Alexander der Große

Hans-Ulrich Wiemer


Unlängst erst war er umstrittener Kinoheld. Doch was weiß man über den wahren Alexander den Großen?

Manche Leute machen mit voller Absicht alles kaputt. Bleiben dabei auch noch Tausende Tote und verwüstete Landschaften zurück, dann gibt es immer noch die Möglichkeit, dass diese Verrückten in die Geschichtsbücher Eingang finden. Haben sie nur wenige Bewunderer, dann nennt man sie zum Beispiel "Attila, die Geißel Gottes". Finden sich wiederum ausreichend Verehrer, dann kriegen sie gerne den Ehrentitel "der Große", seltener "die Große" verpasst. Das ist dem deutschen Karl passiert, der russischen Katharina und eben: dem makedonischen Alexander.

Dem großen Zerstörer widmet Hans-Ulrich Wiemer, Althistoriker an der Universität Zürich, eine Monografie. Nach einer Reihe grundlegender Gedanken zum Thema, etwa eben auch, ob der Beiname gerechtfertigt sei, legt Wiemer die Quellenbasis seines Forschungsgegenstandes dar, auf die er sich im folgenden biografischen Teil stützen wird. Dabei betont er, dass abgesehen von einigen Fragmenten kaum ein größeres zusammenhängendes zeitgenössisches Zeugnis auf uns gekommen ist.

Der Löwenanteil des Buches ist die Ereignisgeschichte rund um die gerade mal zehn Jahre dauernde Königsherrschaft des Makedonen und rekonstruiert somit einen fast ununterbrochenen Kriegszug durch Kleinasien bis ins heutige Pakistan. Dieser Blut- und Gewaltorgie sind dabei ausführliche Informationen über das überfallene Reich der Achaimeniden, der persischen Herrscherdynastie, beigegeben. Zudem beleuchten zahlreiche Exkurse auch andere Aspekte, wie etwa die Kriegsökonomie des makedonisch-griechischen Heeres (ohne Geld aufzubrechen und das Land auszuplündern war von Anfang an eingeplant), oder das Improvisationstalent, das man dem Eroberer zugestehen muss, wenn es um Neubesetzungen der Spitzenpositionen der überfallenen Gebiete ging.

Wiemers Werk "Alexander der Große" bietet konzise Beschreibungen sowie umfassende Quellen- und Literaturhinweise. Fernab von schwülstigen literarischen Ambitionen vermittelt der angenehme Stil nicht nur Einsteigern in das Studium der Antike einen ersten, aber auch schon sehr weitreichenden Überblick über einen offenbar noch immer nicht erschöpften Themenkreis. Auch das Lektorat hat leidlich gut gearbeitet, einzig die Illustrationen geben ernsthaft Grund zum Stirnrunzeln. Die Karten sind fast nicht zu gebrauchen, unübersichtlich und uneinheitlich gestaltet, bei den (sehr wenigen) Abbildungen fragt man sich, warum gerade diese ausgewählt und an die jeweilige Stelle platziert wurden.

Die historische Betrachtung des Alexanderbildes nimmt Wiemer mit dem "Versuch einer Bilanz" wieder auf und stellt die schon in der Antike entstandenen Kontroversen um die Beurteilung des antiken Feldherrn bis in die Gegenwart vor. Getreu der ausgewogenen Gesamtdarstellung lässt der Autor sich auch hier zu keiner wertenden Stellungnahme herab. Das seine Bedeutung verkündende Epitheton haben dem Alexander übrigens nicht die Griechen, sondern erst die Römer verliehen. Der früheste Beleg dafür findet sich in einer Komödie von Plautus.

Das Schärfste an Kritik, was der Leser erwarten darf, drückt sich wohl zwischen den Zeilen aus, wenn der Dozent in Anspielung auf Alexanders Selbststilisierung als Sohn des Zeus (ägyptisch mit Amun gleichgesetzt) meint: "Insofern mag in der Fabel vom Menschheitsbeglücker Alexander ein Körnchen Wahrheit stecken, freilich ein sehr kleines." Die Bezeichnung "böswilliger Irrer" hätte seinen Charakter fraglos treffender wiedergegeben.Auch die deutsche Althistorikerin Elke Stein-Hölkeskamp glaubt nicht daran, dass sie erzählen kann, wie es wirklich gewesen ist. Doch sie gibt sich in ihrer Kulturgeschichte des antiken römischen Gastmahls überzeugt, dass sie die alten Quellen besser zum Sprudeln bringen kann, als dies bislang von der Wissenschaft geleistet wurde. Und so erklärt sie in "Das römische Gastmahl" nicht nur, wer wen zum Dinner lud und wo man welchen Gast platzierte. Vielmehr wird in Ansätzen eine kleine Sittengeschichte der Aristokratie des Alten Roms geliefert.

Dass andere Gesellschaftsschichten fast nur durch den Blickwinkel der herrschenden Klasse vorgeführt werden, ist der Überlieferung geschuldet. Preise für Mobiliar (stets sehr beliebt und teuer: Zitrusholztische) und auserlesene Köstlichkeiten (zwar nicht Nachtigallenzungen aus Nordgallien, aber immerhin Flamingozungen) schlossen die misera plebs ohnehin von den verrücktesten Leckerbissen aus. Auch die architektonischen Entwürfe der Speisezimmer, die Stein-Hölkeskamp untersucht, waren wohl nur für die Spitzen der Gesellschaft leistbar.

Allenthalben kann dem Werk vorgeworfen werden, dass es bisweilen zu ausführlich die einzelnen Speisen oder zu detailverliebt die Maserung der Marmortäfelung abhandelt. Der Erkenntnisgewinn bleibt beträchtlich. Feinde Ciceros dürfen sich sogar daran erfreuen, dass dieser selbst als Zeitzeuge für Kulinarisches als jener Opportunist erscheint, der er auch in seinem politischen Handeln war. Und wer Werke über antike Rezepte sucht, wird in den Anmerkungen fündig.

Martin Lhotzky in FALTER 11/2005



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