Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde

Ian Buruma, Avishai Margalit, Andreas Wirthensohn


Der emeritierte Princeton-Professor Bernard Lewis, 87, gilt schlicht als Nestor der westlichen Islamwissenschaft. Seine Bücher sind Standardwerke, Lewis selbst ist trotz seines hohen Alters noch immer ein streitbarer Geist. Diese Woche referiert er im Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Gerade in den vergangenen Jahren ist Lewis etwas ins Gerede gekommen. Dass er US-Vizepräsident Richard Cheney im Vorfeld des Irakkrieges in Privatissima intellektuell aufrüstete, wird ihm von Kritikern verübelt. Dass auch Präsident George W. Bush sein Wissen über den Islam und die Krise der arabischen Welt vor allem von Lewis bezieht, war dem Ruf des Professors auch nicht nur zuträglich.

Seinen Sachverstand zieht deswegen aber kaum jemand in Zweifel. In seinem zuletzt erschienenen Buch "Die Wut der arabischen Welt" analysiert Lewis deren Ursachen. Lewis richtet sich darin an den interessierten Laien. Doch auch wer ein gewisses Vorwissen hat, wird Neues erfahren: darüber, inwiefern sich die radikalen Thesen der Fundamentalisten auf die Lehren des orthodoxen Mainstream-Islam berufen können; über das allgemeine Grundgefühl einer verlorenen islamischen Größe, aus dem sich der Zorn auf "den Westen", "die Juden", "die Gottlosen" nährt. Lewis glaubt nicht daran, dass die islamische Welt die tiefe Krise, in die sie geraten ist, ohne Anstoß von außen überwinden wird können.

Wer sich etwas detaillierter mit dem Aufstieg und der Krise der islamischen Zivilisation beschäftigen will, dem sei immer noch Lewis 1947 erstmals erschienene, inzwischen tiefgreifend überarbeitete Studie mit dem schlichten Titel "Die Araber" empfohlen. Schon darin erweist sich wohltuend, was Lewis von vielen anderen Orientalisten unterscheidet: Bei aller Leidenschaft für das Objekt seiner Studien ist er ihm nicht in blinder Bewunderung für den "Zauber" der moslemischen Kultur erlegen. So paart sich bei ihm Interesse und Verständnis nicht notwendig mit jener Verständnisdusselei, die so oft in Kulturrelativismus ausartet, in die fragwürdige Akzeptanz von Menschenrechtsverletzungen, Terror und Gewalt.Ist der islamistische Furor nur eine Spielart des "Hasses gegen den Westen" oder ist der Islam per se böse? Zwei gelungene und eine gescheiterte Abrechnung mit der Welt des Islamisten.

Als Ian Burumas und Avishai Margalits Essay "Occidentalism" vor drei Jahren in der New York Review of Books erschien, pfiff schnell eine kleine Debatte durch den globalen Feuilletonistenwald. Nur wenige Monate nach den Anschlägen vom 11. September stellten Buruma, der niederländisch-britische Essayist, und Margalit, der Philosoph aus Jerusalem, den rabiaten Islamismus in eine größere, historische Perspektive des "Hasses auf den Westen".

Feindseligkeit gegen den Geist des Westens, gegen Rationalismus, gegen den Krämergeist des Bürgertums und die Wurzellosigkeit der Stadt, schließlich gegen die Seelenlosigkeit des Agnostikers - dies verbindet, so Buruma und Margalit, den Islamismus mit historischen Erweckungsbewegungen, aber auch mit der deutschen Romantik, mit japanischen Antiwestlern und slawophilen Volkstümlern, Maos Bauernkommunismus mit gewissen Spielarten der Globalisierungskritik und esoterischen Seelenfreaks aller Art.

Ein origineller Blick, während alle vom Kampf der Kulturen sprachen. Denn für Buruma und Margalit ist der Okzidentalismus, also der Hass auf den Geist des Westens, etwas, was im Orient wie im Okzident zu finden ist. Hier kann man lesen, dies nur nebenbei, was H.C. Strache und einen Islamisten-Imam eint. Aber bleiben wir bei der Sache.

