Charakterfehler

Anneliese Rohrer


Anneliese Rohrer, die Doyenne der innenpolitischen Publizistik, über ihr Buch "Charakterfehler", Anstand, Autorität und den aufrechten Gang, die "Girlie-Falle" und darüber, warum auch sie manchmal "herzhaft erfolglos" blieb.

Nicht dass sie es nötig hätte. Aber, wer nicht einmal daran denkt, sich zur Ruhe zu setzen, der hört auch nicht auf, sich weiterzubilden. Daher drückt die profilierteste Politikjournalistin Österreichs, Anneliese Rohrer, derzeit in New York die Schulbank und besucht einen Creative-Writing-Kurs.

Nach dreißig Jahren im Dienste der Zeitung wollte die Presse sie im Vorjahr mit Erreichen des Pensionsalters in die Rente schicken. Rohrer, viele Jahre Leiterin des innenpolitischen, zuletzt des außenpolitischen Ressorts des Blattes, weigerte sich - und wurde gekündigt. Ihren Resturlaub verbrachte sie in den USA, wo sie auch ihr Buch "Charakterfehler" fertig schrieb. Die erwartungsgemäß strenge und treffende Analyse der politischen Kultur in Österreich, gespickt mit zahlreichen Erinnerungen und Anekdoten, erschien vor wenigen Tagen im Verlag Ueberreuter.

Ende des Monats wird Rohrer nach Wien zurückkehren - und den Platz am Katheder einnehmen. Die studierte Historikerin wird an der Wiener Fachhochschule für Journalismus und Medienmanagement unterrichten.

Falter: Wenn man Ihr Buch "Charakterfehler" studiert, bekommt man den Eindruck, in der österreichischen Politik tummeln sich lauter Dummköpfe, Schwächlinge, Lügner, Falotten. Warum haben Sie nach dreißig Jahren trotzdem noch nicht genug davon?

Anneliese Rohrer: Journalismus ist Übertreibung. Meine wie Ihre, denn ganz so stimmt Ihre Zusammenfassung nicht. Das Spannende an der Politik in Österreich ist aber auch nach dreißig Jahren die ständige Herausforderung aufzuzeigen, wann, wo und wie die Menschen hinters Licht geführt werden sollen; und die Hoffnung, dass sich die Österreicher doch mehr in ihre eigenen Angelegenheiten einmischen werden. Deshalb ist das Buch auch mehr für die Wähler als für die Politik geschrieben.

Falter: Was war in diesem Sinne Ihr bisher größter Erfolg?

Anneliese Rohrer: Gemessen an diesem Anspruch und im Lichte der momentanen Situation in Österreich, war ich wohl herzhaft erfolglos. Aber ich gebe nicht auf.

Falter: Ein zentraler Begriff in Ihrem Buch ist der Anstand, den Sie als die "Beachtung bestimmter Spielregeln, des eigenen Wortes, der Selbstbeschränkung und der Gerechtigkeit" definieren und den Sie in der Innenpolitik schon seit Kreiskys Zeiten vermissen. Gibt es wenigstens einen anständigen Politiker in Österreich?

Anneliese Rohrer: Es gibt jede Menge anständiger Politiker. Nur wollen sie in einem Land, in dem jeder jeden in einem dichten Netz von Abhängigkeiten kennt, nicht auffallen. In Österreich werden sie nämlich meist als naiv, unklug und erfolglos abgestempelt.

Falter: Wen meinen Sie da zum Beispiel - auch auf die Gefahr hin, dass Sie jetzt die Karriere eines Anständigen gefährden?

Anneliese Rohrer: Ich will nicht schuld daran sein, dass jemand nicht doch vielleicht Anstand in eine politische Karriere hinüberretten kann.

Falter: Ist das Fehlen von Anstand eine typisch österreichische Erscheinung oder schaut es anderswo genauso schlecht aus?

Anneliese Rohrer: Natürlich ist es keine typisch österreichische Erscheinung. Das Traurige ist nur, dass es hier ohne Not existiert. Das Land ist übersichtlich, leicht zu regieren, hat keine wirklichen existenziellen Probleme. Was also hat ein Politiker schon zu verlieren?

Falter: Sie haben in einem Interview vor vier Jahren bedauert, dass Österreich eine politische Autorität fehle. Auch Heinz Fischer, damals noch Nationalratspräsident, sei zu sehr Parteipolitiker, um diese Rolle zu besetzen. Beurteilen Sie ihn heute, als Bundespräsidenten, anders?

Anneliese Rohrer: Dazu ist es nach neun Monaten Amtszeit noch zu früh. Tolle Popularitätswerte allein machen noch keine Autorität aus, aber sie ließen sich dazu verwenden.

Falter: Trauen Sie ihm zu, dass er das machen wird?

Anneliese Rohrer: Machen kann? Ja! Machen wird? Hoffentlich!

Falter: Vielleicht spitze ich die Aussage Ihres Buches jetzt wieder zu stark zu, aber Bundeskanzler Wolfgang Schüssel ist diese Autorität in Ihren Augen wohl auch nicht, oder?

Falter: Nein.

Anneliese Rohrer: Sie verschonen in Ihrem Buch auch die Journalisten nicht, weil wir es schließlich sind, die den Politikern ihr Verhalten durchgehen lassen - sei es aus mangelnder Sachkenntnis, aus Faulheit oder aus Angst vor Konsequenzen. Hatten Sie sich im Laufe Ihrer Karriere auch einmal ein Versäumnis vorzuwerfen?

Falter: Und wie viele!

Anneliese Rohrer: Ich habe das auch im Buch nicht verschwiegen. So fühle ich mich noch immer für den falschen Umgang mit Jörg Haiders FPÖ in den Neunzigerjahren verantwortlich. Wir hätten damals alle seine Halbwahrheiten ausrecherchieren und nicht nur verurteilen müssen. Und wir hätten die damalige große Koalition dazu bringen müssen, sich den Wahrheiten zu stellen.

Eva Weissenberger in FALTER 10/2005



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