Das Labyrinth erst erfindet den roten Faden. Einführung in die Organik

Franz Josef Czernin


Raoul Schrott und Franz Josef Czernin ziehen aus, um die Dichtung zu ihrem Ende zu bringen.

Als Raoul Schrott vor einigen Jahren "Die Erfindung der Poesie" in die Welt setzte, wurde ihm von einem Kritiker das Epitheton "Überflieger" verpasst. Derlei Schlagworte lenken in der Regel vom Denken ab, statt dazu anzuregen; in diesem Fall aber scheint mir das Wort treffend. Schrott überfliegt gern ein paar zig Jahrtausende Literaturgeschichte, Jahrtausende Menschheitsgeschichte, und gern wagt er sich ins Vorgeschichtliche oder erhebt sich augenzwinkernd zu den Wolken und über sie hinaus.

Augenzwinkernd, das ist das Schöne. Sein "Handbuch der Wolkenputzerei" macht diese Haltung deutlich, denn Schrott nimmt sich selbst nicht so ganz ernst. Mehrmals gebraucht er den Ausdruck "Hochstapler", und zwar im positiven Sinn: Der Felix Krull der deutschen Literatur zu sein, das wäre kein so schlechter Platz auf dem Parnass. Von dieser Hochstapelei gibt auch das "Handbuch" allerlei Kostproben. Das beginnt bereits mit dem Titel, denn es handelt sich keineswegs um ein Handbuch, sondern schlicht um eine Sammlung von Gelegenheits- und Auftragsarbeiten, mit einigen lauen Versuchen, eine systematische Poetik zu erstellen (denn mit der "Wolkenputzerei" ist wohl die Dichtkunst gemeint). Der Stoff ist in acht Kapitel gegliedert und mit fantastisch-hochtrabenden - eben wolkenputzerischen - Kapitelüberschriften versehen. Viele der Texte wirken eilig hingeworfen, die Syntax ist teilweise schlampig, das Lektorat scheint mit der Fehlerkorrektur nicht zurande gekommen zu sein. Die enorme Stofffülle, die Schrott bewältigt, erscheint als angehäuftes Bildungsgut aus Literatur, Kunst und Naturwissenschaften. Sie ist die Frucht einer ungebändigten Neugier, eines Welthungers - und nicht einer durchdringenden Erkenntnis. Oft tut der Handbuchschreiber nichts anderes, als Handbücher und Wörterbücher (wie das Grimm'sche) abzuschreiben. Das hat übrigens schon Jorge Luis Borges getan, aber konziser und prägnanter.

Dennoch hält die heitere Wolkenpoetik Erfreuliches und Überraschendes bereit. Sie bietet zwei Texte und zahlreiche Stellen, die dem Gestus der Überheblichkeit bewusst entgegenstehen. In seiner Rede bei der Entgegennahme des Peter-Huchel-Preises etwa schildert Schrott, ausgehend von einem Gedicht Huchels und einer Übersetzung Michael Hamburgers eine Erfahrung in der Libyschen Wüste, um daraus die Notwendigkeit der Dichtung abzuleiten, sich dem Vorsprachlichen (und insofern Ursprünglichen) anzunähern. Die verdichtete Sprache will nicht sosehr deutungslos sein, wie es bei Hölderlin heißt, sondern an den Rand jedes Zeichenverhältnisses und damit der Zivilisation gelangen. Die Schrott'sche Erläuterung ist überzeugend und macht sein Fasziniertsein durch Wüsten und sonstige finis terrae verständlich.

Der zweite Text ist eine Maturantenbeschimpfung - oder Abiturientenbeschimpfung, denn die Adressaten sind junge saarländische Schulabgänger. Diese Rede entwickelt einen eigenen Sog, mit Handkes Publikumsbeschimpfung durchaus vergleichbar, aber nicht auf Sprachformeln beschränkt, sondern konkret, inhaltsreich und bezogen auf eine ganz bestimmte Gruppe. Die Generation Golf im Faserland ist das eigentliche Ziel der Polemik, und Schrott positioniert sich damit auch im gegenwärtigen Literaturbetrieb, der sich oft genug darauf beschränkt, das Konsumbedürfnis der Kinder der Spaßkultur zu befriedigen. Was aber noch wichtiger ist: Schrott verzichtet hier einmal auf das geliebte Maskenspiel und gibt etwas von seiner wirklichen Biografie in einer Tiroler Kleinstadt preis. Das sagt hundertmal mehr über seine literarischen Motivationen als jene dadaistischen Autobiografien, die zu so vielen, nicht immer lustigen Missverständnissen geführt haben. Schrott schildert eine Art Erweckungserlebnis, als er im Zug ein schönes Mädchen beim Lesen des Mythos des Sisyphos sah. Der Absurdismus im Sinne Camus' ist eine gute, weil bodenlose Basis für die literarische Hochstapelei, bei der Steine zum Gipfel gewälzt oder, dies die Schrott'sche Spezialität, Seifenblasen zum Himmel geblasen werden.

