Alles Zufall. Die Kraft, die unser Leben bestimmt

Stefan Klein


Stefan Klein hat mit "Die Glücksformel" und "Alles Zufall" zwei internationale Sachbuchbestseller geschrieben. Ein Gespräch über neue Zugänge zu alten Themen und Tipps zum Glücklichsein.

Natürlich spielt Glück immer eine Rolle, wenn ein Buch sehr erfolgreich wird", sagt Stefan Klein. "Aber es war nicht nur ein Glückstreffer. Es hat wohl einen Nerv der Zeit getroffen." Vor zwei Jahren veröffentlichte der Wissenschaftsjournalist mit "Die Glücksformel" eines der bestverkauften und wohl auch meistgelesenen Sachbücher der letzten Jahre: Allein auf Deutsch hält seine gelungene Mischung aus Ratgeber und Wissenschaftsreportage bei einer Auflage jenseits der 300.000 Stück, zudem wurde und wird das Buch in zumindest 24 Sprachen übersetzt.

Der Erfolg der "Glücksformel" verdankt sich auch der Tatsache, dass der promovierte Biophysiker mit Wohnsitz Berlin einen neuen Zugang zum Thema Glück erschloss. Denn das war bis dahin ein Thema vor allem der Philosophie, der belletristischen Literatur, der Religionen und zum Teil auch der Psychologie. Klein recherchierte, was die Naturwissenschaften dazu zu sagen haben, besuchte Hirnforscher in ihren Labors und ließ sich erläutern, wie Glücksgefühle entstehen und was sich dabei in unseren Köpfen neurochemisch so abspielt.

Kleins Kernbotschaft im Buch wie im Gespräch klingt gut: "Die Anlagen zum Glück stecken in uns allen, weil sie lebensnotwendig sind. Und weil wir alle diese Anlagen haben, können wir auch etwas daraus machen." Das Glück ist also nicht nur - auf gut Österreichisch - ein Vogerl; es lässt sich auch zähmen, wenn man weiß, wie. Bleibt die Frage, ob das dem Autor selbst gelungen ist, der sagt: "Ich wollte auch Dinge über und für mich selbst erfahren." Die Antwort fällt eindeutig aus: "Zum Beispiel habe ich gelernt, was für ein ungeheuer körperliches Phänomen die Emotion Glück ist und dass man auf körperlicher Ebene viel dafür tun kann. Oder dass es keine so gute Idee ist, sich an anderen zu messen, obwohl es die Menschen dennoch ständig tun."

Die meisten der Tipps für ein glücklicheres Leben, die Klein in seinem Buch gibt - unter anderem rät er zu viel Bewegung, Sex, Freundschaft und Liebe - sind zwar nicht wirklich neu oder überraschend. Das ist für ihn aber auch nicht weiter verwunderlich: "Über Glück denken die Menschen mindestens seit 3000 Jahren nach, also seitdem wir eine schriftliche Überlieferung haben, und es ist wirklich fast alles, was es zu diesem Thema zu sagen gibt, gesagt worden - aber eben auch schon das Gegenteil." Und er hat auch ein konkretes Beispiel parat: Soll man die Wut bändigen oder rauslassen? Sie rauslassen macht unglücklich, weiß die Neurowissenschaft inzwischen ziemlich sicher. Und mit solcher wissenschaftlicher Unterstützung gelingt es Klein denn auch recht überzeugend, die guten von den weniger guten Lebensweisheiten zu trennen.

Während man im Sanskrit zwischen mehr als einem Dutzend Spielarten des Glücks begrifflich unterscheidet, gibt es im Deutschen nicht einmal zwei Ausdrücke für den Unterschied zwischen "Glück haben" und "Glück empfinden". Die englischsprachige Welt hat immerhin die Begriffe "luck" und "happiness". Außerdem gibt es im Englischen auch noch das Wort "chance", das Möglichkeit ebenso bedeutet wie Glück und Zufall.

Über den Zufall hat Stefan Klein sein bislang letztes Buch geschrieben, und in gewisser Weise steht dessen Macht ja dem Glücksempfinden entgegen: Wie Studien ergeben haben, macht uns Ungewissheit über unser weiteres Schicksal besonders unglücklich. Wir tun uns mit dem Zufall aber wohl auch deshalb so schwer, weil der Glaube an einen höheren Plan tief in uns einprogrammiert ist. Selbst Albert Einstein meinte: "Gott würfelt nicht." Stefan Klein hingegen zeigt, wie sehr der Zufall nicht nur das Universum und die Evolution, sondern auch unsere Leben immer mehr bestimmt. Denn in unserer unübersichtlich gewordenen, hochkomplexen Welt scheinen wir unser Schicksal noch weniger in der Hand zu haben als früher.

Doch auch in seinem neuen Bestseller "Alles Zufall" wartet Klein mit einigen Lebensweisheiten auf, um mit dem Zufall vernünftig umzugehen. Der Wissenschaftsjournalist beruft sich dabei auf die Spieltheorie, die von Mathematikern entwickelt wurde und vor allem in der Ökonomie Anwendung fand: "Die Spieltheorie sagt: Überlege dir nicht, welche Zukunft du am liebsten hättest, und überlege dir noch nicht einmal, welche du für die wahrscheinlichste hältst. Denn wahrscheinlich tritt das trotzdem nicht ein", so Klein im Gespräch. "Stattdessen soll man sich viel mehr überlegen, was im schlimmsten Fall passieren kann und Maßnahmen setzen, dass der nicht eintritt."

Klaus Taschwer in FALTER 11/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×