Wie werde ich ein verdammt guter.... Berichte aus der Werkstatt

Josef Haslinger, Hans-Ulrich Treichel


Josef Haslinger unterrichtet am Literaturinstitut Leipzig, wie man schreibt - auch wenn das eigentlich nicht geht. Ein Gespräch über Talent, Training, Tendenzen - und den richtigen Gebrauch des Konjunktivs.

Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller?", fragt ein soeben erschienener Band augenzwinkernd. Herausgegeben haben ihn die Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel und Josef Haslinger, die gemeinsam das Deutsche Literaturinstitut Leipzig (DLL) leiten, die einzige Institution des deutschsprachigen Raums, an der man einen akademischen Abschluss als Schriftsteller machen kann. Seine Tätigkeit am DLL füllt den 1955 in Zwettl geborenen Haslinger, der sich mit Romanen wie "Opernball" und "Das Vaterspiel", aber auch mit Essays ("Politik der Gefühle", "Klasse Burschen") einen Namen gemacht hat, so aus, dass er für das eigene Schreiben Urlaub nehmen muss. Seinen bevorstehenden fünfzigsten Geburtstag kann Haslinger sozusagen gleich zweimal begehen: Im Dezember entging er mit seiner Familie auf der thailändischen Insel Ko Phi Phi mit knapper Not der Riesenwelle.

Falter: Was tut man als Schriftsteller, wenn man in einen Tsunami geraten ist und überlebt hat. Macht man sich dann Notizen?

Josef Haslinger: Es sind bestimmte Fragen, die mich nicht loslassen. Zum Beispiel, warum wir alle vier überlebt haben, was in dieser Situation sehr unwahrscheinlich war. Was aus diesen immer noch recht hilflosen Gedanken wird, weiß ich nicht. Sicher keine objektive Dokumentation. Eine ganze Armee von Spiegel-Redakteuren wird das wesentlich umfassender recherchieren, als ich das je machen könnte.

Falter: Sie sitzen an einer Schlüsselstelle des Literaturbetriebs. Kann man da bestimmte Tendenzen feststellen?

Josef Haslinger: Die Ich-Erzählung ist bei uns eindeutig im Rückzug - zugunsten des personalen Erzählens in der dritten Person. Das hängt aber wohl auch damit zusammen, dass wir die erzähltechnische Schulung forciert haben. Ursprünglich gab es überhaupt keine obligatorischen Seminare - jetzt müssen alle das Seminar "Erzähltheorie" absolvieren. Seither suchen die Studierenden in formaler Hinsicht stärker die Herausforderung.

Falter: Wie sieht es mit inhaltlichen Entwicklungen aus?

Josef Haslinger: Auffällig ist, dass die jungen Leute sehr mit dem eigenen Leben beschäftigt sind. Das ist einerseits nicht erstaunlich, andererseits ist aber das Leben der Wohlstandsgeneration im Prinzip nicht sonderlich interessant. Die Frage ist, ob es gelingt, unter die Oberfläche zu gehen und etwas freizulegen oder herzustellen, das auch andere interessiert.

Falter: Geht man dann also als Dozent her und sagt: Junger Freund, suchen Sie sich einen gscheitern Stoff?

Josef Haslinger: Es ist schon sehr wichtig, dass man Stoffe infrage stellt, sie abklopft. Die hundertste unglückliche Liebesgeschichte der späten Neunzigerjahre muss dann schon eine eigene Konstellation haben, einen eigenen Ton, damit sie bestehen kann.

Falter: Gibt es noch andere inflationäre Stoffe?

Josef Haslinger: Es gab eine Zeit lang eine Häufung von Party- und Ravetexten. Da müssen wir aber gar nicht so sehr eingreifen, weil das auch den Studierenden schnell auf die Nerven geht. Und die sind dann meist bösartiger, als wir es je sein könnten und wollten. Den Studierenden geht's ja auch nicht anders als den Dozenten: Dauernd müssen sie Texte lesen; da wär's nicht schlecht, wenn einem nicht gleich die Kinnlade runterfällt vor Langeweile.

Falter: Gibt es etwas, was typisch ist fürs Studium am DLL?

Josef Haslinger: Ja. Zum Beispiel, dass die Leute in eine Schreibkrise geraten.

Falter: Ich dachte, die sollen schreiben lernen?!