Jedenfalls gab es, als das Buch erschien, viel Applaus und auch ein paar Nörgeleien: Was die beiden da aufstellten, sei eine neue Totalitarismustheorie, nicht alles, was ähnlich ist, ist deshalb gleich. Der Okzidentalismus, verteidigte Buruma vergangenes Jahr im Falter-Interview seine Thesen, "hat europäische Wurzeln. Feindschaft gegen die Aufklärung, faschistische Ideen, die Auffassung, der Westen sei dekadent, feige, materialistisch."

Es brauchte zwei Jahre, bis Buruma und Margalit ihren schlanken Essay zu Buchform ausführten. Nach einem weiteren Jahr liegt er nun auch auf Deutsch vor - ein Handicap. Trotzdem sind die Kapitel über die okzidentale Stadt, den Hass auf die Metropole, deren Künstlichkeit, die babylonische Tempelhure und den Krieg gegen die Stadt sowie jenes über Helden und Händler, dieses kulturromantische Naserümpfen über die westliche Zivilisation, die das Geschäft über den Krieg stellt, mehr als lesenswert. In West und Ost, Süd und Nord wird der Westen in gewissen Kreisen als Gift gesehen, das Muskelkraft, Willen und Charakter lähmt - "Westoxification" -, das alles Streben auf die bare Münze und die billige Vergnügung lenkt.

Freilich: Die hart zuschlagende These gehört zum Essayistengeschäft, doch sie hat auch ihren Preis. Ist es wirklich so, dass der, dem Branding, Kommerzialisierung und Big-Brother-TV aufstößt, deshalb gleich in einer Geistestradition steht, die von Herder über Heidegger bis zu Mao und Osama reicht? Nur weil man es vielleicht schade findet, dass das Traditionscafé der Shopping-Mall weicht? Weil man Leute, die Songtexte schreiben, interessanter findet als die stromlinienförmigen S-Klasse-Menschen in ihren Glas-Stahl-Beton-Büros? Ich weiß nicht recht. Aber noch einmal: Es ist die Stärke dieses schmalen Bandes, dass seine Autoren nicht von der falschen Scheu geplagt sind, zu weit zu gehen, zu überziehen.

Das gilt mehr noch für einen weiteren zu preisenden Band aus der essayistischen Frühjahrskollektion. "Warum ich kein Muslim bin" heißt die sensationelle Abrechnung mit dem Islam, geschrieben von einem gewissen "Ibn Warraq", von dem man nicht viel mehr kennt als dieses Pseudonym. Eine berechtigte Vorsichtsmaßnahme: Das Buch hätte dem Autor sicher eine Fatwa eingetragen, Todesurteil inklusive. Der in Indien und Pakistan aufgewachsene Muslim - heute soll er in Amerika leben - knöpft sich darin die Religion seiner Väter vor. Dabei ist er maßlos, aber derart umfassend gebildet und belesen, dass sich dieses seltsame Großpamphlet dramatisch von allen anderen islamkritischen Büchern, die derzeit den Markt verstopfen, abhebt. "Dieses Buch", annonciert sein Autor, "ist in erster Linie ein Ausdruck meines Rechts, jeden beliebigen Aspekt des Islams zu kritisieren, sogar zu verlästern " Ibn Warraqs Indizienkette im Schnelldurchlauf: Historisch ist der Islam ein obskurantistisches Mischmasch aus Einflüssen der beiden anderen Monotheismen, aus Aber- und Volksglauben, widersprüchlichen Riten und Sitten. Er ist intolerant, paranoid und totalitär. Die Fundamentalisten sind für ihn keine Radikalen, sondern Wortführer des eigentlichen Islam. Für westliche Multikulti-Warmduscher, die auf einen "gemäßigten Islam" setzen, hat er nur Spott parat. Sein Urteil untermauert Ibn Warraq auf mehr als 500 materialreichen Seiten, 700 Fussnoten inklusive.

Wie grandios dieser Wurf ist, spürt man förmlich, nimmt man Bücher wie den Piper-Schnellschuss "Tödliche Toleranz. - Die Muslime und unsere offene Gesellschaft" von Günther Lachmann in die Hand. Hier erfährt man auf gnadenlos schlecht geschriebenen 300 Seiten, was der aufmerksame Benutzer der Tages- und Wochenpresse längst schon weiß.

Robert Misik in FALTER 10/2005



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