Im Vorhof der Schlacht. Österreichs alte Medienmonopole und neue Zeitungskriege

Harald Fidler


"Sieg, Sieg, Sieg"

Noch bevor dieses Schiedsgericht erstmals tagte, erklärte Dichand den "Krieg" und seinen Sohn Christoph Anfang 2003 zum Chefredakteur. WAZ-Chef Schumann hat einen seiner höflicheren Tage, wenn er heute von "einem großen Fragezeichen" spricht,
"ob Herr Christoph Dichand der beste Chefredakteur ist". Doch 2003 einigten sich die WAZ und Dichand noch einmal: Die Essener durften Krone-Sportchef Michael Kuhn zum zweiten, Christoph gleichberechtigten Chefredakteur bestellen. Hans Dichand blieb zwar Herausgeber und Hauptgeschäftsführer, über das Personal der Redaktion entscheiden seither aber die beiden Chefredakteure.

KRONEN ZEITUNG Hans Dichand feiert seinen angeblichen Triumph im "Krieg" um Österreichs größtes Kleinformat. Doch die Feinde im eigenen Haus wird der betagte Zeitungsgründer nicht los. Und die Konkurrenten der "Krone" freuen sich.

Hans Dichand hat Freitagnachmittag bestimmt vor Schadenfreude gegluckst, als der 84-jährige Herausgeber des größten Kleinformats die Schlagzeile der Samstagsausgabe der Krone musterte: "Die Deutschen beneiden uns!" Wer Dichand und sein Organ kennt, weiß, dass die Headline nicht für die 2.925.000 Leser formuliert war, für die es um Österreichs Wirtschaftswachstum ging. Die Schlagzeile galt Erich Schumann. Der 74-jährige Schumann ist Geschäftsführer und Gesellschafter der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), des zweitgrößten Zeitungsverlags Deutschlands. Exakt fünfzig Prozent an der Kronen Zeitung gehören dem Konzern aus Essen, exakt gleich viel Hans Dichand.

Dienstag kam Post aus Zürich, ein großzügig befülltes Kuvert. Mehr als hundert Seiten Urteil jenes Schiedsgerichts, das die WAZ 2003 bemüht hat, um Hans Dichand als Hauptgeschäftsführer der Kronen Zeitung abzusetzen. "Sieg, Sieg, Sieg", soll der Krone-Gründer gerufen haben, als er in die Redaktionskonferenz eilte: Dichand darf bleiben. "Klares Urteil im Krone-Konflikt", lautete die Schlagzeile am Mittwoch, "Schweizer Schiedsgericht bestätigt Hans Dichand als Hauptgeschäftsführer", stand rot darüber. In 29 Zeilen, für den gemeinen Leser etwas zusammenhanglos, erklärte eine "Gruppe Dichand" auf Seite drei die Headline. Die WAZ tobte über viele angebliche Unwahrheiten in den wenigen Zeilen. Einen Text im Blatt über die Essener Position zum Streit wusste die "Gruppe Dichand" zu verhindern.

Satte 713.346 Euro und 21 Cent stehen Hauptgeschäftsführer Dichand Monat für Monat als "Vorabgewinn" zu, also circa 8,7 Millionen Euro pro Jahr. Formidabel verhandelt, als Dichand 1987 binnen weniger Monate einen neuen Gesellschafter brauchte, um Kurt Falk auszuzahlen. Mit Falk hat Dichand die Krone gegründet, mit Falk stritt er jahrzehntelang. Falk wäre Dichands Lebenswerk zugefallen, hätte dieser keinen Financier gefunden.

"Wir sind nicht Feind unseres Geldes", sagt Schumann über die WAZ, stets auf die höchsten Renditen bedacht. Da schmerzt Dichands Vorabgewinn doppelt, wenn er unabhängig vom tatsächlichen Gewinn der Krone ausbezahlt wird. Noch dazu, wo sich die sagenhaften Gewinne des Kleinformats - kolportiert werden bis zu 65 Millionen Euro - bald nach dem Rekordjahr 2000 mehr als halbierten.

Eineinhalb Jahrzehnte lang ließen es sich die WAZ-Männer nicht anmerken, ob sie sich an den großen Kampagnen des Kleinformats stießen, auch nicht an rechten Untertönen. Mit sinkenden Gewinnen freilich wurden Beschwerden laut, etwa über die Anti-Temelín-Schlagzeilerei der Krone. Sie wuchsen mit Dichands Bestemm, seinen jüngsten Sohn Christoph zum Chefredakteur des Blattes zu machen. Papa D. hatte dafür 2002 schon ein Schiedsgericht angerufen, wie es die Verträge mit der WAZ für Streitfragen vorsehen.

Exakt an diesem Punkt steht die Krone auch zwei Jahre, zahllose Gerichtsverhandlungen und ein aufwendiges Schiedsverfahren später. Denn die Schiedsrichter ließen nicht nur die WAZ mit ihrer Forderung abblitzen, Dichand senior als prachtvoll dotierten Hauptgeschäftsführer abzusetzen. Sie wiesen auch die "Widerklage" Dichands ab, in der er forderte, dass Christoph künftig alleine Chefredakteur spielen darf und der Senior die Personalhoheit für die Redaktion zurückbekommt.

Die Situation ist damit "zementiert", lautet die Formel aus Essen. Kostenpunkt der Erkenntnis: zwei Millionen Euro, aufgeteilt auf die WAZ und Dichand. Geradezu günstig im Vergleich zu einem Hauptgeschäftsführer Dichand. Mit kühlem Rechnen hat der Konflikt aber längst nichts mehr zu tun. Hier duellieren sich zwei Herren im fortgeschrittenen Alter, die sich um jeden Preis durchsetzen wollen.

