Neue Anthologie des Schwarzen Humors

Thomas Raab


Anlachen gegen das, was man nicht ändern kann

Es ist kaum 80 Jahre her, dass der Surrealist André Breton den heute omnipräsenten Begriff des schwarzen Humors erfand, unter dem er ein verzweifeltes Lachen aus Angst verstand. Seine „Anthologie des schwarzen Humors“ publizierte er 1940, die Auswahl an Autoren reichte von Swift über de Sade bis Kafka. Kurz darauf kapitulierte Frankreich. Die neue Regierung verstand keinen Spaß und ließ das Buch kurzerhand verbieten. Thomas Raab, Autor und Übersetzer mit naturwissenschaftlichem Background, liefert mit seiner „Neuen Anthologie des schwarzen Humors“ jetzt ein dringend benötigtes Update.
In Zeiten, in denen – vielleicht mit Ausnahme des Villacher Faschings – praktisch alles als schwarzhumorig gilt oder das Etikett für sich reklamiert, tut Orientierung Not. Raab bemüht sich im umfangreichen Vorwort folglich um eine Aktualisierung und Präzisierung des schwammig gewordenen Begriffs.
„Der Schwarzhumorist“, schreibt er, „lehnt sich gegen etwas Bestimmtes auf, das ,mächtiger‘ ist oder scheint als er. Er rebelliert gegen etwas Starres, etwas Fixes, das er wenigstens ­ansatzweise begreift, aber durch eigenes Vorgehen nicht zu ändern vermag. Der schwarze Humor ist daher der typische Humor der unterdrückten Eliten. (…) Zum schwarzen Humor neigen Außenseiter, die ihre Meinung nicht bloß für unterschätzt, sondern für objektiv besser als die Meinung der herrschenden Gruppe halten.“
Die ebenso subjektive wie gelungene Auswahl an Texten umfasst mehrere Jahrtausende Literaturgeschichte und reicht von Demokrit über Rabelais und Emil Cioran bis zu Werner Kofler, Michel Houellebecq und Stefanie Sargnagel. Das Düstere und Absurde, bisweilen auch Abstruse sind stark vertreten. Raab inkludiert auch Pressemeldungen als – unfreiwillige? – Zeugnisse schwarzen Humors. Am Ende erlaubt sich der Herausgeber selbst einen Spaß und präsentiert sich als der „größte Schriftsteller der Welt“. Nach dem Tod von Michael Crichton (2,06 m) gebühre der Titel nunmehr ihm (2,02 m).

Sebastian Fasthuber in FALTER



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