Die Erfindung von »1968«. Der studentische Protest im bundesdeutschen Fernsehen...

Martin Stallmann


„Rudi Dutschke wurde wie ein Luke Skywalker der Revolte inszeniert“

Wie das Fernsehen die Erinnerung an 1968 prägte

Ob Spaßguerilla, Straßenschlachten, Kommune I oder Universitätsbesetzungen. Die Erinnerung an das Jahr 1968 wird von den Erzählungen geprägt, die uns die Medien von den Ereignissen ­präsentieren. In seiner kürzlich ­veröffentlichten Studie „Die Erfindung von ‚1968‘“, seinem Dissertationsprojekt, zeigt der Heidelberger Historiker Martin Stallmann, welche Rolle das deutsche Fernsehen dabei spielte. Den spektakulären Auftakt machte allerdings eine Sendung aus Österreich.

Falter: Herr Stallmann, am 13. Juni 1978 diskutierten Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, Kurt Sontheimer und Matthias Walden unter der Leitung von Günther Nenning in der Talkshow „Club 2“ über „1968 – Das Jahr des Aufstands“.
Martin Stallmann: Das ist eine der bekanntesten Sendungen zum zehnjährigen Jubiläum von 1968. Die Sendung ist auch für heutige Sehgewohnheiten ungewöhnlich, weil sie mit drei Stunden Dauer extrem lang war. Der Auftritt von Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit im österreichischen Fernsehen hat ungemein an Emotionen gerührt. Schon während der Sendung sollen 400 Anrufe eingegangen sein.

Viele Zuschauer waren empört. Nicht wenige unter ihnen forderten völlig ungeniert, Cohn-Bendit „zu vergasen“ oder ihm einen „Genickschuss“ zu verpassen.
Stallmann: Man konnte im Anschluss an die Sendung beobachten, dass es in Österreich – auch in der Presselandschaft – noch antisemitische Ressentiments gab, die sich vor allem gegen Daniel Cohn-Bendit richteten.

In Deutschland machte die Sendung großen Eindruck. Man sah sie als so gelungen an, dass die Dritten Programme sie bereits am 29. Juni 1978 übernahmen.
Stallmann: Das ist von außen an sie herangetragen worden. Die Sendung hat die Aufmerksamkeit auch der deutschen Printmedien auf sich gezogen. Es gab Besprechungen im Spiegel und in anderen Presseorganen. Der Tenor war: Ein solches Gespräch könne auf deutschem Boden nicht stattfinden.
Wie wurde das begründet?
Stallmann: Das Besondere an dieser Sendung war, dass den ehemaligen Akteuren – Dutschke und Cohn-Bendit – relativ viel Redezeit gegeben wurde. Ähnliche Diskussionssendungen im Deutschen Fernsehen wurden zu dieser Zeit von Experten und Wissenschaftlern dominiert. Man warf den Dritten Programmen damals vor, nicht mutig genug zu sein, um so etwas auch zu machen.

Worin würde der eingeforderte Mut denn bestanden haben?
Stallmann: Darin, eine Diskussion zuzulassen. Wenn man 1968 mit Begriffen wie Diskussionslust oder -fieber beschreibt, dann war eine Sendung wie der „Club 2“, der von seiner Konzeption her sehr offen ausgerichtet war, etwas sehr Erfrischendes, das dazu gut passte. So sahen es jedenfalls die bundesdeutschen Fernsehkritiker. Man forderte die Dritten Programme daher auf, wenigstens eine Wiederholung der österreichischen Sendung ins eigene Programm zu nehmen. Natürlich gab es auch in der Bundesrepublik zu dieser Zeit schon etliche Sendungen zum Themenbereich 1968, in denen auch ehemalige Protestakteure auftauchten. Aber immer in der Funktion als Zeitzeugen. Vereinzelt gab es auch Diskussionssendungen, darin traten in der Regel aber nur Personen auf, die in den späten 1960er-Jahren Hochschullehrer waren.

Ihre Untersuchung zum studentischen Protest im Fernsehen beginnt nicht 1967 oder 1968, sondern 1977. Warum erst zehn Jahre später?
Stallmann: In den Jahren 1977/78, dem ersten Jubiläum von 1968, entwickelte sich so eine Art Erzählroutine. Der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 wurde wichtig. Man schaute aber auch auf den Mai 68 in Paris oder auf das Attentat auf Rudi Dutschke im April des gleichen Jahres. Zu dieser Zeit etablierte sich ein Erinnerungsmarkt um 1968.

