Hell's Angels

Hunter S. Thompson, Jochen Schwarzer


Wenn ein Autor stirbt, ist in den Druckereien Hochbetrieb angesagt. Würde Hunter S. Thompson (1937-2005) geahnt haben, welch ein Hype kurz nach dem Tod um ihn entstehen wird - der Erfinder des radikal subjektiven Gonzo-Stils hätte sich zwar kaum, wie am 21. Februar geschehen, mit einer seiner geliebten Faustfeuerwaffen erschossen, aber im Gegensatz zu zartbesaiteteren Geistern, die posthum nachgeworfenen Ruhm geschmackslos finden, hätte er bestimmt seinen Spaß daran gehabt. Wir reden hier schließlich von einem Mann, der sich von den "Hell's Angels" halb totprügeln ließ und in seinem gleichnamigen, im Original 1966 erschienenen Skandalbuch über die Bikerbande dennoch streckenweise fast zärtliche Worte für diese mehr oder weniger wahllos plündernden und vergewaltigenden Outlaws fand. "Wir sind die Einprozenter, Mann: Das eine Prozent, das nicht dazugehört und dem das scheißegal ist", ließ sich Thompson von einem Hell's Angel erzählen, und letztlich fühlte er sich als Autor einem ähnlichen Credo verpflichtet. Nur so lässt es sich wohl erklären, dass er bis kurz vor seinem Selbstmord in wüsten Pamphleten gegen die Wiederwahl von Bush wetterte und gleichzeitig mit derselben Leidenschaft das heilige Recht des US-Bürgers auf seine persönliche Waffensammlung verteidigte.

Um eine nachhaltige Breitenwirkung als Autor zu erzielen, war Thompson schlicht zu widersprüchlich und unangepasst. Seinen Einfluss auf den Musikjournalismus - eine Zeit lang war er auch als Reporter für den Rolling Stone tätig - und mehrere Generationen junger, mit herkömmlichen Konzepten des Erzählens unzufriedene Schriftsteller ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. Was die schreibende Thompson-Leserschaft - etwa die gleichfalls Journalismus und Literatur vermischenden Popliteraten - daraus machten, ist eine andere Sache. Bislang kaum bekannte Texte wie der jüngst wieder aufgetauchte erste Roman "The Rum Diary" (1959) demonstrieren jedoch, dass Thompsons eigene Schreibe bis heute nichts von ihrer unmittelbaren Wirkung verloren hat.

Sebastian Fasthuber in FALTER 9/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×