Adreßbuch. Geschichten aus dem finsteren Herzen Europas

Richard Swartz


Der Schwede Richard Swartz begibt sich auf die Suche nach dem finsteren Herzen Europas und findet es unter anderem in Österreich.

Wenn es um die literarische Landeserkundung Osteuropas geht, ist man seit Jahren gut beraten, sich von einem Schweden leiten zu lassen. Richard Swartz, 1945 in Stockholm geboren, war viele Jahre Osteuropa-Korrespondent des Svenska Dagbladet und lebte zu diesem Behufe dort, wo der Osten ziemlich westlich oder der Westen einigermaßen östlich war, in Wien. Er vereint die Tugenden des Journalisten, der gewissenhaft recherchiert, mit denen des Erzählers, der sich mit den Fakten alleine nicht zufrieden gibt. Die Unzufriedenheit gründet aber nicht etwa darin, dass ihm die Fakten zu langweilig wären, sondern dass man sich mit ihnen mitunter literarische Freiheiten nehmen muss, um ihnen erst recht zu ihrer Geltung zu verhelfen. Ziel dieses Unterfangens ist nicht, über die Fakten hinaus ins Reich der Vorstellung und Fantasie zu gelangen, sondern gerade umgekehrt, erzählend, erfindend zur Wirklichkeit vorzustoßen.

Bei Swartz haben wir es also - wie etwa auch bei Ryszard Kapuscinski oder Martin Pollack - mit einem Reporter zu tun, der sich als guter Erzähler bewährt und nur, indem er das tut, seinen Reportagen jene Dringlichkeit zu geben vermag, die sie auszeichnet und über die Zeitungslektüre des Tages hinaus spannend macht. Berühmt wurde er mit dem Band "Room Service", in dem er 1996 "Geschichten aus Europas Nahem Osten" versammelte, wie der Untertitel dieser zwischen Reportage und Erzählung oszillierenden Geschichten lautete. 2001 ging er einen Schritt weiter und legte einen Roman vor, der freilich nicht nur unverkennbar autobiografisch fundiert war, sondern wiederum vielerlei Realien aus jenem anderen Europa vor dem staunenden Publikum ausbreitete: "Ein Haus in Istrien" war der kauzige Versuch, in Romanform zu beschreiben, was geschieht, wenn sich ein Nordländer in den Süden als Lebensheimat verschaut und als sichtbares Zeichen dieser Beheimatung ausgerechnet in einer historischen Erdbebenzone wie Istrien ein Haus erstehen möchte.

Das jetzt veröffentlichte "Adressbuch" steht zwischen den literarischen Reportagen von "Room Service" und dem mit landeskundlichen, politischen und historischen Fakten gesättigten Roman "Ein Haus in Istrien". In diesen "Geschichten aus dem finsteren Herzen Europas", wie der Untertitel diesmal lautet, geht der Reporter mit dem Erzählen weiter als in "Room Service", aber nicht ganz so weit, wie er es sich als Romancier erlauben konnte. Wenn Swartz in den sieben Erzählungen "Ich" sagt, kann man daher getrost davon ausgehen, dass er sich selber meint und keinen fiktiven Erzähler mit all seinen literarisch oft ungemein produktiven Differenzen zum Autor ins Spiel bringt; diese Identität von Autor und Erzähler bedeutet andrerseits nicht, dass alles, was hier ein "Ich" erzählt, sich genau so zugetragen haben muss. Am Wahrheitsgehalt der unzähligen Geschichten, die er in den "sieben Geschichten" erzählt, ist nicht zu zweifeln, aber dieser Wahrheitsgehalt ist nicht auf die Verpflichtung zu bringen, die sich ein Reporter auferlegt und, will er ernstgenommen werden, auferlegen muss, sondern auf die Arbeit des Erzählers, der die Chronologie umstellen, den Zusammenhang der Ereignisse neu deuten, die Details nach ästhetischem Wunsch und literarischer Laune anordnen darf.

