Hundert schwarze Nähmaschinen

Elias Hirschl


Und aus Spaß wurde Ernst

Dem jungen Wiener Elias Hirschl gelingt der Spagat zwischen Poetry-Slam und Literatur

Elias Hirschl, Jahrgang 1994, hatte bereits sehr früh den nicht zu unterdrückenden Drang verspürt zu schreiben. Mit 14 hat der damalige Jungspund seinen ersten Krimi rausgehauen, den damals sogar jemand verlegen wollte. („Sie haben aber keine Förderung bekommen, drum wurde es nichts, was im Nachhinein eh gut war.“)
Darauf folgte ein surrealer Roman, der schwer vom Kultbuch „Das Haus. House of Leaves“ des US-Autors Mark Z. Danielewski beeinflusst war. Und so weiter. Jedes Jahr ein Buch, auf die Art kommen schon in den Teenagerjahren jede Menge Schubladenwerke zusammen.
Man darf sich den Wiener mit Wurzeln im Innviertel allerdings nicht als verkopftes Junggenie und Außenseiter, der den ganzen Tag in seinem Zimmer hockt und die Wand anschaut, vorstellen. Das trifft es nicht. Die Nacht schlägt er sich meist in seinem Stammlokal, dem Café Anno, um die Ohren. Und man kann sich ganz normal mit ihm unterhalten. Er wirkt wie ein netter, aufgeweckter junger Mensch, der zufällig auch Bücher schreibt. Und mit Anfang 20 schon beim wichtigsten heimischen Literaturverlag publiziert.

„Hundert schwarze Nähmaschinen“ heißt sein neuer, bei Jung und Jung erschienener Roman. Man kann ihn auch als zweites Debüt zählen, denn die beiden Vorgänger „Der einzige Dorfbewohner mit Telefonanschluss“ (2015) und „Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles, was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt“ (2016), die im poppigen Milena Verlag erschienen sind, waren bei aller Genialität, die sich darin bereits andeutete, noch mehr oder weniger Nummernrevuen und versammelten aberwitzige Texte voll absurden Humors nach dem Motto „Schaut her, das kann ich auch noch“.
Das neue Buch geht einen entscheidenden Schritt weiter. Es ist zwar ebenfalls von Hirschls Humor durchsetzt, der vom irischen Autor Flann O’Brien ebenso beeinflusst ist wie von Monty Python oder David Foster Wallace in dessen komischen Momenten. Doch macht Hirschl diesmal Ernst und will stringent eine Geschichte erzählen. So stringent es einem Autor, zu dessen Schreibmethoden ständige Perspektivwechsel ebenso wie der Einsatz von Fußnoten zählen, eben möglich ist.

Es ist die Geschichte eines Zivis, der seinen Dienst in einer betreuten Wohneinrichtung für psychisch Kranke ableistet und aus Stress selbst fast ein bisschen verrückt wird. Ständig mit Menschen zusammen zu sein, die unter einer schwere Aggressionsstörung leiden oder laufend Selbstmordversuche unternehmen, färbt auf den gerade einmal 18-Jährigen, der auch nicht wirklich in Balance ist und sich gerade aus einer verkorksten Beziehung zu lösen versucht, naturgemäß ab.
Der Roman, der zwischen manisch und depressiv pendelt, basiert auf Hirschls eigenen Erfahrungen als Zivildiener. Zu der Zeit machte er sich eifrig Notizen, schrieb viele Zitate auf. „Ein, zwei Jahre sind sie nur herumgelegen“, erzählt er. „Das fand ich schade. Aber es war wahrscheinlich wichtig, Abstand von der Zeit zu bekommen. Der Grat ist doch sehr schmal. Ich habe während meines Zivildiensts traurige Sachen, aber auch wahnsinnig Lustiges erlebt. Dementsprechend sind die Figuren im Buch teilweise komisch, ohne dass ich mich über sie lustig machen will.“ Keine Angst, der Eindruck entsteht bei der Lektüre auch nicht.
Momentan überlegt der Philosophiestudent mit Hang zur Sprachphilosophie noch, wie er die Lesungen aus dem Buch anlegen soll. Bislang war er es gewohnt, als Poetry-Slammer auf der Bühne zu stehen und kurze, auf ihre Publikumswirkung zugeschnittene Texte vorzutragen. Mit 15 slammte er zum ersten Mal, mit 20 wurde er österreichischer Meister. Was er am Autorenwettstreit vor Zuschauern schätzt, ist die direkte Rückmeldung: „Wenn man einen Text an einen Verlag schickt, muss man ein halbes Jahr warten. Außerdem ist die Szene gut vernetzt, man kann viel reisen und kriegt zumindest die Fahrtkosten ersetzt. Das ist am Anfang super.“

Derzeit befindet Elias Hirschl sich in einer für ihn ungewöhnlichen Situation. Zum ersten Mal seit Jahren hat er keine Romanidee, die ihn umtreibt. Diese Ruhe macht den Autor etwas unruhig. „Manchmal kriege ich auch Zustände von völliger Existenzangst“, verrät er. „Aber mir erscheint das ­Schreiben einfach als wahnsinnig sinnvolle Tätigkeit. Selbst wenn kein Verlag meine Texte publizieren würde, würde ich nicht mit dem Schreiben aufhören.“ Wobei: „Deprimierend wäre es natürlich schon.“

Sebastian Fasthuber in FALTER 38/2017




FALTER 4 Wochen testen
×