Franz Josef Czernins Texte und Bücher wirken auf mich nicht organisch, sondern mechanisch - wie Machinen, die keinen Sinn und keinen Unsinn, keine Bilder und keine Wahrheiten produzieren, sondern bei aller Betriebsamkeit in Selbstbezüglichkeit verharren. Das große Projekt Czernins scheint darin zu bestehen, die Geschichte der Dichtkunst zu wiederholen. Diese Aufgabe teilt er sich offenbar nach Genres ein: die Fabel, das Sonett, der Aphorismus etc. Das Unternehmen an den Geistestotalitarismus Georg Wilhem Friedrich Hegels, der meinte, der Weltgeist und damit die Weltgeschichte könne in seiner, Hegels, Philosophie zu sich kommen und damit ein "Ende" finden. Auf ähnliche Weise dürfte Czernins Dichtkunst zu sich und zum Ende finden zu wollen.

Eine der Fragen, die in Czernins "Einführung in die Organik" mehrmals auftauchen, bezieht sich darauf, unter welchen Bedingungen ein geäußerter Satz wahr ist. Was "wahr" in diesem Zusammenhang heißt, weiß ich nicht, wie ich überhaupt die Czernin'schen Sätze trotz allem Bemühen meistens nicht verstehe. Nach meiner Auffassung sind diese Aphorismen überhaupt nicht wahr oder falsch: Sie sagen mir einfach nichts, während mir Aphorismen von Lichtenberg, Nietzsche oder Canetti häufig doch etwas sagen. Ein Mann aus dem akademischen Trupp der Czernin-Exegeten gesteht an einem bestimmten Punkt seiner Verstehensbemühungen, dass die Sätze Czernins Kopfweh - also Schmerz - bereiten. So empfinde ich die Lektüre auch: Sie führt mich auf ein Terrain, das immer unsicherer wird, bis ich merke, dass ich mich in einer Sackgasse befinde. Der Sinn rückt umso ferner, je weiter ich mich fortbewege, und ich suche vergeblich nach einem Ausweg. Genau das aber könnte die Ultima Ratio und das Ziel dieses ebenso rationalistischen wie formalistischen Schreibens sein: etwas, sei es auch sich selbst, zu suchen, um es nicht zu finden. Um stattdessen was zu finden? Nichts außer den dornigen, spitzigen Blumen - Rosen oder Disteln? - der poetischen Maschinerie.

Ein Labyrinth ist so etwas wie eine komplex gewordene Sackgasse. "wenn man, wenn man sich dann verbirgt, wenn man sich entdeckt, dann irrt, wenn man sich sucht, um sich zu finden, dann irrt man sich dann nicht, wenn man sich findet, um sich zu suchen, wenn man sich dann entdeckt, wenn man sich verbirgt." Das ist einer der Aphorismen aus Czernins Mechanik. Sagt er etwas Bestimmtes? Oder beschreibt er nicht eher ein Abdriften des Sinns in leblose Gefilde. Nicht Czernin, sondern meinen unwilligen Reflexionen verdanke ich es, dass ich mich an einen Text von Alois Brandstätter erinnere, den ich als Halbwüchsiger las: Es ging um den springenden Punkt im roten Faden: "Maria aber zeugte Jesus nicht." Was für eine wunderbare Setzung der Negation! Bei Czernin kann ich den roten Faden mit oder ohne besten Willen nicht finden; seine Aphorismen führen ins Nirgendwo, und der Autor verweigert die Weltaneignung, um sich im Labyrinth einer verworrenen Sprache zu verschanzen.

Was haben Schrott und Czernin gemeinsam? Vieles trennt sie, zum Beispiel zielt der eine auf einen natürlichen Stil, der anderen auf einen extrem künstlichen. Schrott ist es bei aller Bildungshuberei um Einfachheit zu tun, er hat das Zeug zum Volksschriftsteller, während Czernin ein Dichter für Fachleute, fürs germanistische Seminar bleibt. Beide verbindet aber auch etwas: die ausgreifende historizistische Geste, der hybride, bei Schrott fröhliche und manchmal ironisierte, bei Czernin bierernste Gestus, die gesamte Menschheitsgeschichte noch einmal einzuholen. In diesem berserkerhaften, der Vergeblichkeit geweihten Willen treffen sich der pedantische Lyrikdirektor und der überfliegende Hochstapler.

Leopold Federmair in FALTER 11/2005



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