Wir sind Kinder

Armin Kratzert


Big Data und der Wunsch, das Netz abzuschalten

Der Münchener Schriftsteller, Journalist und Kurator Armin Kratzert (Jg. 1957) war Mitbegründer der TV-Kultursendungen „Capriccio“ und „Druckfrisch“. Sein literarisches Werk ist über Bayern hinaus praktisch unbekannt, obwohl er gewitzt zu ­schreiben versteht und für Romane wie „Playboy“ (im Salzburger Jung und Jung Verlag erschienen) fast durchwegs gute Kritiken erhielt.
Mit „Wir sind Kinder“ ist ihm nun ein flirrendes, verdammt zeitgenössisches Buch gelungen, deren Ton, Stimmung und Blick auf die Welt an Autoren wie Christian Kracht, Michel Houellebecq oder Bret Easton Ellis erinnern.
Es ist angesiedelt in einer namenlosen Stadt samt Umland mit Seen und Bergen, es könnte sich also um München handelt. Studienverweigerer Nelson hat sich ein unauffälliges, einfaches Leben eingerichtet, das sich auf ein Zimmer in Untermiete und Herumstreunen konzentriert. So schlecht geht es ihm freilich nicht, zählen zu seinen Bekannten doch die wohlhabenden Geschwister Enno und Hannah sowie der charismatische Tausendsassa Johnny.
Letzterer hat Unmengen von Ideen und ständig neue Pläne. Was Johnny antreibt, ist der ständige Wunsch nach Informationsvorsprung, den er an der Börse zu Geld macht. Irgendwann jedoch ergreift die Angst, Big Data könnte die reale Welt völlig auffressen, von ihm Besitz – und er fasst den wahnwitzigen Plan, das Internet abzudrehen. Nelson ist ihm wie ein Detektiv auf den Fersen, tappt aber atemlos stets ein, zwei Schritte hinterher. Oder ist alles nur ein großes Spiel, das Aufsteiger Johnny und Rich Kid Enno inszenieren, um sich nicht langweilen zu müssen?
„Wir sind Kinder“ entwirft eine Welt, die unserer Gegenwart sehr ähnlich sieht. Sie ist geprägt von Chaos, fragilen und schwer durchschaubaren Beziehungen sowie – nicht nur im Netz – höchst unklaren Identitäten. Damit das Ganze nicht zu verkopft wird, erzählt dieser angenehm schnörkellos geschriebene Roman auch eine schöne Geschichte von Liebe, Freundschaft, Verschwörung und Verrat.

Sebastian Fasthuber in FALTER 18/17



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