"Das Urteil ändert genau nichts an der bestehenden Situation", sagt Horst Pirker, Vorstandschef der Styria (Kleine Zeitung). Als Präsident des Zeitungsverbandes formuliert er höflich: "Das heißt, die Kronen Zeitung ist in ihrem Segment erfolgreich und wird das auch bleiben." Ob ganz so erfolgreich, fragt sich: Wenn der Streit der Gesellschafter Entscheidungen in der Krone blockiert, erleichtert er den Brüdern Fellner den Start ihrer heuer oder spätestens 2006 geplanten Tageszeitung. Mit News, tv-media & Co haben die Fellners schon gezeigt, wie sie Märkte aufmischen.

"Jetzt, wo klargestellt ist, dass Dichand nicht abgesetzt werden kann, gibt es vielleicht die Möglichkeit, dass beide Seiten sine ira et studio an den Verhandlungstisch zurückkehren", rät Hans Mahr mit Blick auf das Fellner-Projekt. Mahr war lange Jahre Innenpolitikchef und schließlich Geschäftsführer der Krone, bevor er 1994 zu RTL ging.

Kompromissbereit klingen vorerst weder Dichand noch die WAZ. Der Kleinkrieg geht munter weiter. Der Krone-Betriebsrat berief für vergangenen Donnerstag eine Betriebsversammlung ein, in der beide Gesellschafter ihre Sicht des Urteils erklären sollten. Als die WAZ ihren Statthalter in Wien für diese Aussprache nominierte, sagte Dichand ab. Statthalter ist Friedrich Dragon, langjähriger Co-Chefredakteur, den der Krone-Gründer 2001 aus dem Blatt geworfen hatte. Noch so ein persönlicher Konflikt. Als "vertrauensunwürdige Person" habe ihn Dichand für die Betriebsversammlung abgelehnt, berichtet Dragon, der sich das "nicht gefallen lassen" will. Der Betriebsrat indes habe die Betriebsversammlung nach Dichands Nein abgesagt. Ein Indiz, wie die Belegschaftsvertreter die Machtverhältnisse beim Kleinformat einschätzen. Und Dichands Anwälte dachten schon laut über ein weiteres Schiedsverfahren nach, um Christoph Dichand die alleinige Chefredaktion und dem Herrn Papa die Personalhoheit zurückzuerobern.

Auch ihr altes Spiel haben Dichand und die WAZ wieder aufgenommen: Gesellschafter A lässt Gesellschafter B öffentlich ausrichten, dass er den Anteil des jeweils anderen kaufen möchte. "Unter keinen Umständen" trennt sich Hans Dichand von seinen fünfzig Prozent, ebenso abwegig ist der Gedanke für die Essener. "Dichand hat nicht verloren, und das ist schon ein Erfolg für ihn. Dennoch wird die WAZ Wien niemals aus der Hand geben", sagt Eugen Russ, Eigentümer der Vorarlberger Nachrichten. "Das Investment in Österreich hält locker ein paar Jahre Querschüsse aus. Die Herren aus Essen denken langfristig, und sie werden das Unternehmen in absehbarer Zeit noch besser kontrollieren können." Wohl eine zarte Anspielung auf Dichands Alter und die Perspektiven nach ihm. Gibt Dichand den Job als Hauptgeschäftsführer ab, können beide Gesellschafter gleichberechtigte Manager bestellen. Der fette Vorabgewinn wäre Geschichte.

Hinter vorgehaltener Hand sinnieren die Herren aus Essen darüber, wer Dichands fünfzig Prozent an der Krone erbt. Offenbar hoffen sie, dass eines seiner drei Kinder dereinst doch verkauft und so der WAZ eine Mehrheit verschafft. Mit Interesse verfolgen die Deutschen, dass Christophs Frau Eva gerade im Medienmanagement schnuppert: Sie übernimmt laut profil die Geschäftsführung des Monatsmagazins Die Stadt, das kostenlos an Mieter von Wiener Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen geht. Die Stadt erscheint im Dunstkreis des Wiener SP-Wohnbaustadtrats und Dichand-Intimus' Werner Faymann und greift gern auf Personal mit Krone-Bezug zurück - wie auch die U-Bahn-Zeitung Heute. Deren Financiers blieben bis heute im Dunkeln. Dem Heute-Chefredakteur hatte Hans Dichand die Leitung seines Lieblingsprojekts U-Express anvertraut, ehe die WAZ dieses Gratisblatt gegen Dichands Willen einstellte. Bestimmt reiner Zufall, dass Heute teils wortgleich mit der Krone von einem "klaren Urteil" des Schiedsgerichts und einer "klaren Niederlage" der WAZ schrieb. Dichand dementierte stets, dass er etwas mit Heute zu tun hat. Auch seiner Schwiegertochter Eva will er nahe gelegt haben, sich dort nicht zu engagieren. Warum der Warnhinweis an die Investmentbankerin? "Die ist so ein bissel ehrgeizig."

In Essen dürfte man sich Hoffnungen machen, dass die Ambitionen von Christoph Dichands Frau Eva dessen Geschwister argwöhnen lassen. Motto: Was die Erben entzweien könnte, freut die WAZ. Wohl deshalb liest man in der Krone nun von einer "Gruppe Dichand". Das demonstriert Geschlossenheit.

"Ich bin von Herzen froh, mit diesen Leuten schon seit Jahren nichts zu tun zu haben", sagt Dichands langjähriger Kompagnon Kurt Falk (Die ganze Woche). Das würden wohl auch Dichand und die WAZ gerne voneinander behaupten. Doch diesem Zustand sind sie keinen Schritt näher gekommen.

Martin Droschke in FALTER 8/2005



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