Und warum lassen Sie Ihre Studie schon 1998 enden?
Stallmann: Auf der einen Seite hieß es damals bereits: Die APO-Opas gehen langsam in Rente. Auf der anderen Seite sah man die 68er nun an der Macht, repräsentiert durch die von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und Joschka Fischer (Bündnis90/Die Grünen) angeführte Bundesregierung. Wobei man sich natürlich darüber streiten kann, ob es sich bei ihnen tatsächlich um 68er handelte. Schröder hat das immer von sich gewiesen und Fischer würde man ja auch eher als typischen Sponti der 1970er-Jahre bezeichnen. Das Beispiel zeigt, wie offen der Begriff 1968 ist, um mit diversen Inhalten gefüllt zu werden. Ich stelle mir 1968 als einen Schwamm vor, der Teile der 1960er- und Teile der 1970er-Jahre in sich hineinsaugt.

In den USA verfährt die Erinnerungskultur anders. Dort steht nicht 1968 im Zentrum, sondern das ganze Jahrzehnt: die Sixties.
Stallmann: Sie haben recht. In der Bundesrepublik Deutschland verdichtet sich die Erinnerung auf die späten Jahre. In den USA hingegen neigt man dazu, das ganze Jahrzehnt als Zeitraum einer kulturellen Transformation zu betrachten, in dem unheimlich viel in Bewegung geriet.

Innerhalb des von Ihnen angesetzten Untersuchungszeitraums hält in Deutschland das Privatfernsehen Einzug in die Wohnstuben. Die Privatsender kommen in Ihrem Buch aber nicht vor. Woran liegt das?
Stallmann: Bei meinen Recherchen ist mir aufgefallen, dass von den Privaten wenig zu dem Thema gesendet wurde. Das, was ich als Geschichtsfernsehen bezeichne, war auf den Privatsendern lange Zeit kaum präsent. Zudem habe ich aus Gründen der Zugänglichkeit von Archivalien davon abgesehen, kürzere Beiträge zu untersuchen. Mitunter ist es gar nicht so leicht, Material zu finden und zu bekommen – auch bei den Öffentlich-Rechtlichen. Zwar gibt es seit 2014 einen Intendantenbeschluss der ARD, der besagt, dass der Wissenschaft Zugang zu den Archivalien gewährt werden soll. Aber die Praxis ist mitunter schwierig. Sowohl die Archive der Öffentlich-Rechtlichen als auch die der privaten Sender verstehen sich als Einrichtungen, die dazu da sind, zunächst einmal den Interessen des eigenen Unternehmens zu dienen. Das ist nicht immer kompatibel mit den Anfragen aus der Wissenschaft. Das Anfertigen von Kopien kann eine Menge Geld kosten. Ich habe mich auf Dokumentationen und andere Beiträge konzentriert, die eine Länge von über 30 Minuten haben. In meinem Untersuchungszeitraum war das Geschichtsfernsehen über 1968 vor allem öffentlich-rechtlich geprägt. Später hat sich das sicher geändert, durch Nachrichten- und Doku-Sender wie NTV oder N24.

1968 wurde im Fernsehen von Anfang an als Generationenkonflikt thematisiert. Die Akteure selbst verstanden sich zunächst aber nicht als Teilnehmer einer Jugendrevolte, sondern als Revolutionäre.
Stallmann: Zeitgenössische Beobachter sprachen schon damals gerne von einem Aufeinandertreffen der Generationen. Immer wieder hieß es von Vertretern aller Parteien, dass man das Gespräch mit der Jugend suchen müsse. Man befürchtete damals, den Kontakt zur jungen Generation zu verlieren. Die Akteure des Protests haben diese generationellen Zuschreibungen jedoch vehement abgelehnt. Dennoch tragen sie sich fort, denn dieses Narrativ des Generationenkonflikts wurde in den Medien immer wieder aufgegriffen.

Die Revolte, die an einigen Universitäten begann, erreichte erst nach und nach in den Folgejahren auch die Provinz.
Stallmann: Es gab Hochburgen wie Berlin, Frankfurt am Main, vielleicht auch noch Marburg und Bonn. Aber man darf dabei nicht aus den Augen verlieren, dass schon in den späten 1960er-Jahren auch in der Provinz manches in Bewegung kam. Zum Beispiel wurden dort Jugendklubs gegründet. Auch dafür war das Medium Fernsehen in dieser Zeit schon ein Kommunikator. In den 1970er-Jahren bildete sich dann ein alternatives Milieu, das an bestimmte Ideen andockte, die mit 1968 in Verbindung gebracht wurden. Dieses Milieu, das die Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens in den Mittelpunkt stellte, verbreitete sich über große Teile der Bundesrepublik.

