FlipFlop. Digitale Datenströme und die Kultur des 21. Jahrhunderts

Stefan Heidenreich


Stefan Heidenreich geht in "FlipFlop" dem komplexen Verhältnis zwischen Technologie und ihrer Verwendung nach.

Eines der großen Märchen der Telekommunikationsbranche wird von Stefan Heidenreich gleich zu Beginn entzaubert. "Die Entwicklung von Technologie folgt nicht dem Bedarf von Anwendern", stellt er auf der ersten Seite seines Buches "FlipFlop" fest. Ein Beispiel dafür hat der Autor auch parat: "Auf fünf bis sechs Stück bezifferte Howard Aiken den künftigen Bedarf an Computern in Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg." Ach ja: Der Mann, der sich hier ein wenig verschätzt hat, war nicht irgendjemand, sondern der Entwickler des berühmten Großrechners Mark I.

Bei dieser Fehlprognose handelt es sich nach Heidenreich um keinen Einzelfall. Nur selten sei einem Erfinder bzw. Ingenieur wirklich bewusst, wozu seine Entwicklung später genutzt werden würde. "In ihren Anfängen sind Technologien der Kommunikation leer", beginnt der Autor sein Buch über "Digitale Datenströme und die Kultur des 21. Jahrhunderts" (so der Untertitel von "FlipFlop"). Erst mit dem Einsatz von Technologien werde über ihre Nutzung entscheiden.

Gerade in unseren hochgerüsteten Wohnzimmern voller DVD-Rekorder, P2P-Plattformen und MP3-Player, in denen die Gigabytes nur so durch die Leitungen purzeln, stellt die Untersuchung des an der Schnittstelle von Medien- und Kulturwissenschaften forschenden Deutschen eine lohnende Lektüre dar. Wer am heimischen Computer nicht nur möglichst schnell möglichst viel "saugen", sondern auch verstehen will, was da alles an Datenströmen in Bewegung ist, sollte einen Blick in "FlipFlop" riskieren.

Um die digitalen Medien der Gegenwart zu erklären, greift Heidenreich in seiner klar und unverklausuliert verfassten Studie sehr stark auf die Vergangenheit, auf die Fotografie, die Telefonie und den Film zurück. Dabei geht es ihm nicht darum, von früheren Technologien auf neue Entwicklungen zu schließen, sondern dem Leser ein Gefühl für die Gesetzmäßigkeiten der Nutzung von technischen Innovationen zu vermitteln. Denn: "Der Blick in die Zukunft eröffnet sich nicht im Ablauf der Zeit, sondern in der Betrachtung sich wiederholender und variierender Konstellationen von Technologie, Daten, Ökonomie und Kultur." Was es über unsere heutige Kultur aussagt, dass mittlerweile auch schon elektrische Zahnbürsten als MP3-Player verwendet werden können und ganze Werbeflächen ausschließlich von Spots für Handyklingeltönen bestritten werden, darum macht der Autor in seinem Text zwar einen kleinen Bogen. Andererseits aber hält sich "FlipFlop" dafür auch in angenehmer Distanz zum marktschreierischen Ton so manchen anderen Wälzers über die "digitale Revolution". Denn Technologie ist bekanntlich nicht von Haus aus gut oder böse, sondern an sich neutral.

Heidenreich singt deshalb kein lobendes oder mahnendes Lied auf die Kommunikationstechnologien des 21. Jahrhunderts, die de facto ja längst schon Alltagsrealität sind. Er will stattdessen analytisch begreifen, was sich seit dem langsamen Verschwinden physischer Datenträger ("die Technologien der Gegenwart [...] entziehen die gespeicherten und übertragenen Daten dem Zugriff der Hände und der Wahrnehmung") für Otto-Normal-User nur mehr als abstraktes Datengewusel ("das einzelne Werk bildet in dieser Zirkulation nur ein Element eines größeren kulturellen Datenstroms") begreifen lässt.

"FlipFlop" ist von einer großen Neugier darauf geprägt, wie diese Situation das Verhältnis zwischen Medien und Informationen verändert. Die einzige echte Schwäche des informativen, von zahlreichen Beispielen getragenen Schmökers ist, dass er die menschlichen Akteure in diesem Wechselspiel als eher irrelevant empfindet und so die Produzenten wie die Nutzer von Technologien fast konsequent ausklammert. Die Daten, so scheint es, bahnen sich auch ohne uns ihren Weg.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2005



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