Gegen Demokratie. Warum wir die Politik nicht den Unvernünftigen überlassen...

Jason Brennan


Vulkanische Edelwähler gegen Trump-Hobbits

Der Philosoph und Politologe Jason Brennan liefert eine Polemik gegen Demokratie und für eine Herrschaft der Eliten

Trump, Brexit, Erdoğan, Orban – die Freunde der liberalen Demokratie sind derzeit gewaltig unter Druck: Wie kann es sein, dass das Volk – der Demos – dermaßen unvernünftige Sach- und Wahlentscheidungen trifft, die geeignet sind, die Substanz der Demokratie, so wie wir sie kennen, ernsthaft zu gefährden? Das Dauerbombardement durch rechte Propaganda zwingt Demokraten dazu, über die scheinbar so selbstverständliche Geschäftsordnung unserer westlichen Gesellschaften noch einmal gründlich nachzudenken. Auch über die Demokratie selbst.
Der amerikanische Philosoph und Politologe Jason Brennan von der Washingtoner Georgetown University befeuert diese Diskussion mit seinem nicht nur im Titel provozierenden Buch „Gegen Demokratie“.
In der von ihm skizzierten Welt gibt es drei Wählertypen: die apathisch-ahnungslosen und vollkommen desinteressierten Hobbits auf der einen Seite. Und die etwas besser informierten, aber leider fanatisierten Hooligans auf der anderen. Die zweite Gruppe könnte man wohl auch Stammwähler nennen.
Diese beiden in Brennans gedanklichem Experiment zahlenmäßig etwa gleich starken Bevölkerungsgruppen werden durch eine kleine Elite von Vulkaniern ergänzt, die ihre politischen Entscheidungen leidenschaftslos, sachorientiert, hochkompetent und rational fällt. Ganz so, wie man den spitzohrigen Vulkanier Spock aus der Serie „Raumschiff Enterprise“ kennt. Und ganz so, wie es Professor Brennan offenbar für wünschenswert hält.

Vulkanier an die Macht
Er macht keinen Hehl daraus, dass eine Demokratie mit einem gleichen Wahlrecht für alle aus seiner Sicht keine guten Resultate erzeugen kann. Er gibt sich jedenfalls rund 400 Seiten lang größte Mühe, den systematischen Nachweis dafür zu erbringen. Allerdings geht er dabei weniger empirisch als fast ausschließlich philosophisch, also logisch vor.
Tatsächlich kann er so mühelos nachweisen, dass Wahlentscheidungen häufig unwissend, irrational, überfordert, ja sogar unmoralisch getroffen werden. Weil es opportunistische Politiker gibt, die dem Volk nach dem Mund reden, oder weil viele Bürger einfach den äußerlich attraktiveren Kandidaten wählen oder die Regierung einfach nur für schlechtes Wetter abstrafen wollen.
Diese inkompetenten Wahlentscheidungen können nicht durch den aufrichtigen, moralischen und besser informierten Teil der Wählerschaft ausgeglichen werden. Deshalb ist eine Demokratie mit gleichberechtigten Wahlbürgern sehr unvollkommen. Sie können laut Brennan einfach keine guten, das heißt gerechten Entscheidungen treffen.
Er schlägt als Alternative eine Epistokratie vor, also die Herrschaft der Wissenden, um der Gemeinschaft das zu geben, was sie angeblich am meisten braucht: kompetente Entscheider. Diese Wissens-Aristokratie soll durch formale Bildungsabschlüsse oder durch staatsbürgerliche Wissenstests ermittelt werden und ersetzt entweder das normale Wahlvolk ganz oder bekommt einfach mehr Stimmen als die unqualifizierten Bürger.
Das erinnert an das preußische Dreiklassenwahlrecht. Während unter König Friedrich Wilhelm IV. das Stimmrecht nach der Steuerleistung gewichtet wurde, wird bei Brennan die demokratische Gesellschaft nicht durch Besitz, sondern durch Bildung geordnet. Brennan ist natürlich klar, dass es einen Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen gibt.
Sollen also etwa in den USA künftig vornehmlich weiße Männer entscheiden und schwarze Frauen weitgehend von Wahlen ausgeschlossen werden? Ja, sagt Bren­nan. Aber warum sollten die Entscheidungen dann gerechter sein, auch im Sinn der nicht Beteiligten?
Die offensichtliche Benachteiligung schwarzer Frauen dürfte durch eine Herrschaft noch so weiser weißer Männer kaum überwunden werden, sondern sie eher noch vertiefen.
Eine Elitenherrschaft schafft vermutlich mehr Probleme, als sie lösen kann. Denn sie demütigt die Ausgeschlossenen, unterhöhlt die Legitimation der Regierung, schwächt die Akzeptanz ihrer Gesetze und zersetzt so den Zusammenhalt der Gesellschaft. Keine gute Leistungsbilanz, das kann Demokratie besser.

Es kommt nichts Besseres nach
Wie vorübergehend eine solche Expertenherrschaft sein und wohin ein solcher Elitismus führen kann, das lehrt die noch junge Geschichte der AfD (Alternative für Deutschland). Die war unter der Führung ihres ersten Vorsitzenden Bernd Lucke in der öffentlichen Wahrnehmung eine D-Mark-patriotische Professoren- und Besserwisserpartei, deren rechtsnationaler Charakter erst nach dem Sturz der Prof-Clique für alle offenbar wurde.
Natürlich liest sich Brennans akademisches Gedankenspiel vornehmlich wie ein polemischer Kommentar gegen Trump und seine Wähler.
Aber man kann das Buch mit seiner provokativen Kritik an der Demokratie auch wie ein Plädoyer für die klassische repräsentative Demokratie lesen, die sich gegen populistische Tendenzen ebenso zur Wehr setzen muss wie gegen eine allzu großzügige Ausweitung direktdemokratischer Möglichkeiten. Denn an „mehr Demokratie wagen“ (Willy Brandt) sind derzeit vor allem die manipulativen Demokratieverächter interessiert.
Das wusste ja schon Winston Churchill: Die Demokratie ist voller Fehler, aber es gibt eben nichts Besseres: keine Diktatur, keine Monarchie.
Und eben auch keine epistokratische Elitenherrschaft.

Claus Heinrich in FALTER 17/2017



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