Moralische Geschichten

Maxim Biller


Der nervige Maxim Biller rehabilitiert sich mit einem neuen Buch und einer Lieder-CD.

Die Behauptung, Maxim Biller sei kein besonders beliebter Zeitgenosse, wäre eine mittelschwere Untertreibung. Harald Schmidt hat schon vor ein paar Jahren kurz und knapp festgestellt: "Biller nervt." Eine Exfreundin ließ den Roman "Esra" beschlagnahmen, weil sie sich darin verunglimpft sah, und in Listen à la "Die 1000 penetrantesten Deutschen" war Biller zuletzt stets eine gute Platzierung sicher. Galt er zu Beginn seiner literarischen Laufbahn mit Büchern wie "Wenn ich einmal reich und tot bin" (1990) als großes Erzähltalent, mutierte er später durch einen selbst für Schriftstellerverhältnisse übersteigerten Geltungsdrang und peinliche Talkshowauftritte zur Hassfigur.

Ein erstes Indiz dafür, dass sich das Blatt wieder wenden könnte, waren Billers im vergangenen Herbst erschienene Muschilieder. Unter diesem Namen machte die CD "Tapes" die Runde, die neben anderen bemerkenswert räudigen, vom Autor am Küchentisch eingesungenen und eingespielten Songs wie "Hey Mr. George Tabori" oder "Saddam hat den Blues" auch ein liebliches, den Ferkeleien eines Adam Green in nichts nachstehendes Stück mit dem Titel "Deine Muschi mag ich sehr" enthielt. Und die bis dato kaum gekannte Selbstironie, die zwischendurch in den Lieder aufblitzt, lässt den Selbstdarsteller Biller wieder erträglich erscheinen. Vor allem aber machen einige der Lieder in ihrer ungeschliffenen Unmittelbarkeit und dank ihres laienhaften Rohdiamantencharmes spätestens nach ein, zwei Schnäpsen richtig Spaß.

Von einem Buch, das "Moralische Geschichten" heißt, ist das weniger zu erwarten. Schon sieht man jenen Maxim Biller vor dem geistigen Auge, der sich darin gefällt, mit großer Geste die Lage Deutschlands, des Judentums und der ganzen Welt zu erklären. Doch der Titel führt in die Irre. Die zuerst in der Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienenen Kürzestgeschichten leben von der Aussparung jeglicher Moral und weisen dafür eine extrastarke Dosis beißenden Witz auf.

Biller arbeitet sich in diesen Texten über reale und fiktive, lebende und tote Figuren an Grundmustern menschlichen Verhaltens ab. Wenn es hier eine Moral gibt, dann höchstens die, dass alles ist, wie es eben ist; und dass man sich auch von seltsamen Begebenheiten - etwa davon, sich plötzlich in den Penis von Philip Roth verwandelt zu finden - nicht gleich aus dem Konzept bringen lassen sollte. Vieles in diesem Buch hätte auch ein Max Goldt nicht schöner festhalten können. Langsam läuft Biller Gefahr, sympathisch zu werden.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2005



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