Wo schlägt das "finstere Herz Europas"? Die sieben Geschichten spielen in Prag, in Siebenbürgen und - in Österreich, in Wien, und zwar in der Vegagasse im 19. Bezirk, und in einem namenlosen Ort im Mühlviertel, an der tschechischen Grenze. Fast überflüssig zu sagen, dass der Schwede Richard Swartz natürlich ein österreichischer Patriot ist und er, auch wenn er Wien und das Mühlviertel zum finsteren Herzen Europas macht, keinen schwarzen Kitsch der Österreich-Verdammung betreibt. Dieses wohlfeile Genre überlässt er den Österreichern und Österreicherinnen, die sich darin ohnedies seit Jahren so gütlich tun, dass sie keiner skandinavischen Unterstützung bedürfen.

In der Erzählung "Böhmen am Meer" geht es um den Herrn Kralik, Besitzer eines schäbigen kleinen Fotoladens in einer Mühlviertler Kleinstadt, und seinen Versuch, die Weltgeschichte zu korrigieren. Swartz war in den düsteren, kargen und kalten Landstrich geraten, weil er, als in Prag noch die Kommunisten herrschten, jahrelang keine Einreisegenehmigung in die Tschechoslowakei erhielt: "Da begann ich, wie ein geprügelter Hund an den Grenzen von Böhmen entlangzustreichen, die feuchte Schnauze am Boden, bis ich einen Ort fand, wo ich mich hinsetzen und jaulen konnte ..." Am Mühlviertel schätzte er, dass er sich dort jenes Böhmen, in dem er einst studiert hatte und nach dem er sich sehnte, diesseits der Grenze imaginieren konnte. Darin traf er sich mit dem Herrn Kralik, der sich im Mühlviertel ebenfalls sein inneres Böhmen bewahren wollte, denn der alte, graue Herr war ein Sudetendeutscher, der 1945 aus seiner Heimat vertrieben worden war.

Unmerklich führt Swartz seine Geschichte vom Kauzigen ins Gruselige hinüber, denn Herr Kralik, der im Ort immer ein Fremder geblieben ist, wird uns als sympathischer Verlierer geschildert - dessen Geschäft am Ende von einer Filiale der Kette Hartlauer ruiniert wird - und gibt sich doch zugleich als unverbesserlicher Chauvinist zu erkennen. Die Auslage seines Fotoladens tapeziert er mit immer neuen Nachrichten über das "größte Verbrechen" der Geschichte, eben die Vertreibung der Sudetendeutschen. Und am Wirtshaustisch verleiht er seinem Hass auf die Tschechen dadurch Ausdruck, dass er ihre Sprechweise höhnisch zu imitieren versucht. Indes, die Parodie gelingt ihm nicht, denn "ich sah keinen Unterschied zwischen dem Tschechen, den er imitierte, und Herrn Kralik selbst. Eher wirkte es so, als verhielte Herr Kralik sich zu dem, was er imitierte, wie das Negativ zum fertigen Foto."

Solcherart sind alle Geschichten, die Swartz erzählt: In den Marotten, Obsessionen, Verstiegenheiten kleiner Leute wird das große geschichtliche Verhängnis fassbar. Swartz verdammt nicht und verklärt nicht, sondern zeigt seine Gestalten in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit - als engstirnige Ideologen, die sich der Wirklichkeit verweigern, und als großmütige Sonderlinge, die sich auf die Geschichte ihren eigenen Reim machen. Er erzählt von seinem Großvater, einem schwedischen Schuhfabrikanten, der das deutsche Heer mit Stiefeln ausstattet, die halb Europa zertrampeln werden, und als Freigeist, der seinen so erwirtschafteten Reichtum in eine gigantische Bibliothek steckt, in der er lauter in Deutschland verbotene Bücher sammelt. Er berichtet vom dubiosen Kantor Ernster im siebenbürgischen Hermannstadt, dem heutigen Sibiu, von dem in der jüdischen Gemeinde niemand weiß, dass er je Kantor war; und der, in völliger Isolation von der Umwelt, an seiner eigenartigen Sprache festhält, die weder Jiddisch noch Deutsch ist, sondern ein Soziolekt, der mit dem einsamen Kantor untergehen wird.

Swartz, habe ich schon gesagt, ist ein österreichischer Patriot. Von den meisten seiner erfolgreichen österreichischen Kollegen unterscheidet er sich dadurch, dass er von den Menschen mit Zuneigung und Distanz zugleich zu erzählen weiß und sie nicht zu verdammen braucht, um sie zu kritisieren.

Karl-Markus Gauß in FALTER 11/2005



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