Die Entdeckung der Faulheit. Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun

Corinne Maier, Hanna van Laak


Die französische Spitzenmanagerin Corinne Maier plädiert ganz ohne schlechtes Gewissen für Sabotage am Arbeitsplatz - und hat damit einen internationalen Bestseller geschrieben.

Glaubt nichts. Weder, was ihr über effizientes Management, Betriebsorganisation und dergleichen in Uniseminaren lernt, noch, was große Firmen über ihre "Unternehmenskultur" verkünden. Das Unternehmen ist nicht an der Kreativität seiner Angestellten interessiert. Schon gar nicht an deren Verbesserungsvorschlägen, und noch nicht einmal an ihrem Einsatz.

Sondern? Anpassung. Neuen, die naiv den Mund aufmachen, erst einmal über diesen drüberzufahren - das gehört bei Abteilungssitzungen und ähnlichen Übungen in Konformität zu den Initiationsritualen. Dafür lassen sich in großen Organisationen auch leicht Nischen finden, versteckte Brackwasser der Inaktivität, wo man jahre- oder jahrzehntelang ungestört vor sich hin dümpeln kann. Einzige Voraussetzung: nicht auffallen.

Die Karten sind ohnehin gezinkt. So intelligent und anpassungswillig man sein mag, so sehr man sich abrackert: Man ist verdammt, mittlerer Angestellter zu bleiben. Die höchsten Plätze sind reserviert - in Frankreich für Absolventen der Eliteakademie ENA, der École Nationale d'Administration. Anderswo reproduzieren sich die Eliten halt anders.

Wer sich hat gehirnwaschen lassen, der kaschiert die eigene Bedeutungs- und Sinnlosigkeit durch Rituale: die Markierung seiner Position durch Kleidung, Lage und Größe des Büros, Automarke und -type - alles abgestuft und abgestimmt auf den Platz in der Pyramide. Bestimmte Strukturen bringen einen bestimmten Menschentypus hervor, beobachtet Corinne Maier: bieder, geschmeidig, vorzugsweise männlich.

Die Autorin muss es wissen. Corinne Maier ist selbst leitende Angestellte beim staatlichen Energiekonzern Électricité de France. Und ihr Buch, im französischen Original unter dem schönen Titel "Bonjour Paresse" erschienen und mittlerweile ein internationaler Bestseller, hätte die Autorin fast den Job gekostet. Nach öffentlichen Protesten wurde das Disziplinarverfahren gegen sie eingestellt. Sie rät Leidensgenossen zu Strategien, um Mensch zu bleiben: "Lernen Sie an diskreten Zeichen - Details in der Kleidung, skurrile Witze, ein warmes Lächeln - diejenigen zu erkennen, die wie Sie am System zweifeln und sich seiner maßlosen Absurdität bewusst geworden sind."

Corinne Maiers Polemik gegen die großen Systeme ist im Kern nicht neu - aber vergnüglich pointiert, trotz stellenweise wenig engagierter Übersetzung. Meine Freundin hat beim Lesen mehrmals lauthals gelacht - sie hat mehrere Jahre in großen öffentlichen Einrichtungen gearbeitet, bevor sie sich selbstständig gemacht hat.Die Anleitung zum besseren Leben beginnt ganz ordentlich um acht Uhr morgens. Acht Uhr? Das ist natürlich keine Zeit, um aus dem Bett zu springen. Wie viel Elend haben doch Benjamin Franklin und andere puritanische Fleißapostel mit Aufforderungen zum frühen Tagwerkbeginn in die Welt gesetzt! Da hält es Tom Hodgkinson lieber mit Walt Whitman: gegen halb zwölf in der Zeitungsredaktion erscheinen, um halb eins dann eine zweistündige Mittagspause. "Nach dem Mittagessen noch eine Stunde Arbeit, und dann war es Zeit, sich in die Stadt aufzumachen."

Stunde für Stunde geht Hodgkinson in seiner "Anleitung zum Müßiggang" den stressfreien Tagesablauf durch: die Qual des Aufstehens, Müh' und Plage des Vormittags, der Mittagskater. Um wie viel erfreulicher ist die Alternative: bummeln zum Vergnügen und Gewinn! Ab drei Uhr nachmittags (Mittagsschläfchen) wird's angenehm: flanieren. Angeln. Der erste Drink des Tages. Rauchen. Nichtstun daheim. Partytime. Dann wieder: der Schlaf.

Lange hat sich Tom Hodgkinson nicht aufraffen können, dieses Buch zu schreiben, teilt der Verlag mit. Das ergibt sich aber nicht nur aus der Natur seines Anliegens: Der studierte Literaturwissenschaftler - der nach seiner Entlassung bei einer Zeitung von der Sozialhilfe lebte - präsentiert ein riesiges Archiv an literarischen und kulturhistorischen Zeugnissen rund um die Kunst des Nichtstuns.

Ein Rezept für eine bessere Gesellschaft? Für ein besseres, gesünderes Leben, wie Hodgkinson meint? Darüber mag man nachdenken - am besten im morgendlichen Halbschlaf, nachdem man den Wecker abgedreht hat.

Johann Kneihs in FALTER 11/2005



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