Du sollst

Navid Kermani


Der deutsche Publizist Navid Kermani im Gespräch über das europäische Islambild, seine muslimische Identität, Säkularismus und Sex.

Navid Kermani, 1967 in Siegen geborener Publizist und Schriftsteller persischer Abstammung, hat in der fast tausendseitigen Monografie "Gott ist schön" (2000) die verschlungenen Beziehungen von Ästhetik und Theologie des Koran untersucht. Für das Buch erhielt er den Ernst-Bloch-Preis und den prestigereichen Posten eines Long-Term-Fellows am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Er wäre wohl zu einem angesehenen Islamwissenschaftler geworden. Zu einem der begehrtesten deutschen Feuilletonautoren zum Thema Islam avancierte Kermani nach dem 11. September 2001. Davor hatte er mit "Iran, Revolution der Kinder" (2001) eine kenntnisreiche Schilderung der dramatischen Umbrüche der iranischen Gesellschaft nach der islamischen Revolution verfasst. In atemberaubender Geschwindigkeit folgen die Bücher "Dynamit des Geistes - Martyrium, Islam und Nihilismus" (2002) und "Schöner neuer Orient - Berichte von Stätten und Kriegen" (2003). Sie gehören zum Besten, was man an deutschsprachigen Reportagen zur Welt zwischen Ägypten und Indonesien lesen kann.

Mittlerweile ist der in Köln lebende Publizist zur Literatur übergegangen. Dem eigentümlichen Klon aus Popmusik und Bekenntnis zu einem deutschen Islam in "Das Buch der von Neil Young Getöteten" (2002) folgte die Kurzprosa "Vierzig Leben" (2004). In seinem neuesten Buch "Du sollst" widmet sich der bekennende Anhänger des 1. FC Köln dem allgegenwärtigsten aller Themen - dem Sex.

Falter: Sie haben ein Buch mit dem Titel "Gott ist schön" geschrieben - eine Art theologische Ästhetik des Koran. Was sagt der Koran zu einem schönen Tag wie heute?

Navid Kermani: Keine Ahnung. Ich lese den Koran nicht jeden Tag.

Falter: Sind Sie ein schlechter Muslim?

Navid Kermani: Das glaube ich nicht. Der Prophet sagt, es sei wichtiger, ein guter Mensch zu sein als ein guter Muslim.

Falter: Sie interpretieren den Koran mit Adorno oder André Breton. Statt "Gott ist groß" zu sagen, sagen sie "Gott ist schön" - ist das eine Provokation?

Navid Kermani: Das ist ein Zitat des Propheten, das es so ähnlich auch bei Platon gibt. Sobald man nicht dem westlichen Bild vom Islam entspricht, heißt es gleich: "Aha, er ist ja nur eine Kulturmoslem, ein Gemäßigter!" Mein Muslimsein ist tatsächlich durch Adorno geprägt. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, ich wurde hier sozialisiert, mir sind deutsche Literatur und Philosophie nahe.

Falter: Woher kommt das monströse Bild der islamischen Welt?

Navid Kermani: Da kommt mehreres zusammen: Europa hat sich in Abgrenzung vom Orient herausgebildet. Für die islamische Welt hatte Europa keine vergleichbare Bedeutung: Wenn die etwas interessierte, dann Indien oder China. Europa war im Mittelalter ein Reich der Barbarei, aus dem Reisende voller Schauder zurückkehrten und sagten: "Das sind Barbaren, die waschen sich ja nicht einmal." Heute ist es umgekehrt. Zur europäischen Grundangst vor dem Muselmann kommt hinzu, dass dieser plötzlich auch die Rolle des Dunkelmannes spielt: Er scheint rückständig zu sein und ist auch wirklich diktatorisch.

Falter: Sie betonen immer wieder, dass die islamische Welt als Einheit ein Konstrukt des Westens sei.

Navid Kermani: Die Leute lesen im Koran von der Gewalt gegen Ungläubige und verstehen gleich, was dort vor sich geht. Niemand käme auf die Idee, den Konflikt in Nordirland mit Luther zu erklären.

Falter: Haben Sie ein Rezept für den Umgang mit dem Islam?

Navid Kermani: Säkularismus. Das bedeutet ja nicht Religionsfeindlichkeit. Es muss einen Rahmen geben, in dem jeder auf seiner Wahrheit beharren kann. Das ist gewiss nicht einfach und es gibt Grenzbereiche wie die Frauenrechte, wo das Kollektiv eingreifen muss. Der Streit um das Kopftuch ist kein Zufall, auch wenn das meiste, was drüber gesagt wird, Unsinn ist.

Falter: Wie kamen Sie auf die Idee, Neil Young mit dem Koran zu verbinden?

Navid Kermani: Neil Young, das ist meine Wahrheit. Das ganze Toleranzgerede ist Unfug. Für mich ist Neil Young ebenso Erlösung wie der Koran: Ich beziehe mich dabei aber nicht auf religiöse Dogmen, sondern auf künstlerische Wahrheiten.

Falter: In Ihren literarischen Arbeiten geht es ziemlich viel um Sex. Um ein westliches Islam-Klischee aufzugreifen: Ist eine Frau mehr als vier?

Navid Kermani: Mein neues Buch "Du sollst" spielt nur im Bett. Eine Frau ist die Welt - wenn es die richtige ist, können Sie bei einer Frau alle Schrecken und alle Lust finden, die Sie auch bei fünfzig nicht finden. Sex ist einer der wenigen Bereiche in unserem Leben, wo wir an Göttlichkeit rankommen. Gehen wir nicht gut miteinander um, können wir im Sex auch das Satanische berühren. Das verhält sich ähnlich wie bei der Musik, nur körperlich intensiver. Ich versuche zu verstehen, was da vor sich geht, wenn wir begehren. Was passiert mit dem anderen? Wie sündigen wir? Wo war ich nicht treu, weil ich an etwas anderes dachte, während mich meine Frau gestreichelt hat?

Falter: Sie sind ja ein Pragmatiker der Transzendenz!

Navid Kermani: Umgekehrt. Ich finde die Transzendenz nicht in der Moschee, sondern nur in meinem eigenen Leben. Dazu gehört der Koran genauso wie Neil Young oder Sex. Ich meine das nicht romantisierend, im Gegenteil - ich bin durchaus für Regeln, für Tabus und Verbote.

Falter: Für welche Verbote?

Navid Kermani: Ich spreche hier von individuellen Wahrheiten, nicht von kollektiven, aber man sollte wahrhaftig sein, moralisch. Der Begriff der Treue ist mir ziemlich wichtig, auch wenn jede Beziehung ihren eigenen Begriff von Treue schafft.

Falter: Was ist von Güte zu halten?

Navid Kermani: Das klingt jetzt sicher unmodern. Als meine Frau schwanger wurde, fragte mich ein Freund: "Was ist das Wichtigste für dich?" - "Güte." Alles andere ist egal - Sex, Erotik und so weiter. Das ist für mich auch eine Definition von Frömmigkeit, die mir gefiele, wenn wir vor dem jüngsten Gericht stehen. Wir sollten in Güte konkurrieren, nicht, wer irgendwelche Dogmen am besten beherrscht.

Falter: Und wie schaut es dann in Ihrem muslimischen Paradies aus?

Navid Kermani: Ich hoffe, das mit den sexuellen Freuden stimmt (lacht). Aber man muss erst einmal dahin kommen. Die Geschichte mit den siebzig Jungfrauen der Moslems findet nur in den Köpfen des Westens statt, und bei den Selbstmordattentätern geht es sicher auch um etwas ganz anderes.

Erich Klein in FALTER 10/2005



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