Die Wiener Free-Jazz-Avantgarde: Revolution...

Andreas Felber


Andreas Felber hat über den Wiener Free-Jazz dissertiert und dabei ein Stück Nachkriegsmoderne freigelegt.

Ich habe in der ,Adebar' Klavier gespielt, was einmal einen Gast so in Wut gebracht hat, dass er mir die Hand mit einem Messer ans Klavier nageln wollte." Lohn der pianistischen Mutprobe: zwei zerschnittene Finger. Der Name des Gewalttäters: Udo Proksch. Das Opfer der Stichattacke sollte in den folgenden Jahren - dann allerdings als Saxofonist der "Masters of Unorthodox Jazz" und unter dem "Nom de guerre" Harun Ghulam Barabbas - noch reichlich Gelegenheit bekommen, ganze Konzertsäle gegen sich aufzubringen.

Mut, Sendungsbewusstsein und wohl auch ein gerüttelt Maß an "Verrücktheit" brauchte es, um in den späten Fünfzigern, frühen Sechzigern in Österreich mit "selbst erfundenem" Free Jazz gegen den bleiernen Nachkriegskonservativismus anzutönen. Selbst in libertinen Künstlertreffs wie dem Strohkoffer oder eben jener Adebar, Fluchtburgen des weltläufigen Zeitgenossentums und der Existenzialistenboheme, wurden den "lärmenden Spinnern" regelmäßig "Watschen angetragen". Waren das also bloß "skurrile, exotische Provokateure, der Scharlatanerie verdächtige Dilettanten" oder doch gar "verkannte, isolierte Avantgardisten, die internationale Entwicklungen antizipierten", wie sich mitunter das Feuilleton und selbst der Boulevard in Hitze schrieben?

Dass sich tatsächlich schon früh - zeitgleich mit dem Free Jazz in New York, aber in seinen ästhetischen Ausformungen davon weitgehend autark - in Wien so etwas wie eine frei improvisierende Avantgarde zu regen begann (Saxofonist/ Schlagzeuger Walter Malli: "Es passierte gleichzeitig und unabhängig von Amerika, es war ganz einfach in uns drinnen"), belegt der Jazzpublizist Andreas Felber mit einer voluminösen jazzhistorischen Studie. Detailverliebt und mit der Akribie des Musikologen zeichnet der Autor entlang den Entwicklungssträngen von zwei "Ensembles mit Modellcharakter" - dem Kollektiv der "Masters of Unorthodox Jazz" (MoUJ) und der "Reform Art Unit" (RAU) um Fritz Novotny - erstmalig die Entwicklung einer eigenständigen österreichischen "Schule frei improvisierter Musik" nach, um, so der Autor, jene Experimentatoren "ins Recht zu setzen, die gegen alle Anfeindungen und Widerstände ihre eigene Musik gemacht haben".

In der Zusammenschau von Zeitdokumenten und Presseberichten, mit vergleichenden Analysen von Tonträgern und durch Interview- und Briefkontakte mit Beteiligten und Zaungästen lüftet Felber einiges von jenem "undurchsichtigen Nebelschleier", der - gewoben aus Mystifikationen, Missverständnissen, Gschichterln und Geschichtslügen - bis heute die Anfänge der Wiener Jazzavantgarde umhüllt. Besonders verdienstvoll ist dabei, dass den personellen und ideellen Verflechtungen und Kontaktnahmen der Musiker zu anderen Kunstsparten nachgegangen wurde, sodass sich das Buch wie ein Who's who der österreichischen Nachkriegsmoderne liest.

Problematisch, ja geradezu irreführend ist allerdings der Buchtitel "Die Wiener Free-Jazz-Avantgarde": Suggeriert er doch in seinem pauschalierenden Duktus, mit den beiden Pionierensembles MoUJ und RAU (inklusive ihrer Vorläufer- und Filialgruppen und personellen Querbezüge) seien die wienerische Variante des Free und die mit ihm korrespondierenden Genres erschöpfend abgehandelt. Eine Erörterung des titelgebenden Begriffskonzepts der Avantgarde fehlt ganz; zu einer historischen und konzeptuellen Abgrenzung des Free-Jazz-Begriffs finden sich immerhin Verweise auf die Fachliteratur. Bei manchem von Musikern in Umlauf gebrachten Kampfbegriff (etwa Novotnys "Dritte Wiener Schule") hätte man sich ein investigativeres Nachfragen gewünscht.

Was aber dem Buch mindestens so angestanden wäre: ein scharfes Lektorat. Es hätte das Werk womöglich nicht nur gestrafft und etliche Datierungs-, Namens- und Sachfehler korrigiert, sondern auch dem überdehnten Hofratsparlando, dem man alle paar Seiten begegnet ("zum Zwecke des Empfangs pekuniären Subventionssukkurses"; "echote der konzertante Ruf [...] in schwachen Fortpflanzungsausläufern aus dem medialen Blätterwald"), etwas die Spitze genommen.

Klaus Peham in FALTER 11/2005



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