Kleine Geschichte der Vergangenheit. Eine pyrrhonische Skizze der historischen Vernunft

Rudolf Burger


Rudolf Burger kritisiert die Erinnerungssucht der Gegenwart und spricht der Geschichte ihren Sinn ab - nicht immer mit tauglichen Mitteln.

Der Titelheld in Balzacs Roman "Oberst Chabert" wird auf dem Schlachtfeld schwer verwundet und unter Tierleichen lebendig begraben. Erst nach Tagen und mit letzter Kraft gelingt es ihm, sich von ihrer Last zu befreien und wieder an die Erdoberfläche zu gelangen. Die Geschichte hat ihn aber bereits zum verstorbenen Helden erklärt, und alle Versuche, seine höchst lebendige Identität auf dem Rechtsweg wieder herzustellen, sind zum Scheitern verurteilt. "Ich war unter den Toten begraben; jetzt bin ich unter Lebenden begraben, unter Akten, unter Fakten, unter der ganzen Gesellschaft, die mich unter die Erde zurückjagen will!", resümiert der Oberst.

Dem Wiener Philosophen Rudolf Burger geht es mit der Geschichte im Allgemeinen, wie es Chabert mit seiner eigenen geht: Sie droht, das Individuum zu erdrücken, produziert falsche "Wahrheiten", bestreitet alles Lebendige. Burgers neue Streitschrift erkennt der Geschichte ab, was ihr gemeinhin zugesprochen wird: Lehrhaftigkeit, Sinn, Wahrheit, Objektivität. Antike und klassische Moderne werden gegen eine Erinnerungskultur ins Feld geführt, weil sie alte Wunden offen halte und damit immer neue Konflikte erst produziere. Gegen die Formel "Niemals vergessen" plädiert der Autor für eine Amnesie, die der Versöhnung erst eine Chance gebe.

Burgers Auseinandersetzung mit Erinnerungssucht und Vergessensunfähigkeit geht auf einen Essay zurück, mit dem er vor einigen Jahren eine heftige Debatte auslöste und der nun in die Eröffnungskapitel des Buches eingearbeitet wurde. Neu hinzugekommen sind ein Abriss der Geschichte der Geschichtsphilosophie und viel fachdisziplinäre, aber auch literarische Untermauerungen seiner Thesen. Von Augustinus bis Sartre, von Herodot bis Marx, von Goethe bis Borges wird ein Gang durch die Geistesgeschichte angetreten, der den Leser davon überzeugen soll, dass Historiografie nichts anderes sei als Literatur mit eingeschränkten Vorgaben.

Doch in dem Dickicht eigener und fremder Meinungen kann sich Burgers Text nicht entscheiden, was er denn nun eigentlich sein will: feurige Polemik oder nüchterne Abhandlung. Im Mittelteil jedenfalls kommt dem Autor der schreiberische Furor in dem Maße abhanden, in dem er sein philosophiegeschichtliches Tableau auszubreiten beginnt. Anregend ist Burgers Angriffslust allemal, geistreich oft, nicht selten aber auch banal. Etwa wenn das enge Beeinanderliegen von Geschichtsschreibung und Geschichtenerzählen konstatiert wird, als habe man damit ein neues Argument in die Waagschale geworfen. Oder wenn seitenweise dargelegt wird, dass Objektivität nirgends zu haben sei, weil die Fülle des Materials und der Standpunkt des Betrachters dagegensprächen.

So borniert, wie uns Burger die Historiker vorführt, sind sie wohl nicht einmal in ihren schlechtesten Hervorbringungen, die elaboriertesten hingegen werden nicht einmal erwähnt. Kein Lucien Febvre, kein Fernand Braudel, kein Raul Hilberg - konkrete Werke der Geschichtsschreibung werden wie Luft behandelt. Gegenüber ihren Verfassern wird generalisierend behauptet, während gegen die Geschichtsphilosophen immerhin noch argumentiert wird - dem autoritären Habitus des Denkers und einem verzopften Primat der Philosophie wird damit wohl Genüge getan.

Burger wurde vorgeworfen, er vertreibe das Philosophieren durch ein "Übertreiben der Zuspitzung", auch "Provokanzsucht" und "Brutalphraseologie" wurden ihm nachgesagt. Erstere findet sich auch in der neu erschienenen "Skizze", Letztere aber weit weniger, als man es von Burger schon gewohnt war. Unangenehm berührt der Text allerdings gerade dort, wo er sich zurückhält, die Katze aus dem Sack zu lassen, und lediglich alludiert. So wettert Burger scheinbar bloß gegen das formelhafte Gedenken an den Nationalsozialismus, gemeint ist damit aber nichts als der Schlussstrich, das Löschen von der Tafel der Moral. Kein anderer Umgang mit Geschichte wird gefordert, sondern deren ersatzlose Streichung, Burger möchte seine Ruh haben.

Noch befremdlicher wirkt es, wenn Burger antisemitische Ausfälle Voltaires herbeizitiert, als seien diese qua Bedeutung ihres Verfassers schon satisfaktionsfähig. Manchmal würde es Burger nicht schlecht anstehen, die von ihm beschworene skeptische Tradition nicht bloß von seinen Gegnern einzufordern, sondern auch gegen sich selbst zu wenden. An ihren besten Stellen ist die "Kleine Geschichte der Vergangenheit" aber eine Herausforderung, der sich auch Historiker stellen sollen. Sie sollen sie lesen, um sich ihrer Voraussetzungen und ihrer Grenzen klarer zu werden, um sich darüber zu ärgern und um sie zu bestreiten. Dann sollen sie wieder an ihre Arbeit gehen - und über Geschichte schreiben.

Denn würde Burgers von Geschichtsschreibung befreites Universum Wirklichkeit und sein Skeptizismus zur Ersatzdoktrin, wäre es nicht weit von Pyrrhon zu Pyrrhus: "Noch ein solcher Sieg und wir sind verloren!"

Stephan Steiner in FALTER 11/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×