Eine Ehe in Wien

David Vogel, Maxim Biller


Venus im Pelz, oder: Die perverse Lust am Leiden

Wenn Maxim Biller vom soeben neu aufgelegten Roman eines weitgehend in Vergessenheit geratenen jüdischen Schriftstellers behauptet, er gehöre zu den sechs, sieben besten Büchern, die ihm je untergekommen seien, so sollte man sich in Acht nehmen. Übertreibungen gehören zur Grundausstattung des Autors in heutiger Zeit. Dass David Vogels „Eine Ehe in Wien“, 1928/29 in Paris geschrieben und in Tel Aviv vollendet, einer der großartigsten und zugleich verzweifeltsten Beziehungsromane ist, die je verfasst wurden, soll jedoch nicht verheimlicht werden.
Im brodelnden Wien der Kaffee­hausliteratur, in dem der leidenschaftlich kultivierte Müßiggang regiert und große Träume gleich Luftschlössern zerbröseln, begegnen wir Rudolf Gordweil, dem untersetzten, an der Menschheit erkrankten Alter Ego Vogels. Er ist Schriftsteller, aber kein Mann der Tat. Dass er bei einem seiner üblichen Schnorrergänge die junge, herrische Baronin Thea von Tako kennenlernt und diese kurz darauf zur Frau nimmt, besiegelt seinen Untergang.
Schritt für Schritt unterjocht ihn diese Venus im Pelz, macht ihn zu ihrem hörigen Sklaven. Je mehr er sich von ihr gefallen lässt, umso mehr findet sie Gefallen daran, ihn zu quälen. Das ist auch das Fesselnde und Schmerzhafte an diesem Roman ohne Happy End: Bei jeder neuen Demütigung, die der Antiheld erfährt, wächst die Wut des Lesers auf dieses kalte, sadistische Ungeheuer, das einen empfindsamen, liebenswerten Mann noch seiner letzten Würde beraubt und ihn buchstäblich in den Wahnsinn treibt.
Vogel ist ein Meister der Figurenzeichnung und der lebensechten Dialoge. Schon ab den ersten Seiten entwickelt das Buch einen mächtig-verstörenden Sog. Man spürt: Die „perverse Lust am Leiden“, die es Gordweil letztlich unmöglich macht, rechtzeitig einen Schlussstrich zu ziehen und mit der ihn über alles liebenden Lotte nach Italien durchzubrennen, ist mehr als nur Fiktion. Sie ist tief empfunden, entspringt dem innersten Kern einer begnadeten Autorschaft, der 1944 in Auschwitz ein viel zu frühes Ende bereitet wurde.

Albert Eibl in FALTER 26/2017



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