Hat das Fernsehen daran einen Anteil gehabt?
Stallmann: Die Entwicklung von Jugendzentren, selbstverwalteten Betrieben, Kommunen und alternativen Stadtmagazinen wurde vom Fernsehen beobachtet und kommentiert. Viele, die in den 1970er-Jahren Journalisten wurden, waren selbst von der Protestbewegung beeinflusst. Sie wollten und konnten ihre Themen in den Medien unterbringen. Oft ging es darum, einen Pluralismus in der Gesellschaft darzustellen, der bislang zu kurz gekommen war. Es ging darum zu zeigen, dass Vielfalt etwas Normales ist. Die Fernsehanstalten waren zu dieser Zeit eine Institution, in der noch Arbeitsstellen geschaffen wurden. Für viele Leute, die nicht Lehrer werden konnten oder wollten, aber eine Art Bildungsauftrag erfüllen wollten, gab es daher eine alternative berufliche Perspektive.

Meinen Sie Leute, die als Kommunisten oder Linksradikale unter den Radikalen­erlass – die sogenannten Berufsverbote – fielen und daher keine Chance mehr hatten, an einer Schule unterzukommen?
Stallmann: Zumindest für einige, die vom Radikalenerlass betroffen waren oder – das wird die größere Gruppe sein – sich zumindest betroffen fühlten, boten die Medien einen Ausweg, doch noch eine Karrierechance zu ergreifen.

Gibt es etwas, was Sie im Laufe ihrer Untersuchung wirklich überrascht hat?
Stallmann: Einerseits hat mich überrascht, wie stark 1968 die Jahrzehnte hindurch immer wieder dazu benutzt wurde, um zu vermessen, um was für eine Bundesrepublik es sich jeweils handelte. Die Jahreschiffre hat immer dazu gedient, Vorher-Nachher-Geschichten zu erzählen, den Unterschied zwischen alt und neu klarzumachen. Wenn man in die Gegenwart schaut, sieht man auch hier die Beharrungskraft von Narrativen. Die Erzählung von der 1968 einsetzenden Zäsur, die zu einer Liberalisierung und Demokratisierung der Bundesrepublik geführt habe, hält sich in meinem gesamten Untersuchungszeitraum durch. Überraschend war für mich auch, dass verschiedene Sendungen das Leben Rudi Dutschkes als eine Heldenreise erzählten. Das ist ein Erzählschema, das man auch aus Hollywood-Filmen kennt. Ein Held bricht dabei in eine unbekannte Welt auf, um auf seinen Reisestationen unterschiedliche Abenteuer zu bestehen. Damit hatte ich vorab nicht gerechnet, dass man Dutschke als modernen Odysseus oder eine Art Luke Skywalker der Revolte inszenierte.

Wird 1968 auch in den kommenden Monaten wieder ein großes Fernsehthema werden?
Stallmann: Im Hinblick auf das 50-jährige Jubiläum wird es zahlreiche Beiträge geben. Die ARD hat vor einigen Wochen bereits einen Beitrag über den Tod von Benno Ohnesorg gebracht. Es wird sicher auch Diskussionsendungen geben. Zeitzeugen werden wieder einmal die Medienbühne betreten. Das hängt einfach auch damit zusammen, dass 1968 einen festen Platz im historischen Kalender hat, an dem die Fernsehredaktionen ihr Programmangebot ausrichten. Ob man im Fernsehen noch etwas Neues über 1968 erfahren wird oder die Sendungen lediglich das bisherige Narrativ bespielen werden, darauf bin ich selbst gespannt.

Mein Eindruck ist, dass sich im Hinblick auf historische Ereignisse im Fernsehen sehr rasch eine eindimensionale Sichtweise einspielt, dass eine anfängliche Vielfalt von Aspekten und Perspektiven weggeschliffen wird. Man bekommt dann als Zuschauer beinahe nur noch bereits kanonisierte Highlights serviert, auf die sich alle einigen können. Deswegen finde ich solche Sendungen oft sehr langweilig.
Stallmann: In meiner Arbeit schreibe ich, dass 1968 im Fernsehen wie eine Art Flaschenhals funktioniert. Anfangs war es vielschichtig, schwer überschaubar. Danach wird es, wie Sie sagen, immer mehr auf bestimmte Bilder verdichtet. Die Journalisten scheinen davon auszugehen, dass die Zuschauer erwarten, den berühmten Rücken-Akt der Kommune I zu sehen und ein bisschen Musik von Bob Dylan zu hören. Wenn man die internationale Perspektive einnimmt: Bilder von Woodstock oder dem Prager Frühling. Auf dieser Grundlage wird dann so eine Sendung kreiert. Aus Zeitgründen betrachten Journalisten zumeist gar nicht erst das vorhandene Archivmaterial, sondern benutzen Ausschnitte aus früheren Sendungen und bauen daraus das Klammermaterial für ihre eigenen Sendungen zusammen. Durch solche Wiederholungen entstehen ikonische Bilder. Man kann sich Rudi Dutschke heute ja nur noch in seinem Ringelpullover vorstellen.

Thomas Wagner in FALTER 35/2017




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