Das Gilgamesch-Epos

Stefan M. Maul


Der Assyrologe Stefan Maul hat das Gilgamesch-Epos in freien Rhythmen rekonstruiert: ein Stück zeitlose Literatur.

Rilke nannte "Gilgamesch" ein "Epos der Todesfurcht", Elias Canetti bezog aus der Lektüre der sumerisch-altbabylonisch-assyrischen Dichtung aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert den Impuls für seinen wilden literarischen Kampf gegen den größten Skandal der Conditio humana, den Tod. Die Faszinationsgeschichte des ersten Hauptwerks der Weltliteratur ist relativ kurz: Das auf zwölf Tontafeln in Keilschrift überlieferte Epos, dessen Ursprünge bis ins dritte Jahrtausend vor Christus zurückreichen, wurde von britischen Archäologen 1872 in den Ruinen des Palastes des Assurbanipal in der assyrischen Hauptstadt Ninive gefunden. Übersetzungen ins Deutsche gibt es etliche, Raoul Schrott hat sich vor wenigen Jahren daran versucht, der jüngste und umfassendste Versuch einer Rekonstruktion in freien Rhythmen stammt vom Heidelberger Assyrologen Stefan Maul.

Gilgamesch, "der gute Hirte", zwei Drittel Gott und zu einem Drittel Mensch, ist nicht nur der König der Stadt Uruk und Erbauer von deren mächtiger Festungsmauer - der Herrscher, von dem es heißt, dass "die Breite seiner Lenden zwei Ellen" beträgt, tyrannisiert seine Untergebenen. Die Frauen müssen dem Monster zu Willen sein.

Gegen derartigen Überschwang erfinden Ischtar, die Göttin der Liebe, und deren Göttervater unter Mitwirkung der Muttergöttin Aruru einen Gegenspieler für Gilgamesch, den nicht weniger imposanten Enkidu. Der dicht behaarte Steppenbewohner ("sein ganzer Leib versehen mit Locken wie eine Frau") frisst neben den Gazellen Gras und drängt sich mit diesen friedlich an den Wasserstellen, nebstbei treibt er aber allerlei Unfug: Dem Fallensteller etwa zerstört er die Gruben. Abhilfe gegen beider Recken Rabaukentum schafft eine Götterlist: Die Dirne Schamchat lockt Enkidu in die Zivilisation: "Da löste Schamchat ihr Untergewand. / Sie öffnet ihre Scham, und er nahm ihre Reize. / Sechs Tage und sieben Nächte stand Enkidu aufrecht / und paarte sich mit Schamchat."

Nach derart freudiger Menschwerdung begibt sich Enkidu nach Uruk, die altertümliche Verstädterung wird mit dem Genuss von Brot und Bier vollendet; einigermaßen halbstark stellt sich Enkidu dem Gilgamesch, der sich gerade auf dem Weg zu einer Frau befindet, in den Weg. Der vorprogrammierte und unentscheidbare Zweikampf führt zu lebenslanger Freundschaft und nicht minder dramatischen Abenteuern: Vom Rat der Ältesten abgesegnet, machen sich die beiden in den Zedernwald auf, erschlagen in wildem Kampf, im Zuge dessen das Gebirge von Libanon und Antilibanon entsteht, den Hüter des Waldes Humbaba. Der längst von düsteren Träumen und Visionen des Enkidu überschattete Weg ("im Haus des Staubes (...) liegen die Kronen, und die einstigen Herrscher sitzen herum") führt zwar noch nach Uruk zurück, endet dort aber auch in völligem Dunkel. Gilgamesch widersteht den Versuchungen der Göttin Ischtar und tötet den Himmelsstier, Enkidus Verwertung des wertvollen Zedernholzes zum Bau einer Tempeltür hat offenbar dem falschen Gott gedient. Anstatt im Kampf zu fallen, ist er verurteilt, einen ruhmlosen Tod im eigenen Bett zu sterben.

Es ist vor allem die nun folgende Totenklage des Gilgamesch, die, neben den zahlreichen, geradezu surreal modernen Bildern von exzessiver Gewalt und bizarr anmutenden Detailbeschreibungen, die Größe des Gedichts ausmacht: Sie hebt mit der Morgenröte an, dauert sechs Tage und sieben Nächte und beschwört Wälder und Flüsse, Berge und ganze Gebirge. Buchsbaum, Zypresse und Zeder, Bär, Hyäne und Panther, die Alten und die jungen Männer von Uruk, die Pflüger, aber auch die "trocken liegende Brache", Hirtenjungen, Dirnen, Findlinge und Waisen werden aufgefordert, in die Trauer miteinzustimmen. Gilgamesch bescheidet sich dabei nicht etwa, an den Wassern von Babylon zu sitzen und zu weinen, vielmehr fordert er Schmiede und Graveure auf geradezu provokante Weise auf, den toten Freund, den er nicht hergeben will, "bis der Wurm ihm aus der Nase fiel", wieder herzustellen.

Von unheilbarer, todbringender Krankheit erfasst, läuft Gilgamesch nur mit einem Löwenfell bekleidet in die Steppe hinaus. Die Suche nach der Lösung des Rätsels von Leben und Tod bringt ihn zum Zwillingsberg, am Rande der Welt gerät er in eine Art Paradies aus Lapislazulibäumen. Den Rat, das Leben einfach zu genießen, missachtet er, der Schmerz über die erkannte Sterblichkeit ist noch nicht überwunden: "Fleisch der Götter ist an ihm, und doch steckt Trübsal in seinem Leib."

Nach der Überquerung der "Wasser des Todes", wobei Gilgamesch nebenbei das Segel erfindet, trifft er schließlich auf Uta-napischti, den babylonischen Noah, der seine Variante der Sintflut erzählt. Über das Dankesopfer, dargebracht für den nicht vollständigen Untergang der Welt, heißt es überraschend: "Die Götter rochen den süßen Duft, / die Götter kamen alsbald wie die Fliegen / über dem Opferspender zusammen." Eine von Gilgamesch in waghalsigem Tauchgang - er bindet sich Steine an die Füße - erworbene rosengleiche "Pflanze des Herzschlags" geht wieder verloren, Gilgamesch kehrt wie das ganze Eops an seinen Ursprung nach Uruk zurück: "Mit dem Königsmantel ward er angetan, mit seinem Würdenkleid."

Anders als der Klappentext behauptet, liefert der Übersetzer Stefan M. Maul keine ausführliche Darstellung der "politischen, gesellschaftlichen und geistigen Rahmenbedingungen" des Gilgamesch-Epos. Das ist angesichts der Präzision der philologischen Kommentare, die mit Interpretationen (Ist Gilgamesch ein Astralgott? Ist Enkidu der Prototyp des "guten Wilden"?) aber sparsam umgeht auch gar nicht notwendig: Gilgamesch ist einfach eine große Dichtung ohne Verfallsdatum.

Erich Klein in FALTER 11/2005



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