Josef Haslinger: Aber leider kann ihnen niemand sagen, wie oder worüber sie schreiben sollen. Man kann nur versuchen, ihre literarischen Erfahrungen zu intensivieren und so den Möglichkeitsraum der Literatur mit ihren eigenen Möglichkeiten in Verbindung zu bringen. Es ist ja nicht so, dass jeder alles schreiben kann, wenn er es nur brav genug übt.

Falter: Und deswegen kriegen die Studierenden die Krise?

Josef Haslinger: Sie kommen mit einem interessanten Schreibansatz ans Institut - sonst hätten wir sie ja gar nicht aufgenommen. Aber dann kommt die Angst auf, sie würden gleichsam abgeräumt. Alles wird infrage gestellt, sodass sie plötzlich gar nicht mehr wissen, wie sie schreiben sollen.

Falter: Sie müssen, so heißt es doch immer, "ihren eigenen Ton" finden.

Josef Haslinger: Ja, aber der ist keine dem Autor selbst bewusste fixe Größe. Die meisten bewerben sich bei uns eben deswegen, weil sie keine klare Auffassung davon haben, was ihr Weg ist, und weil sie sehr unsicher sind. Diese Unsicherheit wird am Anfang eher noch verstärkt. Autoren können sich verrennen, oder sie probieren einfach etwas aus, von dem sie noch nicht wissen, ob es ihnen liegt. Und dann müssen sie sich anhören: Eigentlich war der Text im letzten Seminar besser.

Falter: Muss man für das Studium am Literaturinstitut eigentlich zahlen?

Josef Haslinger: Nein. Im Freistaat Sachsen gibt es noch keine Studiengebühren.

Falter: Einen Numerus clausus?

Josef Haslinger: Nein, aber eine viel schlimmere Zugangsbeschränkung: das sogenannte Aufnahmegespräch. Bei über 600 Bewerbungen und nur zwanzig Aufnahmen sind wir wahrscheinlich das am schwersten zugängliche akademische Studium des gesamten deutschsprachigen Raums.

Falter: Gibt es eigentlich diese wilden Naturtalente: Autoren, die tolle Texte schreiben, aber nix lesen?

Josef Haslinger: Ja, aber nicht bei uns. Weil sie nicht genommen werden. Denen sage ich klipp und klar: Bitte, schreiben Sie unbedingt weiter, aber wir können mit Ihnen nicht arbeiten.

Falter: Wie sehen denn klassische Anfängerfehler aus?

Josef Haslinger: Ein klassischer Anfängerfehler ist die Doppelung: Etwas wird dargestellt und dann auch noch kommentiert und beschrieben. Ein anderer ganz simpler Anfängerfehler betrifft die Handhabung des Konjunktivs in der indirekten Rede.

Falter: Erklären Sie's uns!

Josef Haslinger: Ganz einfach: Es ist immer der erste Konjunktiv und nur, wenn dieser mit dem Indikativ identisch ist, nimmt man den zweiten. Wenn statt "Er habe ..." "Er hätte ..." da steht, obwohl es sich nur um die indirekte Wiedergabe einer indikativischen Aussage handelt, artikuliert der Erzähler seinen Zweifel.

Falter: Wird in Leipzig ein literarischer Kanon vermittelt?

Josef Haslinger: Nein. Es gibt aber eine Leseliste, die nicht sehr umfassend ist - im Bereich Prosa sind das vielleicht zwanzig Bände - und auf der Bücher stehen, die bestimmte literarische Techniken verkörpern.

Falter: Was gehört da so dazu?

Josef Haslinger: "Berlin Alexanderplatz", "Ulysses", Erzählungen von Thomas Mann, Franz Kafka ...

Falter: Also 20. Jahrhundert.

Josef Haslinger: Großteils schon, obwohl die Bibel mit dem Buch Hiob auch draufsteht. Aber es geht nicht um literarische Bildung, sondern um literarische Formen und Techniken.

Falter: Wie findet die unmittelbare Gegenwartsliteratur Eingang in den Unterricht?

Josef Haslinger: Zunächst schon dadurch, dass alle Dozenten und Gastdozenten der Gegenwartsliteratur angehören. Ich habe ein Seminar gehalten, an dem alle zwei Wochen Autoren wie Durs Grünbein, Georg Klein, Antje Ravic Strubel und andere teilnahmen, mit denen wir uns auf ein bestimmtes Buch oder eine Erzählung geeinigt haben. Dazwischen standen eigene Texte zur Debatte. Die Leute, die bei uns unterrichten, merken sehr schnell, dass sich unsere Studierenden nur zwei, drei Stunden von Selbstdarstellern beeindrucken lassen. Dann bleiben sie einfach weg.

