevergnügen: am abgeklärten, treffsicheren, semiresignativen Witz des Amerikaners? An der stimmungsvollen, lebenserfahrenen Skizzierung der szenischen wie der personellen Ausstattung des Romans? Möglich.

Die Protagonisten von "Crossing California" wachsen einem jedenfalls ziemlich schnell ans Herz. Die taffe, leise, traurige Jill Wasserstrom etwa, mit zwölf schon Antonio-Gramsci- und Akiro-Kurosawa-Fan, die die kompletten 579 Seiten des Romans der Liebe ihres geliebten Freundes zu entgehen versucht. Muley Wills, als Bewunderer von Thelonious Monk und Zoltán Kodály ebenfalls schon früh schwer auf Zack, macht ihr die schönsten, poetischsten Filme ever zum Geschenk - sie gehen Jill so zu Herzen, dass sie den Schöpfer nicht an ihres lassen möchte.

Larry, den Möchtegern-Rock-und-Fickstar-Filius der Rovners, mag man ebenso prompt wie seine Mutter Ellen, die durch ihre lange berufliche Tätigkeit als Psychologin "zu einer negativen Einschätzung des menschlichen Verhaltens und der Menschen überhaupt" gefunden hat. Ellens Skepsis scheint berechtigt: Das Ehepaar Rovner geht gegen Ende des Romans getrennte Wege. Zum Vorteil beider allerdings: Während Michael, von Ellen auf "Einmal-pro-Monat-Diät" gesetzt, sich endlich wieder einmal so richtig ausleben kann, düst Ellen ab nach Paris: "Sie wollte Affären mit ivorischen Kakaopflanzern, Sorbonnestudenten, Filmregisseuren der Nouvelle Vague, mit Zigarettenverkäuferinnen und Lido-Tänzerinnen haben." Hat sie dann aber nicht.

Auch bei den Wasserstroms wendet sich die Sache am Ende zum Guten: Der Golden-Retriever-gutmütige Papa Charlie findet nach dem Tod seiner Frau zu neuem Beziehungsglück. Deidre Wills hingegen wehrt neuerliche Avancen von Muleys verstoßenem Vater ab und kämpft sich lieber weiter allein durchs Alleinerziehendenleben.

Adam Langer, Jahrgang 1967 und brotberuflich als Journalist, Bühnenautor und Filmproduzent tätig, hat mit "Crossing California" ein leicht übergewichtiges, in Summe jedoch gewinnendes literarisches Debüt hingelegt. Die in den frühen Achtzigern angesiedelte Geschichte ist witzig, lebensnah und von zeitloser Heutigkeit: ein bisschen wie eine Staffel von "Dawson's Creek", von Woody Allen geschrieben und in Szene gesetzt.

Wo "Crossing California" ein belletristisches Wesen mit bescheidenem, aber grundsympathischem Auftreten ist, steht es mit Matthew Sharpes Roman "Eine amerikanische Familie" etwas anders: Hier versucht jemand mit viel Ambition auf unambitioniert zu machen, mit reichlich Verkrampftheit auf easy-peasy. Erzählt wird vom Leben der Familie Schwarz: Vater Bernard, Autor für Pressetexte aller Art, fällt nach der Einnahme zweier inkompatibler Antidepressiva ins Koma und erwacht aus diesem als geistig Minderbemittelter. Tochter Cathy, 16, konzentriert sich noch etwas mehr auf ihr Faible für katholische Heiligenverehrung, Sohn Chris, 17, stellt mit dem beknackten Herrn Papa allerlei seltsame Sachen an, um ihn wieder einigermaßen in Schuss zu kriegen.

Sharpe schildert den Erosionsprozess des gesellschaftlichen Urgesteins Familie mit Bildern bemühter Bizarrerie, hierbei wohl auf eine Verfilmung à la "American Beauty" spekulierend; auch ringt er darum, die Tragigroteske sprachlich als Mix aus Lakonik, Siebengescheitheit und Simplizität anzulegen - da schaut der im Roman geschmähte "Fänger im Roggen" über die Schulter. Schöpfungsmythenkitschig darf's auch werden: "Noch nie hatte Chris sich merken können, wie welcher Baum hieß; er war ein regelrechter Baum-Analphabet gewesen. Nun schlenderten er und sein Vater Hand in Hand die Auffahrt hinunter und die Straße entlang und gaben jedem Baum entlang des Weges einen Namen. Nachdem alle Bäume getauft waren, benannten sie die Tiere groß und klein. Dann benannten sie die Grashalme. Dann die Häuser und andere von Menschenhand geschaffenen Gegenstände. [] Als der Himmel schließlich dunkel war, benannten sie die Dunkelheit. Dann kehrten sie nach Hause zurück, aßen zu Abend und gingen ins Bett. Gute Nacht, Dad', sagte Chris. Gute Nacht, Chris', sagte Dad." Ein Buch wie eine Spanplatte.

Lecker wie ein paar kühle Bierchen hingegen konsumiert sich Stewart O'Nans neuestes Epos. Ein altes Sommerhaus an einem See fungiert in seinem 700-Seiten-Schmöker "Abschied von Chautauqua" als szenischer Romantik-Nukleus: Die Maxwell-Familie verbringt zum letzten Mal eine gemeinsame Ferienwoche im malerischen Anwesen; Clanchefin Emily, die gut organisierte Domina der Familie, hat das Haus nach dem Tod ihres Gatten verkauft.

Entsprechend der Wetterlage in der ersten Wochenhälfte ist auch die Stimmung der mittleren Maxwell-Generation eher getrübt: Aus Kenneths Karriere als Fotograf wird aufgrund allzu großer Verzagtheit wohl nie etwas werden; seine Schwester Margaret hat gerade eine Entziehungskur und eine Scheidung hinter sich. Egal: Die beiden freuen sich, einander wiederzusehen, so wie auch Kens Frau Lise und die vier Emily-Enkel letztlich mehr Genuss als Frust an dem mitunter recht engen Beisammensein am See finden. Es wird gegessen, getrunken, gekeppelt, geschwommen, man sonnt (an Sonnentagen) oder langweilt (bei Regen) sich. Die Jungen spielen Gameboy, die Mädchen verlieben sich, Emilys Schwägerin Arlene raucht Zigarette.

O'Nan erzählt einfach, ruhig und doch handwerklich perfekt: Es gibt keinen Satz, kein Bild, keinen Dialog, der nicht sitzen würde. In die leserfreundliche Oberfläche der sachte dahindümpelnden Nichthandlung sind aber die Tausenden Spannungsfäden einer Familie eingewoben, jenes tragisch-magischen Beziehungsklumpens, der in Amerika, in Europa und überall sonstwo so ist, wie er sein wird und wie er immer war: schwierig und schön.

Stefan Ender in FALTER 11/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×