Schwindel. Geschichte einer Realität

Marta Karlweis, Johann Prof. Dr. Sonnleitner


Es sind auch schon Hausherren gestorben

In „Schwindel“ erzählt Marta Karlweis souverän und mit satirischer Schärfe die Verfallsgeschichte einer Familie

Ein Verlag, der sich „Das vergessene Buch“ nennt, beweist Sinn fürs Paradox. Vergessene Bücher zu verlegen ist ja ein Akt der Erinnerung, verbunden mit der geschäftlichen Hoffnung, dass damit Geld zu verdienen ist. Es ist freilich nicht zu leugnen, dass es auch ein Strohfeuer des Wiederentdeckens gibt, das morgen nur umso tiefer ins Vergessen zurücksinkt – auch weil oft etwas undifferenziert gelobt wird, nur weil es sich um Vergessenes handelt. „Zu recht vergessen“ ist eine Kategorie, auf die Kritik nicht verzichten sollte. Nur so lässt sich der Sinn für das Unrecht des Vergessens schärfen.
Im Nachwort zu „Schwindel“ spricht Johann Sonnleitner ohne Umschweife aus, dass erst der Erfolg des 2015 neu aufgelegten Buches „Ein österreichischer Don Juan“ (1929) die Publikation eines weiteren Romans von Marta Karlweis (1889–1965) ermöglicht hat. „Schwindel. Geschichte einer Realität“ ist der letzte Roman dieser österreichischen Autorin, der 1931 im S. Fischer Verlag zu Berlin erschien, also an guter Adresse. Aber was half das schon in jenen Jahren und erst recht der Nachwelt, auf die kein Verlass ist, wie Karl Kraus nicht müde wurde zu betonen.
Titel und Untertitel des Romans sind von flirrender Unbestimmtheit: „Schwindel“ changiert zwischen Betrug und „vertigo“; mit „einer Realität“ ist ein Wiener Zinshaus gemeint, das mit dubiosen finanziellen Transaktionen in Familienbesitz kommt und als Spekulationsobjekt dazu dient, Machtspiele und Übervorteilungen auch en famille zu betreiben: „,Der ganze Schwindel‘ heißt in der Gaunersprache auch die ungeteilte Beute“. Es handelt sich bei dieser Beute allerdings um eine Bruchbude, „ein Proletarierhaus, dort, wo der elegante Rennweg die Freude an sich selbst verliert und sich aufgibt in einem Armeleutequartier“.
Der Satz „Ein Haus ist eine Realität“ wird solcherart in ironische Schwingungen versetzt und damit auch der Untertitel, der die „Geschichte einer Realität“ verspricht und sich so die Erblast des realistischen Erzählens und die „transzendentale Obdachlosigkeit“ des Romans auflädt. Das ist um 1930 die Versuchsanordnung der Moderne im Zeichen der „Krisis des Romans“ (Walter Benjamin) und heiß umstritten. Was in dieser Debatte verloren ging, ist die Bandbreite dessen, was in der literarischen Praxis damals noch offenstand: das weite Feld des satirischen Desillusionsromans, das der damals verpönte Roman des Realismus partiell schon gut bestellt hatte.

Marta Karlweis zieht die Register solchen Erzählens zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit mit großer Souveränität. Nur Federfuchser werden ihre Erzählerkommentare als veraltete Technik verbuchen, in Wahrheit geht es um Strategien, die die Beschränkungen des Inneren Monologs aufbrechen, ohne dessen Errungenschaft zu desavouieren. Das hört sich so an und es klingt gar nicht alt: „Das angenehme Ehepaar, das auf diese Weise aus dem Nichts in unsere Geschichte tritt, wird gleich wieder im Nichts verschwinden, denn wir brauchen es nicht mehr, es hat seine Funktion längst erfüllt.“
Das hilft nicht nur gegen die Familien-, sondern auch gegen die Familienroman-Ideologie, die mehr denn je grassiert. Im Unterschied zu vielen heutigen Generations- und Familienromanen schnurrt keine einsinnige Handlung ab. Der Text springt um, arbeitet episodisch und wechselt innerhalb der oft sarkastisch betitelten Abschnitte die Erzählperspektive. Statt temporal-kausaler Handlungsabläufe gibt es metaphorische Verknüpfungen, wiederaufgenommene Einzelheiten, korrespondierende Formeln und Formulierungen oder einprägsame Markanz-Sätze.

Ohne eine aufmerksame Lektüre gehen solche Wechsel der Figurenperspektive verloren, und nicht zu Unrecht fühlte sich ein zeitgenössischer Rezensent, E. A. Rheinhardt, angesichts der erstaunlichen Details dieses Buches an Virginia Woolf erinnert, weil auch bei Karlweis jedes Detail „ohne impressionistische Einzelheitseitelkeit ganz und gar in den Dienst der Erzählung gestellt ist“.
Karlweis erzählt eine Verfallsgeschichte am Beispiel eines Hauses bzw. einer Familie, soziologisch vorwiegend im (klein-)bürgerlichen Milieu. Am stärksten ist der Roman dort, wo der „Schwindel“ der Figuren, der darin besteht, den tatsächlichen Status zu vertuschen, in aller Genauigkeit registriert wird. Der Roman beschreibt Fassadenproduktion auf allen Ebenen des Alltags, ohne ihrem Täuschungsgeschäft anheimzufallen. Die Tendenz der Figuren, ihre Partialsicht für das Ganze zu halten, wird durch mehrfache Perspektivierung ein und desselben Sachverhalts als „Schwindel“, als (inszenierte) Selbsttäuschung, Wahnbildung und Ideologie wahrnehmbar.
Die Großmeisterin des metaphysischen Schwindels, die Figur der Fritzi, geht nach „Kassaschluss“, so der sarkastische Titel des vorletzten Kapitels dieser Epochenbilanz, rhetorisch aufs Ganze, das hier im doppelten Sinn das Unwahre ist: „Es ist alles Schwindel, eure höheren Gefühle, eure Geschlechtsliebe, eure Mutterliebe, alles blutiger, schmieriger Schwindel.“
Aufblitzende Erlösungshoffnungen werden schnell wieder gelöscht; die ökonomische und moralische Deklassierung treibt gleich mehrere Figuren in den Suizid, und es ist eine bittere Pointe, dass sich Olga, die von allen am meisten leidet und sich selbst am heftigsten quält, verpflichtet fühlt, das Täuschungsgeschäft ihrer Schwester Fritzi fortzusetzen und ihre Mutter mit einer erfundenen Geschichte abzuspeisen.

Karl Wagner in FALTER 33/2017



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