Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens. Prosa und Szenen 2002 - 2004

Max Goldt


In seinem jüngsten, aufwendig betitelten Buch warnt Max Goldt vor übertriebener Gelassenheit und blickt in die Abgründe der Mediengesellschaft.

Will man dieser Tage ein kurzweiliges, manteltaschenadäquates und U-Bahn-kompatibles Buch lesen, das nicht nur über Witz, Esprit, Herzensbildung und Stilsicherheit, sondern auch noch über die beste Buchrückenbeschriftung der Saison verfügt, so greife man zum jüngsten Kompendium mit "Prosa und Szenen" von Max Goldt.

Eiligen Leserinnen und Lesern ist damit genug gesagt, andere sind herzlich eingeladen, weiter zu lesen. "Vom Zb. des seitlich dran Vbgs.", so die Schmalspurtitelung für den Buchrücken, handelt - einmal mehr - "Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens", also von der zivilisatorisch schwer zu überschätzenden Möglichkeit, an den medial ausgeflaggten Parcours des Meinung-haben-Müssens auch einmal graziös vorbeizutänzeln. Als Beispiel hat sich das Titelstück Weihnachten ausgesucht, das der Autor zwar für eine "der drei großen Volksschwächen" (neben Autos und Fußball) hält, aber dennoch vor den peinlichen Zugriffen einer zur Konvention gewordenen Zwangssatirisierung beschützt wissen möchte: "Wir wollen also gar nicht erst anfangen, leise tickende Taschen auf Weihnachtsmärkten abzustellen, sondern gehen kühl lächelnd, geführt von ruhigem, friedlichem Desinteresse, seitlich an ihnen vorbei - und dank der guten baupolizeilichen Bestimmungen in Deutschland ist es ja möglich, seitlich an so ziemlich allem, was hässlich ist, vorbeizugehen!"

Man soll diese Form des alerten Desinteresses aber auf keinen Fall mit Lau-, Lasch- oder Lockerheit verwechseln, die sich dann auch noch das Mäntelchen der Toleranz umhängt, um das Sensorium für Abgrenzung jenem "schäbigen Mangel an Berührungsängsten" zu opfern, der alles "gelassen" nimmt und "locker" sieht. Freilich muss diese Form der Gelassenheitsverweigerung keineswegs mit polternder Polemik einhergehen, weswegen Onkel Max, der immer noch die beste Benimmtante ist, die wir haben, auch schweigende Verachtung empfiehlt:

"Und ist es etwa nötig, jene Bumsmusikkanaille, die auf der Titelseite der ,Bild-Zeitung' wohnt, und deren abgelegte Weiber irgendeines kritischen Wortes zu würdigen? Nein. Stolz und erhaben schweigend am Kiosk vorbeischreiten, und die Fähigkeit dazu an seine Schutzbefohlenen weitervermitteln! Völlig falsch dagegen wäre es, mit der Widerwärtigkeit hedonistische Arrangements zu treffen, indem man sagt, ja, die Bumsmusikkanaille ist schon schlimm, aber sie hat doch einen gewissen authentischen Unterhaltungswert. Eine grässliche Auffassung."

Neben Verhaltenstips für den Alltag (wenn die Ex-Velvet-Underground-Schlagzeugerin Mo Tucker die Sonnenbrillen aufbehält und nicht danach fragt, ob der Platz am Tisch überhaupt noch frei ist, dann darf man sie schweigend verachten und darauf verzichten, ihr vom Konsum staubigen Hotelmüslis abzuraten) hat der jüngste Goldt-Band aber auch noch Wissenswertes aus aller Welt zu bieten. Man erfährt zum Beispiel, dass in Katar Kreisverkehre oft von "westlichem Kunstverständnis sehr fern stehenden Kaffeekannen-Skulpturen" begleitet werden; dass in Kanada die Menschen überkochen "vor Respekt und Liebe füreinander" oder dass die Jugendlichen in Wien viel eloquenter sind als in Berlin. Man wird über den Unterschied zwischen Homo- und Metrosexualität aufgeklärt oder darüber, dass Rucolasalat geschmacklich an Ohrenschmalz erinnert: "Was sind denn das für Leute, die so etwas nicht wissen?"

Mitunter verlässt der Autor aber auch die wohlvertrauten Gefilde kolumnistischer Kritik und Kleinodbeschmuserei. Das 2-Personen-Dramolett "Vom Munzinger-Trash zum Drall nach QQ" erlaubt einen Blick in die Schlünde seelischer und kommunikativer Verwahrlosung vor Radiomikrofonen und erspart ein halbes Dutzend Mediensatiren in Spielfilmlänge; "Der Hugo" spielt ebenfalls im Aufnahmestudio und konfrontiert uns mit der Penetranz eines Möchtegernsprichworterfinders; und "Das Alte Kabel" stimmt uns versöhnlich, weil "eine ruhige, warme Gebrauchsliebe" dann doch nicht daran zunichte wird, dass der Mann seiner Frau zur Kristallhochzeit ein Riesenpuzzle von einer Zwiebel-Thunfisch-Pizza geschenkt hat. Manchmal lässt Max Goldt ja auch Schönes geschehen. Schön von ihm.

Klaus Nüchtern in FALTER 9/2005



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