Falter: Ist schon jemand gescheitert?

Josef Haslinger: Ja. Da sitzen dann halt nur mehr drei Leute im Seminar. Insgesamt haben wir ein recht gutes Verhältnis zu den Studenten, die wir ja gut kennen: Mehr als sechzig gibt es nicht, und von denen sind nur vierzig am Institut präsent, weil die anderen schon an der Diplomarbeit schreiben. An der wöchentlichen Besprechung, bei der alles diskutiert wird - vom Budget bis zu den Lehrinhalten und der Frage, welche Gastprofessoren einzuladen sind -, nehmen auch zwei Studentenvertreter teil. Es kann durchaus vorkommen, dass ich mit denen alleine dasitze, weil die anderen Professoren gerade keine Zeit haben.

Falter: Wenn man das Institut schließlich mit Diplom verlässt - was zählt das?

Josef Haslinger: Gar nix. Das kann man sich aufhängen - zur Erinnerung daran, was man die letzten Jahre so gemacht hat. Wenn man doch kein Schriftsteller wird, hat man immerhin einen akademischen Abschluss.

Falter: Aber wenn man mit dem Diplom zu einem Verlag geht, um sein Manuskript einzureichen ...

Josef Haslinger: Das ist was anderes! Wenn unsere Absolventen Manuskripte an literarische Verlage schicken, können sie davon ausgehen, dass die Manuskripte gelesen werden und dass sie eine Antwort kriegen. Darüber hinaus ist die Diplomarbeit ja meist als erste Veröffentlichung gedacht - insofern ist der Studienabschluss für die meisten Studierenden der sekundäre Zweck.

Falter: Und die Lektoren und Agenten umschwirren schon das Institut?

Josef Haslinger: Wir sind keine Vermittlungsagentur, aber es ergeben sich natürlich viele Kontakte. Unter den Autoren, die auf das Ende ihres Studiums zugehen, kursieren Agentur- und Verlagsadressen, und wenn jemand ein Begleitschreiben von mir haben will, kriegt er es auch. Da steht aber nicht viel mehr drin, als dass der oder die Betreffende bei uns studiert hat.

Falter: Und wie wird man nun ein verdammt guter Schriftsteller?

Josef Haslinger: Es ist das alte Lied: Lesen und schreiben - mehr kann man dazu nicht sagen. Und das intensivieren - denn nach dem zweiten Buch stellt sich die Frage: Wie bleibe ich ein verdammt guter Schriftsteller?

Falter: Ein paar Küchenkniffs können Sie uns schon noch schnell verraten.

Josef Haslinger: Es ist ganz gut, eine Distanz zum eigenen Text zu entwickeln, die es einem ermöglicht, diesen fast so zu lesen, als wäre er von einem anderen geschrieben. Lautes Lesen kann dazu beitragen: Man spaltet sich selbst in Leser und Zuhörer. Aber auch die intensive Beschäftigung mit anderen Texten hilft, die nötige Distanz zu gewinnen.

Falter: Liegen lassen?

Josef Haslinger: Hilft auch.

Falter: Wie halten Sie's?

Josef Haslinger: Wenn ich schon einmal 200 Seiten geschrieben habe, ist es unwahrscheinlich, dass ich das ganze Manuskript aufgebe. Die letzten Kapitel werden immer unter Zeitdruck geschrieben. Es dauert oft eine geraume Zeit, bis ich zu dem Punkt komme, an dem ich beginne, mich wohlzufühlen. Die Figuren machen dann nicht mehr das, was ich für sie vorgesehen habe, sondern das, was sie selbst wollen. Alle diese Rezepte für das Schreiben verdammt guter Romane, die ja nicht unsinnig sein müssen, sind meist nicht dazu geeignet, an ein Projekt heranzugehen, sondern allenfalls dazu, es zu kontrollieren.

Falter: Wann kommen Sie überhaupt zum Schreiben?

Josef Haslinger: In der Zeit, in der ich unterrichte, so gut wie gar nicht.

Falter: Sie sind also ein Ferienschriftsteller?

Josef Haslinger: Ja.

Falter: Das heißt, Sie arbeiten dann in Forschungsfreisemestern.

Josef Haslinger: Das ist zu wenig, also muss ich zwischendurch unbezahlten Urlaub nehmen. Das habe ich schon beim letzten Roman so gehalten, und so mache ich es demnächst wieder.

Klaus Nüchtern in FALTER 9/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×