Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus

Götz Aly


Der Historiker Götz Aly hat Hitlers großzügige Sozialpolitik, die ohne Raub und Rassenkrieg nicht zu finanzieren gewesen wäre, hellsichtig analysiert.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die alliierten Truppen 1945 "Besatzer" hießen und nur im Ausnahmefall "Befreier". Doch wie lässt es sich erklären, dass es die von Krieg und Diktatur Erlösten an Wertschätzung für jene mangeln ließen, die vor weiteren 988 Jahren eines tausendjährigen Reichs bewahrt hatten? Was machte den NS-Staat so attraktiv, dass man sich bis zum Ende mehrheitlich weigerte, die Absurdität der Endsiegparole anzuerkennen? Die Erklärung, das System des Terrors von SS und Gestapo sei so straff organisiert gewesen, dass Widerspruch Selbstmord gewesen wäre, scheint ebenso unzureichend wie die Gleichsetzung der NS-Rassenideologie mit des Volkes Willen.

Auf der Suche nach einem schlüssigeren Erklärungsmodell hat der 1957 geborene Historiker Götz Aly die tradierten Sichtweisen über Bord geworfen und sich auf jenen Bestandteil der Wortbildung "Nationalsozialismus" konzentriert, der einen auffälligen Widerspruch zu einer Politik der Unterdrückung bildet. Alys Analyse von Hitlers Sozialpolitik zufolge haben sich die zwölf Jahre seiner Regierung für 95 Prozent der Bewohner des Kernreichs materiell rentiert. Nach der Machtergreifung investierte die NS-Regierung immense Summen in die Arbeitsbeschaffung und senkte gleichzeitig die Abgabenlast für den kleinen Mann.

Wie aber konnte ein Staat, der ökonomisch auf am Boden lag, diese im Eiltempo vollzogene soziale Aufwärtsmobilisierung finanzieren? Auf diese Frage konzentriert sich "Hitlers Volksstaat", eine minutiöse Recherche, mit der Aly belegt, dass "Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus" als Einheit verstanden werden müssen, als zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Als Hitler 1933 Kanzler wurde, so Aly, hatte er eine politische Vision, aber kein Konzept. Soziale Reformen sollten ihm Rückhalt in der Bevölkerung sichern. Finanziert wurden sie über Kredite, deren Höhe die Möglichkeit einer Rückzahlung aus dem Reichshaushalt ausschloss. 1938, im Jahr des "Anschlusses" Österreichs, der Besetzung des Sudetenlandes und der Reichspogromnacht, waren die ersten großen Anleihen fällig.

Es ist für Aly kein Zufall, dass der Beginn der "Arisierung" in diese Zeit fällt, sondern sie war die Lösung des Problems. Durch den Einzug jüdischer Vermögen konnte der Reichshaushalt vorübergehend gedeckt und die Rücknahme der Geschenke an Millionen Otto Normalverbraucher verhindert werden. Ein hastig aus dem Boden gestampftes, komplexes System der Geldwäsche leitete die erpressten Summen auf Konten der Reichsbank.

Der Finanzbedarf blieb allerdings weiterhin über den laufenden Einnahmen, sodass bald weitere Quellen erschlossen werden mussten. Wirtschaftspolitisch betrachtet war der Einmarsch in Polen, Frankreich, Belgien und den Niederlanden sowie später in Russland nicht Ideologie, sondern eine Notwendigkeit, um neu aufgelaufene Schuldenberge zu kompensieren. Eine systematische Ausplünderung der besetzten Länder wurde auf allen Ebenen organisiert, das System der Geldwäsche so weit perfektioniert, dass keine Verstöße gegen die Haager Konventionen nachgewiesen werden konnten. Den besiegten Ländern wurden Besatzungskosten auferlegt, die die Ausgaben der Wehrmacht zur deren Verwaltung und Kontrolle weit überstiegen.

Bis hin zur Briefmarkensammlung wurden jüdische Vermögenswerte requiriert, Mobilien ins Reich transportiert und dort an die Bürger verteilt. Nach der Einrichtung der Massenvernichtungslager wurden den Besatzungsregierungen selbst der Transport und die Ermordung ihrer Juden in Rechnung gestellt. Währungspolitische Maßnahmen sorgten zudem dafür, dass jeder einzelne Soldat alle Lebensmittel und Konsumgüter nach Hause schickte, deren er habhaft werden konnte, was den Mangel im Reich ent- und in den besetzten Gebieten spürbar verschärfte. Und doch reichten die erpressten Summen immer nur vorübergehend.

Alys Griff nach bislang nicht ausgewerteten Quellen, seine analytische Schärfe und sein Mut, bei Bedarf mit überzeichneten Formulierungen zu provozieren, könnte einer zeitgemäßen, nicht mehr von den Tabus des Kalten Kriegs blockierten Sicht auf den Nationalsozialismus zum Durchbruch verhelfen. Der vorprogrammierte Vorwurf, "Hitlers Volksstaat" würde Terror, industriellen Mord und die Doktrin der verbrannten Erde verharmlosen, zeugt vor allem vom Schmerz der Linken, dass es ihr nie gelang, die Arbeiter bei ihren Bedürfnissen abzuholen, dafür aber ihrem entschiedensten Gegner.

Direkten praktischen Nutzen zeigt der Band als publizistische Waffe gegen die nationale Rechte der Gegenwart. Diese wuchert traditionell mit den Errungenschaften, die der Führer den kleinen Leuten geschenkt hätte. Ihr dürfte am wenigsten schmecken, nun zu erfahren, wie viel Geld auch ihr die Treue und der Gehorsam des eigenen Volkes kosten würden. Der Holocaust und der Zweite Weltkrieg können Aly zufolge nicht als Resultat bewusster ideologischer Überlegungen gelten. Sie entstanden durch den Dilettantismus, den planlosen Aktionismus und das innenpolitische Versagen eines Sozialpolitikers, der es für überflüssig erachtet hatte, erst einmal durchzurechnen.

Martin Droschke in FALTER 11/2005



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