Das Ende vom Anfang der Naturgeschichte

Stephen Jay Gould, Sebastian Vogel


Verspielte, intellektuelle Etüden und viel Wehmut - Stephen Jay Goulds letztes Buch.

Gleich zum Einstieg sinniert Stephen Jay Gould über die Faszination, die Zahlenspiele mit historischen Daten auf die Menschen ausüben. Als nüchterner Rationalist wusste er genau, dass es sich dabei um Zufälle handelt, in die hineingeheimnisst wird. Und doch tut er die Jahrestagshermeneutik nicht ab, sondern spielt sie für sich durch, noch ganz unter dem Eindruck von 9/11. Kam doch genau hundert Jahre zuvor, am 11. September 1901, sein ungarischer Großvater "Papa Joe" auf Ellis Island an.

Sein Enkel, geboren am 10. September 1941, wurde einer der bekanntesten, wenn nicht sogar der bekannteste Naturwissenschaftler der USA. Um seinen nahen Tod hat Gould wohl gewusst. Laut Medizin hätte er freilich schon vor zwanzig Jahren an einer seltenen Form von Lungenkrebs sterben sollen. Zeit, zu resümieren und Abschied zu nehmen. "Das Ende vom Anfang der Naturgeschichte" ist sein zehntes und - wie er im Vorwort ankündigt - letztes populärwissenschaftliches Buch, mit 31 Texten unterschiedlicher Länge, zumeist die monatlichen Kolumnen, die er seit 1974 für die Zeitschrift "Natural History" verfasst hat.

Wie immer stehen Darwin, die Evolution und die Paläontologie - Goulds eigentliches Fach - im Zentrum seiner bunten Sammlung. Aber bei seinen Ausflügen in die (Wissenschafts-)Geschichte stöbert er allerlei Episoden auf, die auf den ersten Blick abseitig erscheinen, denen er aber umso akribischer nachgeht. Warum lagen die Literaturwissenschaftler so daneben, als sie Nabokovs Arbeit als Lepidopterologe beurteilten? (Ja, der "Lolita"-Autor war ein emsiger und durchaus professioneller Schmetterlingsforscher.)

Warum war unter den neun Trauergästen, die Karl Marx am 17. März 1883 auf dem Londoner Highgate-Friedhof die letzte Ehre erwiesen, ein konservativer junger Biologe? Und was lässt sich aus Sigmund Freuds fehlgeleiteten, lamarckistisch inspirierten Evolutionsfantasien lernen? Für Gould sind diese historischen Fundstücke Anschauungsmaterial, um seinem liebsten Hobby nachzugehen, nämlich eingeschliffene Seh- und Denkweisen zu hinterfragen und lieb gewordene Mythen aufzudecken.

"I have landed", notierte sein Großvater an jenem 9/11 1901. Mit diesen drei Worten ist die englische Originalausgabe von Goulds letztem Buch betitelt. Es erschien ebenso wie das vorletzte, sein 1500 Seiten starkes wissenschaftliches Hauptwerk "The Structure of Evolutionary Theory", im Jahr 2002. Am 20. Mai desselben Jahres ist Stephen Jay für immer Gould gegangen.

Oliver Hochadel in FALTER 11/2005



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