Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche

Rainer Karlsch


Den Nazis gelang es nicht, Atomwaffen zu entwickeln, sagen die Zeithistoriker. Doch, behauptet nun Rainer Karlsch. Sein Verlag kündet gar eine Sensation an.

Am 3. März 1945 um etwa 21:20 Uhr wurde im thüringischen Ohrdruf ein Kernwaffentest durchgeführt. Dabei kamen Hunderte KZ-Häftlinge ums Leben, die Teil des mörderischen Versuchsaufbaus waren. Von einem Sterbenden sind die Worte "großer Blitz - Feuer, viele sofort tot, von der Erde weg, einfach nicht mehr da" überliefert. Die Bewohner des nahe gelegenen Ortes klagten in der Folge über Nasenbluten und Übelkeit. Neun Tage später kam es zu einem zweiten Test.

Dieses verheerende Experiment ist der Kulminationspunkt von "Hitlers Bombe". Die gängige Forschungsmeinung, wonach die NS-Rüstungsindustrie an der Entwicklung von Atomwaffen kläglich gescheitert sei, wird durch den Berliner Zeithistoriker Rainer Karlsch nun infrage gestellt. Folglich sorgte das Buch bereits vor der Veröffentlichung für einiges Rauschen im Blätterwald. So lästerte etwa die Süddeutsche Zeitung über die großspurigen Ankündigungen seines Verlags DVA und verunglimpfte Karlsch als "dubiosen Buchautor". Ersteres geht in Ordnung, zweites nicht.

Karlsch ist ein seriöser Historiker. Der sensationalistische Gestus ist ihm fremd, immer wieder verweist er auf offene oder unbeantwortbare Fragen. Für die neuen, sicherlich noch vorläufigen Ergebnisse gibt es eine einfache Erklärung: Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen kann Karlsch Russisch und unterhält beste Verbindungen zu Moskauer Archiven. So waren ihm etwa sowjetische Geheimdienstberichte vom Frühjahr 1945 und viele der erbeuteten Unterlagen deutscher Forscher und Militärs, die mit Kriegsende in die UdSSR gebracht wurden, zugänglich.

Zusätzlich zu den neuen Quellenbelegen präsentiert Karlsch Laboruntersuchungen von Radiologen und Chemikern. Auch wenn nach sechzig Jahren entsprechende Spuren nur mehr schwer nachweisbar sind, wurden die Wissenschaftler in Ohrdruf und auch in Rügen, wo vermutlich bereits im Oktober 1944 ein erster Test stattfand, im Erdreich und in Bunkerresten fündig. Sie konnten anormal erhöhte Werte von Cäsium 137 und anderen Rückständen nachweisen.

Karlsch relativiert selbst die Bedeutung seiner Funde. Es handelte sich beileibe nicht um Waffen von der Zerstörungskraft der Hiroshimabombe, sondern um wesentlich kleinere taktische Kernwaffen. Es gelang den deutschen Forschern buchstäblich mangels (Uran-)Masse nicht, eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion in Gang zu setzen. Die erhoffte Wunderwaffe, von der Hitler 1944/45 immer wieder fantasierte, gab es nicht. Selbst wenn die Bomben noch zum Einsatz gekommen wären, hätten sie den Kriegsverlauf nicht mehr beeinflusst.

Es gab also kein deutsches Manhattan-Projekt, kein thüringisches Los Alamos, kein staatlich gefördertes Megaunternehmen, das sich allein und über Jahre hinweg dem Bau der Atombombe gewidmet hätte. Die deutsche Atomforschung war zersplittert, auch Marine, Heer und Luftwaffe, ja selbst die Reichspost hatten eigene Forschungsabteilungen. Erschwerend kamen der Mangel an angereichertem Uran, schwerem Wasser sowie die Bombardierung der Rüstungsanlagen durch die Alliierten hinzu.

Eine spannende Lektüre bietet "Hitlers Bombe" dennoch nicht wirklich. Der quellenbesessene Karlsch bombardiert die Leser mit Namen deutscher Forscher, mit Konferenzen und Geheimtreffen, Memoranden, Kalendereinträgen und Versuchsreihen. Er gewichtet und strukturiert zu wenig, und bald verliert man den Überblick, wer an was forscht und mit wem über Kreuz liegt. Die kritische Masse für eine neue Diskussion um die Atomwaffen der Nationalsozialisten hat er aber allemal geliefert.

Oliver Hochadel in FALTER 11/2005



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