Das Buch von Blanche und Marie

Per Olov Enquist


Per Olov Enquist erfindet in "Das Buch von Blanche und Marie" das 19. Jahrhundert neu.

Sofort merkt man: Hier schreibt einer, der es kann, tut und das obendrein auch noch weiß. Letzteres ist (mir), um es gleich vorweg mit allem Respekt zu sagen, ein Zuviel des Guten. Nur ein glücklich Besitzender oder alles Wissender wie Roland Barthes konnte einmal dekretieren, dass der von ihm selbst so genannte "kulturelle Code" eines Textes das Langweiligste überhaupt sei. Im vorliegenden Fall einer kulturgeschichtlichen Erzählung, nicht aus dem 19. Jahrhundert, sondern über diese viel geschmähte Epoche, hat Enquist die reichsten (und mittlerweile scheinbar bekanntesten) Quellen ausgeschöpft, um Leser wie dich und mich zu gewinnen. Gekonnt spielt sein Roman die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Konfliktpotenziale der vorigen Jahrhundertwende ein und spitzt sie so zu, dass das Erfundene sich weder dem Makel des Beliebigen aussetzt, noch das Gefundene in den Geruch eines Professorenromans, Sparte Kulturwissenschaft, kommt.

Enquist, schon länger damit befasst, das (kollektive) Unbewusste der Moderne literarisch zu erkunden, konfrontiert in seinem Text Wahn und Wissenschaft. Die unheilvollen Wahlverwandtschaften zwischen Liebe, Physik, Psychiatrie und Chemie zu Ende des vorigen Jahrhunderts sind sein Thema. Leider setzt er dieses Mal zu sehr auf die Liebe; vermutlich hat ihn selbst die Panik vor dem kulturellen Code erfasst.

In diesem Roman ist indes, wie es sich gehört, (fast) alles erfunden. Umso genauer musste recherchiert werden; in der Danksagung wird auch die Tochter angeführt, "die das umfangreiche Charcot-Material recherchiert hat". Die titelgebenden Frauengestalten Blanche und Marie sind historisch verbürgt; eine dritte Frauengestalt, Jane Avril, berühmtes Modell für Toulouse-Lautrec, erweitert das Spektrum der radikal beschnittenen weiblichen Lebensmuster und zugleich deren aparte Überschreitung. Das Umschlagbild zeigt ausschnitthaft Blanche Wittman, "Königin der Hysterikerinnen", Patientin und - so will es der Roman - letzte Liebe des berühmten Leiters der Pariser Salpetrière, des Nervenarztes und Professors Charcot, bei dem Sigmund Freud in die Lehre ging. Freud hat übrigens in Enquists Roman ein paar eher verhuschte Auftritte ("Charcots Assistent Sigmund, der Deutscher war oder Österreicher ...").

Nach Charcots Tod, 1893, wird Blanche, nach Enquists Willen, Sekretärin bei der aus Polen stammenden und mit einem Franzosen verheirateten Marie Curie (geborene Sklodowska). Curies Entdeckung des Radiums und ihre Erforschung der Radioaktivität setzt sie und ihre Gehilfin Blanche extremsten Situationen aus. Geforscht wird in schuppenähnlichen Räumen; der wissenschaftlichen Erkenntnis wird der Körper geopfert, der von der gefährlichen Strahlung zerfressen wird und bei Blanche zur Amputation eines Armes führt. Mit der anderen Hand schreibt Blanche ein gelbes, schwarzes und rotes Notizbuch über ihr Leben, auch das "Fragebuch" genannt. Dieses Fragebuch ist eine Erfindung und als solche zu würdigen; allerdings kann es der Autor nicht lassen, so zu tun, als müsse er sprachliche Eigenheiten der Fragebuch-Schreiberin kommentieren. So ensteht lediglich eine bemühte Aura der Mystifikation. Leider hält sich der Roman nur partiell an die von ihm für dieses Fragebuch erfundene Maxime des genauen Fragens: eine Technik des Erinnerns mittels höchst präziser Fragen.

Blanche interessiert sich für die Liebe, was begreiflich ist, literarisch jedoch ein Risiko darstellt. So unbestechlich Enquist, mithilfe der Curie-Biografie von Susan Quinn, die Liebesgeschichte der Curie beschreibt - nach dem Tod ihres Ehemannes beginnt sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Franzosen, Paul Langevin - und den mit antisemitischen und xenophoben Anwürfen einhergehenden Skandal in der französischen Öffentlichkeit einspielt, so kitschig geraten die wohl lyrisch gemeinten Beschwörungen der Liebesmacht, die er aus den von ihm fingierten Notizbüchern der Blanche vorgibt zu zitieren. Dass die sexuelle Denunziation die Curie beinahe den Nobelpreis (ihren zweiten!) gekostet hätte, wird von Enquist scharf und lakonisch exponiert; hingegen bleibt die Evokation des "Die Liebe überwindet alles" ein leider - wohlgemerkt: literarisch - untaugliches Mittel, um die angebliche Kälte der modernen Wissenschaft und Gesellschaft überzeugend zu kritisieren.

Karl Wagner in FALTER 11/2005



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